“Kafkas Puppe” von Gerd Schneider

Inhalt

Berlin, 1923. Ein kleines Mädchen weint um seine verlorene Puppe. Ein Mann spricht sie an – und behauptet, die Puppe sei auf Reisen gegangen. Von nun an bringt er ihr jeden Tag einen Brief von ihrer Puppe. Dieser Mann ist der bereits schwerkranke Schriftsteller Franz Kafka und die Begegnung mit dem Mädchen sowie die Puppenbriefe hat es tatsächlich gegeben.

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Die heilende Kraft der Fantasie

kafkas-puppe-071964728Wenige Wochen vor seinem Tod macht Franz Kafka bei einem Spaziergang durch den Steglitzer Park eine ganz besondere Bekanntschaft: Auf einer Bank begegnet ihm ein kleines Mädchen namens Lena. Sie ist unglücklich und weint, denn sie hat ihre Puppe verloren. Um das Kind zu trösten, erklärt er, dass er sie gesehen habe. Sie sei nur auf Reisen gegangen. Das Mädchen ist anfangs skeptisch. Wie sollte denn eine Puppe verreisen? Und woher will dieser an eine Fledermaus erinnernde, große, hagere Fremde das überhaupt so genau wissen?

Kafka erfindet Geschichten, die er die Puppe erleben lässt. Er verfasst Briefe für Lena, angeblich von ihrer Puppe persönlich.

Man kann vermuten, dass er sich ein Stück weit in dem Kind wiederfinden konnte. Elternlos lebt sie in einem Waisenhaus, aus dem sie sich immer wieder in den Park hinausflüchtet. Sie hat nichts und niemanden, nur diese Puppe. Er macht ihr ein großes Geschenk: Er gibt ihr Fantasie und Geschichten, eine Art Fahrkarte hinaus aus der Ausweglosigkeit.

Tag für Tag überreicht Kafka ihr einen Brief von der geliebten Puppe. Ihr Verschwinden erklärt er als verzweifelte Flucht vor einem Hund.

Es ist unendlich berührend: Der schwerkranke Franz Kafka versucht mit letzter Kraft am Ende seines Lebens einem anderen Menschen zu helfen, der gerade erst am Beginn des Lebens steht. Ein letztes Mal lässt er seine Seele fliegen, erfindet Abenteuer, schöpft Kraft aus seinem Tun und gibt Kraft.

Während er sonst düstere Parabeln der Gottferne, der Einsamkeit und der ohnmächtigen Ausweglosigkeit verfasste, sind die Erlebnisse der Puppe voller Hoffnung und Freude. Er schenkt ihr in seinen Zeilen das, was ihm versagt blieb: ein glückliches, erfülltes Leben.

Auch Franz Kafkas eigenes Dasein wird ein Stück weit transparent. Man erfährt von der letzten Lebensphase in Berlin und vom Leben mit seiner damaligen Weggefährtin, Dora Diamant. Dabei gestaltet Journalist und Autor Gerd Schneider diese Tage mit viel Einfühlungsvermögen und überaus kenntnisreich. Historische und fiktionale Elemente verbinden sich zu einer Erzählung, die berührt und den Menschen Franz Kafka mit aller Warmherzigkeit lebendig werden lässt.

Dem Dichter bleiben nur wenige Wochen. Er weiß es und auch, dass er für Lena diese begonnene Geschichte abschließen muss. Nur dann würde das Mädchen Frieden mit dem Verlust schließen können. Ein Stück weit greift Schneider auf tatsächliche, biographische Quellen zurück. Darunter auf Franz Kafkas “Briefe an Ottla und die Familie” und besonders auf Dora Diamants: “Mein Leben mit Franz Kafka”.

Kafka stirbt im Alter von 40 Jahren am 03. Juni 1924 in einem Sanatorium an Kehlkopftuberkulose.

Alle Versuche, das Mädchen zu finden, sind bislang im Sande verlaufen. Was aus ihr und den Briefen geworden ist, darüber kann nur spekuliert werden. Das Ende des Buches versucht eventuell erneut einen Brückenschlag in die Realität, denn es bietet in Ansätzen eine mögliche Erklärung für diesen Umstand.

Geeignet ist diese rührende Geschichte ausdrücklich für junge Leser. Allerdings ist schwer vorstellbar, dass sie das Buch selbst entdecken. Ohne entsprechendes Hintergrundwissen bleibt das Buch vermutlich eher schwer zugänglich. Weder der Titel noch die Handlungskonstruktion scheinen spannend oder ansprechend für Jugendliche. Ein Einsatz innerhalb des Deutschunterrichts dagegen ist durchaus vorstellbar. In verständlicher und klarer Sprache entfaltet sich die Handlung. Vorrangig geht es darum, Lena zu helfen. Aber auch der Autor wird in seiner Person und mit seinen zentralen Lebenskonflikten ein Stückweit sichtbar: Die schwierige Beziehung zum Vater, die Auseinandersetzung mit seiner lebensbedrohlichen Erkrankung und das Erleben des Scheiterns haben tiefe Spuren in dem feinfühligen Schriftsteller hinterlassen. Das weckt Interesse an seinem Werk. Vielleicht führt es sogar zu einer tiefen Auseinandersetzung mit den literarischen oder biographischen Hinterlassenschaften und trägt zu einem besseren Verständnis der vieldeutigen Texte bei.

Wer sich für Kafka interessiert, wird dieses Buch in jedem Fall schätzen. Es ist eine wunderbare Lektüre für Lesende aller Altersklassen, die den Menschen hinter der Literatur suchen und ein Stückweit besser verstehen wollen.

Das Buch selbst ist eine Augenweide und zeigt, aus welchem Grund ein hochwertig gedrucktes Buch aus Papier nie vollständig durch ein e-Book ersetzt werden kann: Der Schutzumschlag ist sehr aufwändig gestaltet; Leineneinband und Lesebändchen runden das Erlebnis ab.

Der Journalist und Autor Gerd Schneider, geboren 1942, studierte Germanistik und Theaterwissenschaft. Seit 1980 schrieb er zahlreiche Romane, Sachbücher und Fernsehdrehbücher.  Er lebt in Niederkassel bei Bonn.

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Categories: Belletristik, Biographien, Literatur

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