“Die Heimkehr” – DVD (Rezension)

“Heimkommen wollte ich. Mit dir wäre ich überall daheim.” 

HEIMKEHR
____________

Vor 30 Jahren verließ August Staudenmeyer (August Zirner) das schwäbische Örtchen Gerbersau mit nichts als Schande im Gepäck. Dass aus ihm etwas Anständiges werden könnte, glaubte niemand. Am wenigsten wohl sein Vater. Doch August wandert aus, nach England, dann nach Russland, und wird ein angesehener Geschäftsmann. An Geld mangelt es nicht. Aber vielleicht an Anerkennung und Geborgenheit. Sehnsucht zieht den Witwer schließlich nach Hause zurück, an den Ort seiner Kindheit. Er will Frieden schließen mit der Vergangenheit. Die Entfernung, vielleicht auch die Jahre mögen manche Erinnerung verklärt haben. Am Anfang durchwandert er mit einer Mischung aus Sentimentalität und Staunen die bekannten und nun doch so fremden Gassen. Vieles hat sich verändert: Sein Vater lebt nicht mehr. Geschäfte sind geschlossen, alte Freunde und Bekannte verzogen, verstorben oder gescheitert.

Zunächst wird August begeistert empfangen; sein Wunsch nach einer Heimat scheint sich zu erfüllen. Doch die Freundlichkeit entpuppt sich schnell als vordergründig, und hinter der Fassade der spießigen Kleinbürger tun sich Abgründe auf. Schon vom Kleidungsstil unterscheidet sich der Heimgekehrte deutlich von den Einwohnern: Im hellen Leinenanzug ist und bleibt er ein Fremdkörper, ein Farbklecks im grauen Einerlei. Natürlich eckt er an, natürlich fällt er auf. Erst durch seine spendable Art und Freundlichkeit, dann durch seine liberale Grundhaltung. 
Mehr und mehr wird August Staudenmeyer bewusst, dass es in Gerbersau keinen Platz für ihn gibt. Gegen die Engstirnigkeit, Hartherzigkeit und Bigotterie der in Konventionen und Traditionen erstarrten Einheimischen ist nicht anzukommen.

Verschärft wird diese Erkenntnis durch seine Bekanntschaft mit Katarina Endriss (Heike Makatsch). Die junge Witwe pflegt ihre psychisch kranke Schwägerin hingebungsvoll und weigert sich, sie auf öffentlichen Druck hin in eine Anstalt einweisen zu lassen. Zudem muss sie sich gegen die Avancen verheirateter Männer, darunter der Bürgermeister (Herbert Knaup) und der Oberamtsarzt (Gottfried Breitfuß) behaupten. In Gebersau ist sie eine Ausgestoßene und allen möglichen Schikanen ausgesetzt. “Es ist einfacher, mit dem Strom zu schwimmen”, sagt sie an einer Stelle. Aber das haben weder sie noch August je getan. In der Ausgrenzung, die die junge Frau erfährt, aber auch in ihrem Ausgeliefertsein erkennt August Staudenmeyer sich selbst. Letztendlich muss er erkennen, dass sich die Dinge nur äußerlich verändert haben. Die Menschen sind geblieben, wie sie waren. Den Weg aus der berückenden Enge wählen sie nach einer folgenschweren Katastrophe zusammen: desillusioniert, aber ohne Bitterkeit.

“Die Heimkehr” ist ein sensibler Film über zwei unangepasste Außenseiter, die auf der Suche nach Halt und Geborgenheit sind. Heimat finden sie jedoch nicht in der schwäbischen Kleinstadt; sie finden sie ineinander.  

FILMISCHE UMSETZUNG
____________ 

Der Film orientiert sich weitgehend an einer autobiographisch geprägten, frühen Erzählung Hermann Hesses. Jo Baier verdichtet die Erzählung mit Bestandteilen und Figuren anderer Hesse-Werke und erhöht die Bedrohung: Katarinas Schwägerin Berta (Annette Paulmann) ist kontinuierlich der Gefahr einer Einweisung in die Anstalt ausgesetzt; Brandstiftung, Mord, Alkoholismus und Ehebruch sind den braven Kleinbürgern ebenfalls nicht fremd. Die Figur der schönen Leonore (Margarita Broich), die bei Hermann Hesse nur eine kleine Rolle inne hat, wird hier zum Dreh- und Angelpunkt der Handlung. Neu ist auch die Einführung des Jugendfreundes Hermann Mohr (Oliver Stokowski), der als verkanntes Genie in Gebersau verkümmert ist. Er kontrastiert wirkungsvoll mit August Staudenmeyer, der – vielleicht mit weniger Begabung – seinen Weg gemacht hat. Wäre er in der Heimat geblieben, wäre er vermutlich ebenso in der Enge erstickt wie der Bürgermeister, Leonore oder sein Freund “Mohrle”. 

Allein aufgrund seiner Ähnlichkeit mit Hesse ist August Zirner, der sich als herausragender Charakterdarsteller erweist, hier eine ideale Besetzung. Heike Makatsch überzeugt als fleißige Witwe mit grünem Daumen. Ihr gelingt die Verkörperung der stolzen jungen Frau, die in der Fürsorge ihrer Schwägerin aufgeht. Ihre Beziehung mit August Staudenmeyer wirkt nicht erotisch, aber emotional. Letztendlich sind sie vor allem Seelenverwandte.

Als Bonusmaterial sind Interviews mit Regisseur Jo Baier und den Hauptdarstellern August Zirner, Heike Makatsch und Oliver Stokowski sowie dem Redakteur Dr. Manfred Hattendorf enthalten. Sie äußern sich zu ihren Figuren, der Bedeutung Hermann Hesses in ihrem eigenen Leben, man bekommt Einblicke in die Dreharbeiten und vieles mehr. Besonders spannend: Um auch den schwäbischen Zungenschlag zu erhalten, spielen Laien und Profis Seite an Seite. Um Gerbersau zum Leben zu erwecken, wurde an vielen unterschiedlichen Orten gedreht. Das Ergebnis dieser ersten genehmigten Hesse-Verfilmung überzeugt: “Die Heimkehr” ist ein überaus sehenswerter, atmosphärisch dichter Film. 

Wunderbar stimmungsvoll ist auch der Soundtrack, besonders der Song “The River” von Hesse-Leser Udo Lindenberg.

DER AUTOR
____________

Hermann Hesse kam 1877 im württembergischen Calw zur Welt, das vermutlich für die fiktive Kleinstadt Gerbersau Pate stand. Er war der Sohn eines protestantischen Missionars und litt sehr unter dem Pietismus und der bürgerlichen Enge seiner Zeit. Ab 1891 besuchte er für ungefähr ein Jahr das theologische Seminar in Maulbronn. Nach einem Suizidversuch 1892 brachten die Eltern ihn in eine Nervenheilanstalt bei Stuttgart. Drei Jahre später begann Hermann Hesse eine Lehre als Buchhändler. Doch seine Leidenschaft galt dem Schreiben. Dichter wollte er werden, Dichter oder gar nichts. Schon im Alter von 27 Jahren konnte er von seinen Einkünften als Schriftsteller leben.

Unvergesslich sind seine Werke “Unterm Rad” (1906), “Demian” (1919) oder “Der Steppenwolf” (1927). 1946 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet; 1955 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Heute gilt Hermann Hesse als einer der bekanntesten deutschen Autoren des 20. Jahrhunderts. Er starb 1962 in Montagnola bei Lugano (Schweiz).

 

Advertisements


Categories: DVDs - Filme und Serien, DVDs -Filme

Tags: , ,

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s