“Schluss mit der Umerziehung!: Vom artgerechten Umgang mit den Geschlechtern. Wie Frauen in Unternehmen endlich aufsteigen und Jungen in der Schule nicht weiter abstürzen” von Gisela Anna Erler

 

 

Schluss

MUT ZUR UNGLEICHHEIT

Die reale Gleichstellung von Männern und Frauen ist in Deutschland noch nicht erreicht. In der Schule versagen die Jungen,  auf der Karriereleiter die Mädchen.  Zumindest schaffen sie es selten in die Top Jobs, denn in Wirtschaft und Politik sitzen mehrheitlich Männer auf den bestbezahlten Stühlen. Im Privatleben stehen gebildete, heterosexuelle Frauen später vor dem Problem, einen passenden Lebenspartner zu finden. Denn die männlichen Bildungsverlierer von heute sind morgen als potentielle Partner unter Umständen nicht interessant.

 

“Schluss mit der Umerziehung” fordert nun Gisela Erler, seit 2011 Staatsrätin in Baden-Württemberg, und rät zu einem „artgerechten Umgang mit den Geschlechtern“. Geschlechtsspezifische Stärken sollen wahrgenommen und gefördert, nicht etwa abtrainiert werden.

 

DIVERSITY MANAGEMENT

Gisela A. Erler, Tochter des SPD-Politikers Fritz Erler, bewegt sich damit in Bahnen des  Diversity Management bzw. Vielfaltsmanagements.

 

Diversity Management akzeptiert die die individuelle Verschiedenheit der Mitarbeiter und diskriminiert nicht aufgrund von Alter, Behinderung, Geschlecht, Hautfarbe, Lebensstil, Religionszugehörigkeit,  sexueller Orientierung  etc., sondern arbeitet mit positiver Wertschätzung. So wird eine produktive Atmosphäre geschaffen.

 

 

BIOGRAPHISCHER HINTERGRUND

Interessant zu lesen sind besonders die biographischen Teile und die Rückschau der Autorin in die feministischen Debatten zwischen den 1960er und frühen 1980ger Jahren, als der Streit zwischen Gleichheit und Differenz  der Geschlechter aufbrandete. Gisela Erler war politisch aktiv, konnte reden und setzte sich vor allem für Frauenthemen ein.

“Du bist viel zu schade zum Kinderkriegen”, lautete ein Satz, der sie zutiefst erschreckte, als sie schwanger war. Frauen und Männer in ihrem Umfeld betrachteten ihren Rückzug aus Politik und öffentlicher Sphäre als unumgänglich. Allerdings war Gisela Erler überzeugt davon, dass man auch als Mutter ein produktives und intelligentes Leben führen könne. Am Deutschen Jugendinstitut in München, wo sie als Sozialwissenschaftlerin von 1974 bis 1991 diverse Projekte betreute, setzte sie sich schließlich mit dem Modell der Tagesmutter zwischen alle Stühle: Die Progressiven kritisierten, dass die Kinderbetreuung nicht von Profis sondern von Hausfrauen ausgeführt werde; die Konservativen sahen die traditionelle Familie bedroht. Denn eine Tagesmutter ermöglichte gleich zwei Frauen eine Berufstätigkeit: Auch die leibliche Mutter konnte einer Erwerbsarbeit nachgehen.

1991 erhielt sie von BMW den Auftrag, ein Modell zur Lösung von Kinderbetreuungsfragen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu entwickeln. So entstand in München das „Kinderbüro”, das ab April 1992 von den Mitarbeiterfamilien genutzt werden konnte. Andere Unternehmen wurden darauf aufmerksam. Nach und nach entstanden Niederlassungen in anderen Großstädten, das Angebot wurde erweitert und schließlich ein neuer Name gefunden: “Familienservice”. Heute  heißt es  “PME  (Partner für Mitarbeiter Effizienz) Famiienservice GmbH”. Inzwischen ist es zu einem riesigen Betrieb mit 1200 Mitarbeitern und rund 600 Kunden geworden. 

In der Anfangszeit des Unternehmens wurden ausschließlich Frauen beschäftigt; heute sind dort auch Männer beschäftigt. Erlers langjährige Erfahrungen als Unternehmerin, aber auch als Mutter und Großmutter, fließen immer wieder in ihr Buch mit ein. Hier spricht sie als Expertin. Ihr Grundgedanke bei der Unternehmungsgründung war, dass Frauen vor allem andere, flexible Arbeitszeiten brauchen. Die Vereinbarkeit von Berufs- und Familienleben, Kinderbetreuung eingeschlossen, schien der Schlüssel zu weiblicher Erwerbstätigkeit zu sein. Heute ist sie überzeugt: Die Unternehmenskultur selbst muss sich verändern.

 

KOOPERATIVE FRAUEN, KOMPETITIVE MÄNNER

Für Frauen zählen laut Erler vor allem Teamgeist und das Miteinander im Betrieb. Sie seien weniger an festen Hierarchien orientiert als Männer. Autorität werde von ihnen hinterfragt und müsse immer wieder bewiesen und verdient werden. Besonders fürchteten sie eine exponierte Stellung, die sie aus der Gruppe der Gleichen hervorhebt. Anders Jungen und Männer: Sie bevorzugten Dominanzhierarchien und dauerhaft verlässliche Rangordnungen. In einer Situation, in der Frauen Anweisungen von einer Führungsperson zu befolgen hätten, verkümmere das Potential vieler Mitarbeiterinnen, die nur noch Dienst nach Vorschrift ableisten. Andere, so Erler, sabotierten das Vorwärtskommen indirekt.

Erler führt aus, dass Frauen anders mit Wettbewerbssituationen umgingen und direkte Konkurrenz, bei denen Kollegen ausgestochen werden müssen, nicht schätzten. 

Eine Möglichkeit sei, vorübergehend in geschlechtlich homogenen Gruppen zu arbeiten und die Ergebnisse dann zusammenzutragen.

 

GENERALISIERUNGEN

Dass es Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, wird kaum jemand bestreiten. Heikel wird es, wenn die Ursachen im Spannungsfeld von Neurobiologie und Kultur diskutiert werden.  

Auch wenn Gisela Erler immer wieder einräumt, dass es durchaus Ausnahmen gibt, wirkt ihre Trennung der Geschlechter doch stark vereinfachend. Das “Augentier” Mann will Wettbewerb, Statussymbole und Weisungsbefugnis. Die eher auf das Hören orientierte Frau will Kooperation, Wertschätzung und Diskussionen über Entscheidungen. Da regt sich vermutlich bei jedem Menschen, der das Buch in die Hand nimmt, ein: “Ja, aber…!”

 

UNTERNEHMENSKULTUR 

Lesenswert ist das Buch aufgrund ihrer Kernthese:  Man muss innerhalb eines Unternehmens oder einer Gruppe die Struktur der Zielgruppe anpassen, nicht umgekehrt die Menschen in Strukturen pressen, die für sie nicht funktionieren. Man sollte sich laut Eder bei Angeboten, Anforderungen und Anreizen an dem orientieren, was die Menschen wollen, sie packen bei dem, was sie  “antreibt, reizt und motiviert” (S. 14).

Auf dieser Basis funktioniert das von ihr gegründete Unternehmen. Hier einige Einblicke:

– Es wird niemand aufgrund irgendwelcher Merkmale diskriminiert.

– Im Bedarfsfall stehen die Dienstleistungen des Unternehmens den Arbeitskräften gratis zur Verfügung.

– Die berufliche Kommunikation beinhaltet eine persönliche Ebene.

– Stellen/Posten werden möglichst firmenintern besetzt.

– Ruhigere Menschen mit Zickzacklebensläufen und Kindern bekommen eine Chance.

– Frauen trauen sich oft wenig zu. Also werden sie in neue Aufgabenbereiche “hineingeworfen”. 

– Teilzeitarbeit und auch die Arbeit von zu Hause sind möglich.

– Geführt wird kooperativ. Statt mit Befehlen und Anordnungen wird mit Ermutigung, Inspiration, Unterstützung und Coaching gearbeitet. Den Arbeitskräften wird Wertschätzung entgegengebracht, z.B. durch Gespräche, Mittagessen oder sonstige kleine Gesten. 

Klingt gut und sollte Ziel eines jeden zukunftsfähigen Unternehmens sein. Wenn Menschen sich im Betrieb wohl- und wertgeschätzt fühlen, leisten sie mehr. Ihre Motivation zahlt sich für das Unternehmen mehrfach aus: gute Arbeit, Innovationen, weniger Krankheit, weniger Burnout.   

 

SCHULE 

Wenn die Schule im Fokus von Erlers Überlegungen steht, merkt man, dass ihr schlicht der Einblick in die moderne Institution fehlt. So geht es schon lange nicht mehr um “stille und effektive Einzelarbeit” (S. 244); es wird mehrheitlich stark gruppenbezogen und projektorientiert gearbeitet.

“Warum Lesen weiblich” (S. 160) sein soll, erschließt sich nicht nach der Lektüre des Kapitels. Erler stellt die These auf, dass Jungen keine Lust zum Lesen entwickelten, weil “der Lesestoff, der angeboten wird” (S. 160 f.) sie nicht interessiere. Nun. Angeboten wird alles. Man braucht nur zugreifen. Der Markt ist überaus vielfältig: “Tatsachen, Sachbeschreibungen, Abenteuerberichte, Helden- und Detektivgeschichten” (ebd.) – es ist alles im Überfluss vorhanden. So einfach kann man es sich leider nicht machen. 

Die Schule hat hat bedingt durch ihren Bildungsauftrag auf ein gewisses Niveau und Lerninhalte zu achten. Darum muss das Gelesene zusammengefasst, analysiert und diskutiert werden. Was als verbindliche Lektüre gelesen wird, ist dabei mehrheitlich an Lesevorlieben der Jungen orientiert. Zum einen aus purem Selbstschutz der Lehrkraft heraus. Zum anderen, weil Mädchen eher bereit sind, Geschichten mit männlichen Protagonisten zu lesen als anders herum. Bei Buchvorstellungen (ca. einmal im Jahr) dürfen eigene Lieblingsbücher vorgestellt werden. Bei Referaten haben Schülerinnen und Schüler oft ebenfalls freie Auswahl.

Gisela Erler wirft zwar die Frage auf, ob es Stoffe geben könnte, die Jungen ansprechen, bleibt aber Ideen schuldig. Auch Ansätze, wie sich in der Schule ein für Jungen attraktiveres Lernen gestalten könnte, fehlen. Wie viele andere beklagt die Autorin – zu Recht – dass der Bewegungsdrang und der Wunsch, die eigenen Grenzen auszutesten, überall blockiert würden. Sogar moderne Spielplätze sind inzwischen so beschaffen, dass sie kaum geeignet sich, sich auszuprobieren und Wagnisse einzugehen. Aber Impulse aus der Jungenpädagogik sind in “Schluss mit der Umerziehung” kaum zu finden.

Verwirrend ist das restliche Kapitel, indem sie die Frage stellt, ob es Helden geben dürfe. In Deutschland sei das ohnehin besonders schwierig (vgl. S. 162). Dann verheddert sie sich in einer Vielzahl von Themen: Es geht es um „blutige Kriege“ in Europa und der Welt; es gibt einen Abstecher in die kriegerische Vergangenheit verschiedener Länder, in die  blutrünstige religiöse Sphäre, Kritik an Bibelgeschichten bzw. Märchen. Alles werde von sorgenvollen Eltern zensiert und gipfele in dem dem Verbot, zu Fasching ein Schwert oder eine Spielzeugpistole mitbringen zu dürfen.

Die behütete Welt kollidiere dann mit dem Fernsehen und der harten, rauen Wirklichkeit. Werden aber “solche hoch spannenden Themen” wie “Krieg, Kampf und Heldentaten” weichgespült oder ausgeklammert, “greifen Jungen natürlich viel lieber zum Computer” (S. 164). Diese hochspannenden Themen werden im Unterricht ganz sicher nicht ausgespart. Aber auch die intensivste Behandlung eben dieser Themen wird Jungen nicht vom Rechner fernhalten. Da missinterpretiert Erler die Zusammenhänge.

Mit medialen Angeboten scheint sie generell eher auf Kriegsfuß zu stehen, wenn sie erst beklagt, dass Jungen nicht mehr lesen und dann erklärt: “So […] lässt sich heute zugleich beobachten, dass die neue Medienwelt mit ihren Apps, iPads, Tablets und E-Books immer stärker visuell und auf kurzzeitige Impulse orientiert ist” (S. 165). Die Reihenfolge ist verwunderlich: Eine App ist ein Programm, ein iPad ein Tablet und ein E-Book ist… ein Buch. Ein Buch in elektronischer Form. An dieser Stelle hat mich Gisela Erler bei ihrer Argumentation verloren. 

Sie kommt zu dem – wenig überraschenden – Fazit, dass Jungen wohl nie wieder so begeistert lesen werden wie früher, denn “für sie ist die Welt der Computer, Konsolen, Applikationen viel attraktiver, aufgrund der größeren Action, der Bildhaftigkeit, der Interaktivität, ja wohl auch wegen der Nähe zur Gewalt” (S. 165). Was sie eigentlich sagt, ist: Jungen suchen bildhafte Gewaltdarstellungen und wollen sie virtuell ausleben.  

“Wie Jungen in der Schule nicht weiter abstürzen” erschließt sich nach der Lektüre des Buches nach wie vor nicht.

 

FAZIT

Lesenswert sind die Teile, in denen es um Gisela Erlers Biographie als Politikerin und Unternehmerin geht. Die Beispiele, die sie bringt, sind anschaulich, nachvollziehbar und spannend.

Verallgemeinerungen führen dazu, dass man sich beim Lesen immer wieder zur Gegenrede herausgefordert fühlt. Dennoch sind die Ausführungen zu den Unterschieden zwischen den Geschlechtern interessant, wenn auch nicht unbedingt neu.

Wenig fundiert und zu wenig ausführlich muten insgesamt die Teile an, die sie mit dem schulischen Lernen, neuen Medien, Computerspielen und Jungenpädagogik befassen.

Lesenswert ist “Schluss mit der Umerziehung” vor allem wegen Gisela Erlers Kernthese: Wenn Gruppen scheitern, hat es mit falschen Strukturen zu tun, nicht etwa mit mangelnder Kompetenz einzelner. Sinnvoll ist auch der Ansatz, mit der Gleichmacherei aufzuhören und zur Ungleichheit zu ermuntern. Dabei allerdings sollte nicht das Geschlecht, sondern der Mensch als Individuum im Vordergrund stehen, Wertschätzung und Förderung erfahren.  

(c) M. Hoevermann

 

 

 

 

 

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Categories: Geschichte, Gesellschaft, Politik, Sachbücher

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