“Karl Konrads heimliches Afrika” von Florian Beckerhoff (Rezension)

Sehnsuchtsorte

Das Dorfleben ist überaus trostlos. Geblieben ist in der Einöde nur, wer andernorts keine Perspektive für sich sah. Alle anderen sind längst geflüchtet. Dementsprechend übersichtlich gestaltet sich auch die Einwohnerzahl der langsam vor sich hinsterbenden Siedlung. In diesem unbedeutenden Kaff, wo jeder jeden kennt, gibt es noch einen kleinen Laden, eine Fleischerei, eine Kneipe und eine Kirche. Viel erwarten die Menschen nicht mehr. Sie leben ruhig, friedlich und verschlafen vor sich hin. Das einzige junge, weibliche Wesen, das geblieben ist, ist die etwas einfältige Schlachtereifachverkäuferin Elke, die dann auch zur Projektionsfläche für Männerphantasien und Hoffnungen wird. Briefträger Hubertus frönt seiner Neugier beim Lesen der Postkarten vor der Auslieferung. So etwas wie Geheimnisse hat man ohnehin nicht. Irgendwie erfährt jeder Charakter eine liebevolle, wenn auch eindimensionale Charakterzeichnung.

Auch der erstarrte Eigenbrötler Karl Konrad ist geblieben. Ihm ließ das Schicksal keine Wahl, nachdem sich sein Vater und sein Bruder der familiären Verantwortung entzogen haben. Beide leben nun ein aufregendes, selbst bestimmtes Leben im exotischen, fernen Afrika. Der Zurückgelassene dagegen muss daheim im traurigen Ostdeutschland die Stellung halten und sich um seine pflegebedürftige Mutter kümmern. Für die Verwirklichung eigener Lebensträume, für einen Neuanfang irgendwo, gibt es in der Realität keine Chance.

Karl Konrad ist eher einsiedlerisch. Pflichtbewusst. Ruhig. Passt in die verschlafene Dörflichkeit dieses Sammelsuriums an gescheiterten, skurrilen Charakteren. Als allerdings eine Postkarte aus Afrika eintrifft, erwacht doch etwas in ihm. Da regt sich plötzlich ein Funke des Widerstands. Soll dieses karge Dasein wirklich alles gewesen sein? Er ist vielleicht nicht der große Macher, Selbstdarsteller, Überlebenskünstler und Globetrotter, der selbstbewusst und stark die Türen vor sich aufstößt. Er ist keiner, der große Erwartungen erfüllen kann. Aber er ist ein Träumer. Und auch er hat einen Sehnsuchtsort.

Unerwartet macht er die Bekanntschaft mit zwei schwarzen Einwanderern, die sich illegal in Deutschland befinden. Er gewährt ihnen Unterschlupf. Die Afrikaner trieb die Sehnsucht nach einem besseren Leben aus ihrer Heimat nach Deutschland. Vermutlich haben sie das Land dabei genauso hoffnungslos idealistisch überzeichnet wie der Deutsche sein Fantasieleben in Afrika. Das Gras wirkt auf der anderen Seite immer grüner.

Der Unterschied: Sie sind wirklich gegangen.  Mit ihrer Hilfe baut sich  Karl Konrad schließlich sein eigenes kleines, heimliches Afrika auf. Zebras, Flusspferd und Strauß, bislang glücklose Zirkustiere, die vor ihrer “Entsorgung” stehen, bilden den Grundstock. Mit der Beschaulichkeit ist es dann allerdings für Karl Konrad weitgehend vorbei: Geldsorgen und die Wetterbedingungen bedeuten immer wieder Schwierigkeiten, die gelöst werden müssen… Aber wenn man muss, dann kann man – und man wächst über sich hinaus.

Karl Konrads Leben ändert sich von Grund auf, als er selbst beginnt, etwas zu verändern. Einen ersten Schritt macht und damit eine lange Reise beginnt.

Dorfsterben, Landflucht, Pflege von Angehörigen, Selbstfindung, in Rigidität, Normen und Routine erstarrte Menschen… Ist das nicht lustig? Nein, ist es nicht. Will es auch im Grunde gar nicht sein, selbst wenn die leichte Hand des Autors und ein mal mehr, mal weniger subtil eingebrachter Humor der Erzählung die Schwere ein Stück weit nehmen. Es ist vielleicht einfach ein Märchen für die Zukurzgekommenen, die Gefallenen, die Träumer, die nicht mehr daran glauben, dass in ihrem Leben ein Art Wunder mit Wende geschehen könnte. Fantasie muss man mitbringen und auch das eine oder andere Auge zudrücken, wenn es bei der Handlungsführung an Realitätsnähe mangelt. Die Kernbotschaft: Den Schlüssel zum Glück hält man selbst in der Hand. Und verbirgt nicht jeder von uns ein ganz heimliches Afrika? Es muss gar nicht Hollywood sein, manchmal liegt es direkt vor einem.

(c) M. Hoevermann

 

 

 

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Categories: Belletristik, Humor, Literatur

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