“Das Buch der verbotenen Bücher: Universalgeschichte des Verfolgten und Verfemten von der Antike bis heute” von Werner Fuld (Rezension)

Das Gedächtnis der Menschheit: Werner Fulds Universalgeschichte verbotener Literatur

Am 10. Mai 1933 brannten in Deutschland in 22 großen Universitätsstädten Bücher. Wohl jeder kennt die erschreckenden Aufnahmen von den Flammen, die die Texte systemkritischer, linker, homosexueller oder jüdischer Dichter und Denker erfassten. Darunter Werke von literarischen und wissenschaftlichen Größen wie Thomas Mann, Vicki Baum, Erich Kästner, Kurt Tucholsky oder Magnus Hirschfeld.

Büchervernichtungen und Zensurbemühungen allerdings sind so alt – und zählebig – wie die Bücher selbst: Egal ob im antiken Griechenland, in der Zeit der Inquisition, des Nationalsozialismus oder heute, immer wieder wird hartnäckig versucht, unliebsames Gedankengut aus der Welt zu schaffen. Die Zensur macht dabei auch vor unserer Demokratie nicht halt: Rund 300 Bücher werden in Deutschland Jahr für Jahr auf den Index gesetzt. Ein Schicksal, dass sie mit vielen bedeutenden Klassikern teilen. Darunter etwa Goethes “Die Leiden des jungen Werther”, Flauberts “Madame Bovary” oder Nabokovs “Lolita”. Zwar gibt es bei uns keine Vorzensur. Aber einmal gedruckte Titel können durchaus im Nachhinein verboten werden, wenn sie der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien anstößig erscheinen.

Zu aufklärerisch, zu erotisch, zu gewalttätig, zu aufrührerisch, zu kommunistisch, zu demokratisch, zu pazifistisch… Gründe für Bücherverbote finden politische und religiöse Eiferer schnell. Gelingen kann ihr Unterfangen letztendlich nicht: “Die Machthaber aller Zeiten und Kulturen, vom gebildeten König, bis zum primitiv-fundamentalistischen Stammesfürsten, von Augustus bis zum chinesischen Parteisekretär waren und sind noch immer unfähig zu erkennen, dass Ideen stärker sind als Gesetze”, bringt es Literaturkritiker und Autor Werner Fuld auf den Punkt.

Fuld, der unter anderem für die FAZ und DIE ZEIT tätig war, legt mit “Das Buch der verbotenen Bücher” eine umfassende, vielschichtige Kulturgeschichte der Zensur vor. Dabei blickt er durchaus über die westliche Welt hinaus: Auch China, Russland und die islamischen Länder werden in seiner gelungenen “Universalgeschichte des Verfolgten und Verfemten” beleuchtet. Erschreckende, bizarre, aber ebenso skurrile Geschichten werden zutage gefördert. So ist manchenorts etwa “Rotkäppchen” ebenso von der Zensur betroffen wie Lucky Luke, Tarzan oder Harry Potter.

Im Westen mache sich ein neuer Fundamentalismus breit: So verzichten große Unternehmen auf Publikation oder Vertrieb systemkritischer und/oder erotischer Werke. “Die Verbotsrichtung”, so Fuld, “geht eindeutig in Richtung der islamischen Länder”, die unter anderem die Darstellung sexueller Handlungen verbieten.

Zensur lehnt Werner Fuld entschieden ab. Gute, weil kritische, aufrüttelnde und die Augen-öffnende Bücher, seien oft gerade die verbotenen. Soll ein Text vor der Öffentlichkeit um jeden Preis ferngehalten werden, sei er lesenswert. Die verbotene Literatur stelle “ganz bestimmte Fragen”, erläutert Fuld in einem Interview mit Deutschlandradio Kultur. Sie mache auf Probleme aufmerksam und fordere ein Umdenken. Genau “deshalb ist sie einfach die bessere Literatur. Und ein Buch, das erscheinen durfte, nur weil es vollkommen konform mit den gesellschaftspolitischen und ästhetischen Vorstellungen der herrschenden Klasse ist, das kann keine besonders gute Literatur sein”.

Ein Kapitel widmet er der Belletristik in der DDR. Anschaulich wird dargelegt, wie “die SED die die Verlage selbst zur Zensur verpflichtet” (S. 270) hat. Der Einfluss der Lektoren war demnach beträchtlich. Bestimmte Themen galt es von vornherein zu vermeiden, darunter Alkoholismus, Drogenmissbrauch, Gewalt, Homosexualität, Justiz und Polizei, Suizid von Jugendlichen, Umweltverschmutzung und Wehrdienstverweigerung (vgl. S. 272). Andere, wie Arbeitslosigkeit, durften zumindest nicht mit der DDR in Zusammenhang gebracht werden. So war es nur möglich, diese Aspekte auszusparen oder aber, es bei Andeutungen zu belassen. Selbst die Wortwahl war betroffen.

Für Werner Fuld verdienen darum Texte, die in einer Diktatur mit offizieller Genehmigung erscheinen, nicht die Bezeichnung “Literatur”. Denn die Autoren schreiben dem Regime nach dem Mund, lassen sich beschneiden, einschränken und orientieren sich nicht mehr an eigenen inhaltlichen und ästhetischen Maßstäben. Zensur, so der Autor bei Deutschlandradio Kultur, “bringt eine ganz bestimmte Art von Literatur hervor, und die ist nicht vergleichbar mit der Literatur, die zur gleichen Zeit in anderen westeuropäischen Ländern erschienen ist. Sie ist eindimensional und sie kann natürlich ganz bestimmte Probleme nicht behandeln, und sie kann ganz bestimmte Formen nicht annehmen”. Die meisten in der DDR veröffentlichten Bücher seien längst aus der Erinnerung der Menschen verschwunden. Ein Schicksal, das Fuld zufolge auch Werken von Autoren wie Christa Wolf zuteilwerden wird. Ihnen fehle letztendlich der bleibende, zeitlose Wert.

Vergessen wird ebenfalls nicht, dass zuweilen Autoren Selbstzensur betrieben. Dass auch sie bei dem Versuch, das einmal entsandte Wort zurückzuholen, nicht erfolgreicher sind, wird unter anderem am Beispiel Franz Kafkas deutlich.

Fulds Thema ist brandaktuell. Er spannt den Bogen aus der Vergangenheit bis heute, zeigt Entwicklungen auf und argumentiert leidenschaftlich für ein Ende der Zensur. Sprachlich und stilistisch versteht er es meisterhaft, die Lesenden von der ersten bis zur letzten Seite zu fesseln. Er informiert und amüsiert, unterhält, stößt an, fordert heraus und provoziert – vor allem aber führt er kenntnisreich durch die Weltliteratur und die “Geschichte vom Überleben des in Büchern gespeicherten Gedächtnisses der Menschheit.”

Allen Zerstörungsversuchen zum Trotz lassen sich Ideen nämlich nicht so einfach ausrotten: “Wenn die Diktatoren wirklich die Macht besessen hätten, an die sie so hartnäckig und uneinsichtig glaubten, gäbe es einen beträchtlichen Teil unserer Weltliteratur nicht.”

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“Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.” (Friedrich Dürrenmatt in “Die Physiker”, 1962)

(c) M. Hoevermann

 

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Categories: Literaturgeschichte, Medienerziehung, Sachbücher

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