“Der entfesselte Skandal: Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter” von Bernhard Pörksen und Hanne Detel (Rezension)

Die potentiell ewige Gegenwart

9783869620589“Der entfesselte Skandal” von Professor Bernhard Pörksen und Hanne Detel widmet sich einem brandaktuellen Thema. Es beschreibt ein Phänomen, das uns zu jeder Zeit und an jedem Ort ereilen kann. Früher wurden fast ausschließlich Promintente aus Politik, Film und Fernsehen durch öffentlich gemachte Skandale zu Fall gebracht. Nun kann es aufgrund der neuen Medien auch Unschuldigen, auch einfachen Menschen widerfahren. Die Opfer werden öffentlich lächerlich gemacht, oft sogar verfolgt und bedroht. Folgenschwere Beispiele von Cyber-Mobbing oder öffentlicher Hetze gibt es mehr als genug.

Die Autoren veranschaulichen die Veränderung des Skandals bedingt durch die allgegenwärtige Vernetzung und analysieren anschließend den Verlauf bekannter großer Skandale. Darunter etwa den Plagiatsfall von Karl-Theodor zu Guttenberg, den Rücktritt des Bundespräsidenten Köhler und den Fall WikiLeaks.

Die Warnung vor Gefahren ist prinzipiell angebracht: Wirklich sicher, nicht selbst in einen Skandal zu geraten, ist heutzutage niemand mehr. Im digitalen Zeitalter haben wir die Kontrolle über die Informationen längst verloren. Ein an sich harmloses Video, ein unglückliches Party-Bild, eine ungeschickt geäußerte Meinung können, wenn sie einmal im Internet veröffentlicht sind, im kleinen oder größeren Rahmen zum vernichtenden Bumerang werden. Der Tragweite ihrer eigenen öffentlichen Äußerungen oder medialen Selbstinszenierungen sind sich viele Menschen nicht bewusst. Wer kann schon die langfristigen Folgen absehen?

Wir müssen nicht einmal selbst peinliche Beiträge bei YouTube, Facebook, Google+ oder MySpace veröffentlichen: Es reicht schon, zufällig in Filme, Fotos oder Postings anderer zu geraten. Ist ein Beitrag erst einmal online, lässt sich das Gesagte oder Gezeigte nicht wieder zurückholen. Das Internet vergisst nicht.

Was an sich vielleicht ganz harmlos, irrelevant oder banal war, wird aus dem ursprünglichen Kontext herausgelöst. Informationen verlassen ihren eigentlichen räumlichen, zeitlichen oder kulturellen Zusammenhang und bekommen eine völlig andere Bedeutung. Aus einer vielleicht flüchtigen Mündlichkeit (vgl. S. 237) wird nicht nur etwas Dauerhaftes, sondern zugleich etwas allgemein Zugängliches. Ist diese Lawine losgetreten, lässt sich der Skandal oft nicht mehr verhindern; die betroffene Person besitzt keine Kontrolle mehr.

“Der entfesselte Skandal” ist ein gut lesbares wissenschaftliches Werk, das die Hintergründe von Skandalisierungen aufdeckt und zu einer kritischen Nutzung der neuen Medien aufruft. Dank seiner übersichtlichen Struktur, zahlreichen Beispiele und schwarz-weiß Fotos ist es auch für Laien zugänglich und verständlich.

Allerdings kommt es teilweise auch etwas übertrieben und effekthascherisch daher und enttäuscht mit einer weitgehend einseitigen Betrachtungsweise. Hier steht ganz klar die negative Seite einer transparenteren, vernetzten Gesellschaft im Fokus. Allerdings leben wir längst in der Ära der Post-Privacy, was sich durchaus nicht nur nachteilig auswirken muss, wie beispielsweise Christian Heller in seinem gleichnamigen Buch überzeugend darlegt.

Das Internet ist ein demokratisches Medium, das in vielerlei Hinsicht einen Machtausgleich bedeutet. Inzwischen braucht es keine journalistische Elite mehr, um zu informieren, zu recherchieren, aufzuklären und zu unterhalten. Jeder kann bloggen, jeder kann aktiv sein. Dass Meinungen auseinandergehen, dass Macht gebraucht und missbraucht wird, liegt an den Menschen, die sich der Medien bedienen. Nicht jeder Blogger ist an Enthüllungsjournalismus, Lästereien oder der Bloßstellung anderer Menschen interessiert. Und nicht jede getätigte Äußerung erfährt eine breite Rezeption oder reicht aus zur Entfesselung eines Skandals.

Letztendlich brauchen wir eine neue Medienethik. Eine kritische Mediennutzung und -rezeption ist nicht nur hinsichtlich des Internets sinnvoll. Auch die klassischen Medien verdienen hier eine prominente Stelle im Scheinwerferlicht. Den Fernseher einzuschalten, ohne in irgendwelche inhaltsleeren Boulevard-Magazine, menschenverachtende Talk-, Casting- und Reality Shows oder sonstige grenzwertige Sendungen ohne Skrupel zu geraten, wird zunehmend schwieriger. Was hinter den Kulissen geschieht, steht ohnehin auf einem anderen Blatt.

Zumindest für gefallene Prominente genügt in der Regel das Aussitzen des Skandals im In- oder Ausland (und anschließend die medienwirksam inszenierte Rückkehr in neuem Gewand). Da haben es Opfer von Cyber-Mobbing und medienunerfahrene Menschen deutlich schwerer, mit der Rufschädigung umzugehen.

Alles in allem ist “Der entfesselte Skandal” lesenswert, schon wegen der Zusammenstellung der jüngsten politischen Skandale. Zweifellos sollte sich jeder Mensch Gedanken darüber machen, was man an welcher Stelle im Internet über sich preisgibt. Aber – und das erkennen die Autoren auch in ihrem kategorischen Imperativ des digitalen Zeitalters – erstens sind die Effekte langfristig gesehen trotzdem nicht abzuschätzen und zweitens sind bestimmte Sichtbarkeiten unfreiwillig und damit ohnehin von Anfang an unserem Einfluss entzogen.

Beruhigend immerhin: Nicht jedes Gerücht reicht zur Entfesselung eines Skandals. Im Internet wird vielleicht etwas aufgedeckt, angesprochen oder in Gang gebracht. Was jedoch daraus wird, basiert auf der Reaktion der (mehr oder weniger aufgeklärten und kritischen) Rezipienten. Da sollte man ansetzen.

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248 S., 28 Abb., 2 Tab.
ISBN: 978-386962-058-9
Monografie

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Categories: Medienerziehung, Sachbücher

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