“Kritik der Fotografie” von Timm Starl (Rezension)

Wesen und Poesie der Fotografie: Zwischen Produktion und Rezeption

“Ein Bild sagt mehr als tausend Worte”, heißt es im Volksmund. Blickt man 41MkfdiVxzLauf eine Fotografie, hat diese zweifellos viel zu erzählen. Doch wie gelingt es, ihre Stimme zu hören, wie nähert man sich ihrer Bedeutung? Zunächst ist es ein Bildelement, entstanden aus einem gewissen Anlass. Allerdings erschließen sich Sinn und Beweggrund – mitunter auch der für die Ewigkeit festgehaltene Gegenstand – nicht ohne weitere Informationen. Man braucht einen dazugehörigen, wenn auch kurzen Text. Ein knapper Kommentar erhellt das Gesehene. Man muss identifizieren, was man sieht, es sprachlich mit Bedeutung füllen, um sich die Fotografie aneignen zu können. Sinnvoll ist zudem eine Datierung zu ihrer zeitlichen Einordnung. Bilder müssen gelesen werden. Erst durch die Sprache und den aktiven Austausch werden sie lebendig.

Das Foto selbst fängt etwas ein, was zwischen Vergangenheit und Gegenwart liegt. “Es war einmal…” ist demzufolge ein treffender Beginn eines jeden Diskurses zum Thema Fotografie. Diese im ersten Moment vor allem märchenhaft anmutende Einleitung “setzt sich […] mit dem Imperfekt zwischen Vergangenheit und Gegenwart” (S. 138) und verdeutlicht, dass die Fotografie etwas Einmaliges einfängt, wobei sie selbst eine Unterbrechung der Zeit darstellt. So blickt man beim Betrachten nicht nur auf das Foto und den darauf festgehaltenen Gegenstand. Auch der Bildproduzent und der spätere Rezipient werden mit einbezogen. Denn “Es war einmal: das bedeutet märchenhaft nicht nur ein Vergangenes, sondern ein bunteres und leichteres Anderswo.” (Ernst Bloch)

Damit wird das gesamte Spannungsfeld zwischen der eigentlichen Bildproduktion und der späteren Rezeption beleuchtet und auch die eigenen Bilder, die während des Aneignungsprozesses bei den Betrachtern entstehen, werden nicht ausgespart.

“Nicht im Bild, sondern zwischen den Bildern – der Fotografie, der Phantasie, der Sprache – eröffnen sich die Poesie der Fotographie wie die Entwürfe zur Geschichte und Theorie des Mediums” (S. 138). So vereinen sich letztendlich Foto und Text zu einem Gesamtkunstwerk.

Der Österreicher Timm Starl ist Gründer und Herausgeber der “Fotogeschichte”, der einzigen Zeitschrift, die sich mit Fotogeschichtsforschung im deutschsprachigen Raum befasst. Für seine kulturhistorische Leistung wurde ihm 2002 von der Universität der Künste Berlin der Ehrendoktor verliehen. Zehn Jahre lang arbeitete er an dieser umfassenden theoretischen Bestimmung der Fotografie (2000-2010), wobei er sich auf die Ergebnisse der Frühzeit in den 1830er und 40er Jahren stützt.

“Was ist Fotografie?” ist eine der Leitfragen, die Starls aufwändiges Werk auf der Suche nach dem wahren Wesen der Fotografie durchziehen. Die Antwort ist freilich von der Epoche abhängig. Es handelt sich schließlich um ein Verfahren, das – auch aufgrund technischer Entwicklungen – permanent weiterentwickelt wird.  Hans Georg Puttnies und Wilfried Wiegand stellen Anfang der 1980er Jahre noch den Kunstcharakter der Fotografie in den Vordergrund; ähnlich verfährt auch Wolfgang Kemp in der “Theorie der Fotografie”. Es ist Hubertus von Amelunxen, der demgegenüber die medienspezifischen Aspekte betont. Die Antworten auf die Frage, was Fotografie überhaupt ist bzw. was sie nicht ist, fallen also sehr unterschiedlich aus. Das allein spiegelt, von welch unterschiedlichen Fachgebieten aus man sich der Fotografie nähern kann.

Timm Starl geht weit darüber hinaus. Er widmet sich den konstitutiven Merkmalen des Fotografischen. Dabei nähert er sich seinem Forschungsgegenstand bewusst aus der Distanz, denn nur durch den kritisch-reflektierten Außenblick kann man seiner Auffassung nach wirklich neue Erkenntnisse gewinnen. “Wird […] allein von der Fotografie ausgegangen und werden alle möglichen Erscheinungen ins Visier genommen, um von diesen anschließend zurückzublicken, so bewegt man sich ohne neue Erkenntnisse in denselben Bahnen”. Auch die Abgrenzung zu anderen Bildmedien, Aufzeichnungs- und Archivierungstechniken wäre nicht umfassend möglich, sondern würde nur erfolgen, wenn es entsprechende Berührungspunkte gäbe. Dabei ist natürlich auch die historische Dimension, das heißt der geschichtliche Kontext, von Bedeutung. Wie Fotografie verstanden wird, basiert auf den Bedürfnissen der Menschen, die sich dieses Mediums bedienen.

“Kritik der Fotografie” ist eine einzigartige, bild- und wortgewaltige Theorie der Fotographie, die alle Aspekte einbezieht. Dabei präsentiert der Autor sein Fachwissen in einzelnen Kapiteln, die sich jeweils einem besonderen Aspekt – von A wie “Augenblick” bis Z wie “Zufall” – widmen. In der Randspalte auf jeder Seite finden sich Zitate, Legenden sowie kleine Fotos zur Illustration. Auflockernd wirkt sich auch die Farbgestaltung der Textteile aus: Hier wurde mit Schwarz und dezentem Braun gearbeitet. Jedes Kapitel endet mit umfangreichen Anmerkungen. Beachtlich ist ebenfalls der Anhang mit Glossar, Bildnachweisen, einem Personen- sowie Sach- und Ortsregister und Literaturangaben.

Wie man es vom Jonas-Verlag kennt, sind Druckqualität und Layout herausragend: Auf dem stabilen Glanzpapier kommen die Texte und Bilder in ihrer gesamten Schärfe und Tiefe gut zur Geltung. Es ist ein Buch, das man gern und immer wieder aufs Neue fasziniert zur Hand nimmt, weil man sich nahezu augenblicklich festliest und bei der eingehenden Betrachtung und Interpretation zum Wesen der Fotografie, Hintergründen, Geschichte und Kraft die Zeit vergisst. Ein überaus lehrreiches, fesselndes Buch!

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ISBN 978-3-89445-463-0
320 S., 250 Abb., Hardcover
Verlag
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Categories: Fachbücher, Fotografie

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