“Filmwissen: Western: Grundlagen des populären Films” von Georg Seeßlen (Rezension)

Geballtes Wissen über ein unsterbliches, zeitloses Genre

Hört man den Begriff „Western“, ruft das sofort entsprechende Bilder hervor: 9783894727000Man denkt an ein weites Land mit einem mächtigen Himmel, von dem die Sonne brennt; an einsame Cowboys, edle Indianer auf wilden Pferden, an unerschrockene Revolverhelden, an Trapper, Goldsucher und Abenteurer.  Natürlich darf auch der Überlebenskampf von gottesfürchtigen, braven Siedlern in der rauen Wildnis, die mit ihren Planwagen umherirren, nicht fehlen. Es gibt Saloons mit Klaviermusik in staubigen Städten, wo auch Glückspiel und leichte Mädchen zu finden sind. Die Kontrolle obliegt meist einem gesetzestreuen oder korrupten, manchmal auch hoffnungslos feigen Sheriff.  Mit dem „Wilden Westen“ wurde der Gründungsmythos der Vereinigten Staaten erschaffen und in zahllosen Filmen wird er immer wieder aufs Neue beschworen. Der Western ist ein Grundpfeiler der amerikanischen Filmindustrie. Seine Beliebtheit ist bis heute ungebrochen.

Unterhaltsam, sachlich und mit kritischem Auge bietet Kultur- und Filmkritiker Georg Seeßlen in diesem Standardwerk einen hervorragenden Überblick sowohl über die Mythen und stilbildenden Elemente, als auch über die Entwicklung des Westernfilms.  Dabei beleuchtet er zunächst die tatsächliche amerikanische Geschichte, bevor er sich ihrer filmischen Darstellung widmet. Letztendlich ist „der Western […] das Drama der Sozialisation, in dem sich der wilde, unzivilisierte Naturzustand dem ordnenden, besitzergreifenden Eingriff nur anfänglich widersetzen kann“ (S. 18).

Die Struktur überzeugt: Der Autor wirft – unterteilt in Jahrzehnte – einen fundierten und analytischen Blick in die Geschichte des Westernfilms. Den Anfang machen die Stummfilme mit „The Great Train Robbery“ (1903), bevor es über die Hochzeit des Genres in den 1930er und 1940er Jahren weitergeht. Anschließend wird der in die Krise geratene Held der 1950ger Jahre unter die Lupe genommen und Tode und Wiedergeburten des Genres diskutiert. Das letzte Kapitel wendet sich aktuellen Produktionen der Jahre 2001 bis 2011 zu. Auch Westernkomödien, Spagettiwestern und Genremixes – hier ist zum Beispiel der Horror-Western  zu nennen – sowie der Black Western werden bei Georg Seeßlens eingehender Betrachtung nicht ausgespart.

Spannend dargestellt ist die Veränderung des (kriselnden) Helden selbst: Männern wird innerhalb des Westerns ein bestimmtes Identitätsmodell vermittelt: Der weiße Westerner ist ein Held mit „zwei Seelen: die eine des Abenteurers, Wanderers, des Mannes, der mit den Indianern gelebt hat, und die andere des Gründers, des Gesetzestreuen, des Familievaters“ (S. 14). So wird er zum „Bote[n], der dem alten vom Neuen und dem Neuen vom Alten kündet, ‚ein Engel der Geschichte’“ (S. 18). Durch die Krise in den 50gern kam es zum Wandel vom selbstgefälligen Helden zum eher tragischen Charakter. Unterkapitel konzentrieren sich dementsprechend etwa auf Vater-Sohn-Konflikte, weibliche Figuren, die Stadt oder die Themen Freundschaft, Gewalt und Feindschaft.

Aufgrund von Georg Seeßlens fesselndem Stil kann man dieses Buch nur schwer aus der Hand legen. Man kann chronologisch vorgehen, aber auch interessengeleitet einzelne Kapitel herausgreifen. Selbst das aspektorientierte oder auf einzelne Filme konzentrierte Lesen ist möglich. Denn jedes Kapitel und Unterkapitel ist eine runde, in sich abgeschlossene Einheit. Der Anhang listet zudem die erwähnten Filme einschließlich der Seitenzahlen auf.

Fazit

Seeßlen beeindruckt durch sein umfangreiches historisches und filmgeschichtliches Wissen, das er gekonnt und unterhaltsam zusammenbringt, um das Wesen des Genres zu erhellen. Dabei geht er auf bekannte Klassiker ein, richtet den Fokus aber auch auf weniger bekannte Produktionen. In den Blick genommen werden die wesentlichen Aspekte, Highlights, aber auch die Dreh- und Angelpunkte des Western, einschließlich diverser Variationen und Genre-Vermischungen. Dieses fundierte Werk ist eine Pflichtlektüre für Filmfreunde und Kulturwissenschaftler, die sich mit dem Thema befassen. Bildorientierte Menschen werden Fotos und auflockernde Elemente vermissen. Trotzdem ist „Filmwissen Western“ absolut empfehlenswert!

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GEORG SEESSLEN
320 S. / 2., aktualis. u. überarb. Auflage
19,90 € / eBook 16,99 €
ISBN 978-3-89472-700-0

Verlag
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Categories: Film & Fernsehen, Sachbücher

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