“Film und Musik als multimedialer Raum” von Tarek Krohn und Willem Strank (Herausgeber); Rezension

Von der Bedeutung der Musik

9783894727673Was wäre ein Film ohne Musik? Die Musik ist es, die tiefe Emotionen hervorruft. Mal berührt und rührt sie zu Tränen oder erzeugt ein wohliges Gefühl von Wärme und Geborgenheit. In anderen Sequenzen wirkt sie beunruhigend, subtil bedrohlich oder gar angsteinflößend. Sie lässt das Herz schneller schlagen, jagt uns eine Gänsehaut über den Rücken, nimmt uns den Atem – und sie markiert Wechsel von ruhigen zu action- oder emotionsgeladenen Abschnitten. Sie führt durch die Szenen, deutet an, deutet um.

Aber Musik ist noch deutlich vielschichtiger als das. Filmkompositionen dienen dazu, die Wirkung des Gesehenen noch zu intensivieren. Der Score soll bestimmte Gefühle und Reaktionen, physiologische und psychologische Effekte auslösen. Wer dann nach dem Filmerlebnis den Soundtrack hört, fühlt sich zurückversetzt in die jeweiligen Szenen und kann ganze Szenen vor dem inneren Auge Revuepassieren lassen. Denn Musik prägt sich ein. Welche Musik für einzelne Charaktere gewählt wird, entscheidet darüber, wie der Zuschauer sie einschätzt. Sympathisch, unsympathisch? Bedrohlich? Auch über dramaturgische Schwächen lässt sich mit der entsprechenden Musik hinwegtäuschen.

Die Filmmusik ist eine von vielen Gestaltungsebenen im Film, aber zweifelsohne eine überaus wesentliche. Allerdings ist die dazugehörige Filmmusikforschung ein bislang relativ wenig erschlossenes filmwissenschaftliches Forschungsgebiet.
Darum ist der vorliegende Sammelband besonders interessant: Die insgesamt 14 Artikel widmen sich unterschiedlichen Bereichen dieses weiten, vielschichten Feldes. Es handelt sich um eine Auswahl aus den Ausgaben der Kieler Beiträge zur Filmmusikforschung. Gleichzeitig sind die Beiträge auch aus verschiedenen Tagungen hervorgegangen.

Die große thematische Bandbreite und Offenheit fasziniert. So widmen sich die Autorinnen und Autoren in ihren Beiträgen beispielsweise Martin Scorseses “The Last Waltz”, der exemplarisch zeigt, wie ein Mythos manifestiert wird. Es geht um die “Geschichte und Praxis der Stummfilmmusik”, aber auch um “Gender-Konstruktion”, die am Beispiel der Vertonung von Frauengestalten in Alfred Hitchcocks Produktionen und modernen Frauenfilmen wie “Out of Rosenheim – Bagdad Café”, “Grüne Tomaten” und “Thelma & Luise” herausgearbeitet wird. Überaus spannend wird aufgezeigt, wie unterschiedlich Männer und Frauen musikalisch charakterisiert werden.

Faszinierend zu lesen ist auch die Abhandlung zur “Musik im Hindifilm zwischen Narration und Reflexion” – immerhin ist die Musiknummer das zentrale Element des Bollywood-Films. Dass sie nicht nur isolierter Selbstzweck ist, sondern durchaus inhaltlich etwas zum Filmgeschehen beiträgt, also eine erzählerische Komponente besitzt, ist bislang vernachlässigt worden. “Wenn Fledermäuse Walzer tanzen” nimmt die Verwendung von musikalischer Untermalung in Dokumentarfilmen kritisch in den Blick.

Überaus lesenswert und vielschichtig zeigen sich die Beiträge dieser verhältnismäßig jungen Wissenschaft. Das gelungene Layout, Tabellen, Fotos und graphische Darstellungen tragen zur Lesefreundlichkeit und zum Verständnis bei. Spannend und verständlich geschrieben, ist es ein Buch, das sicher nicht nur in wissenschaftlichen Händen gut aufgehoben ist.

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TAREK KROHN, WILLEM STRANK (HG.)
Marburger Schriften zur Medienforschung
240 S.
24,90 €
ISBN 978-3-89472-767-3

Verlag
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Categories: Fachbücher, Film & Fernsehen, Filmwissen(schaft), Sachbücher

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