“Die Chefin [2 DVDs]” mit Katharina Böhm, Stefan Rudolf, Jürgen Tonkel u.a. (Filmkritik)

Sehenswerte Serie mit vielschichtiger Frontfrau

Vera Lanz (Katharina Böhm), Hauptkommissarin bei der Münchner Mordkommission, steht mit beiden Beinen im Leben: Sie erledigt ihren Job kompetent, zuweilen unkonventionell und mit der richtigen Mischung aus Härte und Verständnis. Privat hat sie eine Affäre mit einem verheirateten Staatsanwalt (Stephan Kampwirth) und ist alleinerziehende Mutter einer Tochter im Teenie-Alter (Olga von Luckwald). Wenn sie in Lederjacke und Jeans zum Einsatzort eilt, zieht die attraktive Ermittlerin unweigerlich alle Blicke auf sich. Eine erfolgreiche, lebenshungrige Karrierefrau, ein Voll-Profi mit Sex-Appeal, die weiß, was sie will und die ihren Platz im Leben gefunden hat. Scheinbar.

Was jedoch erst nach und nach deutlich wird: Vieles von dem, was sie so selbstsicher zur Schau stellt, ist Fassade. Vier Jahre ist es her, dass ihr Mann und Kollege Andreas Lanz bei einem Einsatz ums Leben kam. Angeblich hat er bei verdeckten Ermittlungen Gelder auf die Seite geschafft und während der Flucht einen Kollegen ermordet. So die offizielle Version. Inzwischen ist der Fall ad acta gelegt. Aber Vera Lanz ist von der Integrität ihres Mannes überzeugt. Sie glaubt, dass er einem hinterhältigen Komplott zum Opfer fiel, und ermittelt unbeirrbar auf eigene Faust weiter. Ihre fanatisch-verzweifelte Not wird beim Blick in ihren geheimen Ermittlungsraum deutlich. Im Zentrum eine Tafel mit einem Spinnennetz aus Zeitungsausschnitten, Fotos, Hinweisen, Schlussfolgerungen. Bis zu seiner Entlastung ist jeder verdächtig, Kollege oder nicht.

Vier Folgen umfasst diese wirklich gelungene, spannende ZDF-Krimi-Serie, in der neben aktuellen Fällen immer diese Metaebene mitschwingt.

An Vera Lanz‘ Seite finden sich ihr langjähriger Kollege Paul Böhmer (Jürgen Tonkel), ihr neuer ehrgeiziger Assistent Jan Trompeter (Stefan Rudolf) und die lesbische Pathologin Heike Steinbeck (Nicole Marischka), die mehr als nur freundschaftliche Gefühle für Vera Lanz zu hegen scheint.

Das Konzept geht auf: Während man begleitet, wie die Charaktere zusammenwachsen, in laufenden Ermittlungen Hand in Hand arbeiten und private Probleme bewältigen, legt Vera Lanz ein Puzzleteil an das andere, um den Mord an Andreas aufzuklären. Der Weg dorthin ist ein fast atemloses Vergnügen: spannende Unterhaltung, tiefe Emotionen. Diese durchdachte Struktur rettet auch über die beiden ersten, eher durchschnittlich anmutenden Fälle und kleinere Schwächen im Drehbuch hinweg.

Geschickt ist die Einführung von Jan Trompeter, der als Neuer das Ermittlerteam verstärkt und gemeinsam mit dem Zuschauer in das Setting hineinwachsen kann. Ehrgeizig, wie er ist, hat er sich gut vorbereitet auf das Vorstellungsgespräch und den potentiell neuen Job. Weniger geschickt wirkt es allerdings, ihn seine Kenntnisse vor Vera Lanz herunterleiern zu lassen. “Show, don’t tell!” ist die Devise. Der Zuschauer benötigt eine derartige Zusammenfassung nicht, um im Bild zu sein. Außerdem erscheint allein die Vorstellung befremdlich, dass jemand seine neue Vorgesetzte mit derart in die Privatsphäre eingreifenden Informationen regelrecht zutextet.

Die hervorragenden Haupt- und Nebendarsteller lassen diese Nebensächlichkeiten jedoch schnell vergessen. “Die Chefin” ist keine statische Serie. Zwar sind die Episoden in sich abgeschlossen und können isoliert angesehen werden. Die ganze Tiefe der Serie offenbart sich jedoch erst, wenn man die Folgen nacheinander in der richtigen Reihenfolge schaut und auch die Metaebene wirken lässt.

Dabei entwickeln sich die Charaktere kontinuierlich weiter – wie im richtigen Leben. Man begleitet ihre Arbeit, aber man begleitet auch ihre persönliche Entwicklung. Dadurch wirkt die Serie ungemein realistisch. Insgesamt erinnert “Die Chefin” an amerikanische Formate, bietet deutschen Zuschauern aber heimische Anknüpfungspunkte durch die gewählten Handlungsorte und Fälle.

Hauptkommissarin Vera Lanz, die anfangs schwer zugänglich, kühl, ja fast überheblich wirkt, erweist sich als zutiefst misstrauische Frau mit Ecken und Kanten. Interessant gestaltet ist die Beziehung zwischen ihr und ihrer Tochter Zoe, die in vielerlei Hinsicht ihre Mutter an Reife zu übertreffen scheint. Zoe führt eine richtige Beziehung mit Potential, hat klare berufliche Vorstellungen für die Zukunft und legt – ganz im Gegensatz zu Vera Lanz, die von einer Kombination aus Erdnüssen und Fast Food lebt – Wert auf gesunde Ernährung. Den Spürsinn allerdings hat sie eindeutig von ihren Vorfahren geerbt. Da ist sie eine Lanz durch und durch.

Zu den Episoden:

1. Enthüllung
Die Tochter eines Gastwirtes ist nach dem Besuch eines Nachtclubs vom Balkon ihres Apartments gestürzt. Er deutet alles auf einen Suizid hin, doch dann gerät der Freund der jungen Frau in den Fokus der Ermittlungen.

2. Verstrickung
Der zweite Mordfall führt Vera Lanz und Jan Trompeter ins Stricher-Milieu. Doch dann wird auch ihr Hauptverdächtiger ermordet.

3. Entscheidung
In einem Krankenhaus stirbt unerwartet ein Junge, der an einer tödlichen Erbkrankheit gelitten hat. Es stellt sich heraus, dass er Teilnehmer einer Studie gewesen ist, bei der neue Medikamente getestet wurden.

4. Lügen
Nach der Ermordung eines Staatsanwalts nimmt Vera Lanz die Ermittlungen auf und Gerät selbst ins Visier: Sie hat das Opfer zuletzt gesehen.

Vera Lanz trennt gern zwischen Berufs- und Privatleben. Allerdings wird das im Lauf der Serie zunehmend schwieriger und schließlich unmöglich, als deutlich wird, dass es eine Verbindung zwischen dem Fall Andreas Lanz und aktuelle Ermittlungen gibt. Man bleibt fasziniert dran, weil man Vera Lanz’ eigenen Fall lösen will. Absoluter Höhepunkt ist die letzte Episode, bei der man den Blick keine Sekunde vom Bildschirm abwenden kann!

Diese Staffelbox präsentiert alle vier Folgen in hervorragender Bild- und Tonqualität. Erfreulich ist, dass für Hörgeschädigte auch Untertitel eingeblendet werden können.

Tipp: Am besten mit einem Sack Erdnüsse angucken! Die Nervennahrung wird man brauchen. Später lohnt sich auch ein Blick ins Internet, wo es neben Videoclips auch den geheimen Ermittlungsraum zu sehen gibt, er sich zudem virtuell durchwandern und genau in Augenschein nehmen lässt!

(c) M. Hoevermann

 

 

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