“Mayas Tagebuch” von Isabel Allende

Weit weg

Auf Hindi bedeutet ihr Name “Zauber, Illusion, Traum” (S.13). Die junge Maya findet ihn für sich allerdings nicht sonderlich passend. Zu verdanken hat sie ihn der Indien-Begeisterung ihrer chilenischen Großmutter Nini. Wäre nicht Attila zutreffender gewesen? Wo sie hintritt, so sagt sie, wachse kein Gras mehr. Mit ihren 1,80 m erweckt die sportliche junge Frau jedenfalls keinen sonderlich zart-bezaubernden Eindruck. Optisch haben sich zudem die Gene ihrer schwedischen Mutter durchgesetzt.

Nun ist die 19-jährige Amerikanerin in Chile, dem Land ihrer väterlichen Vorfahren. Dort, “wo der Ozean Stücke aus dem Festland beißt und der südamerikanische Kontinent in Inselchen ausperlt” (S. 14). Chiloé liegt zwischen dem 41. Und dem 43. Südlichen Breitengrad und beherbergt auf seinen 9000 Quadratkilometern 200 000 Menschen. Viele der kleinen Inseln sind allerdings auch unbewohnt oder nur extrem spärlich besiedelt. Genau dort geht es hin. Mayas Reise findet in einem gelben VW-Bus statt, der mindestens eine ebenso bewegte Geschichte zu erzählen weiß, wie die Familie Vidal selbst: Immerhin 17 Unfälle hat das Vehikel überstanden. Am Steuer sitzt angespannt Großmutter Nini, eher eine Frau der Tat als der Gefühlsduselei. Maya wird bei ihrem alten Freund und Vertrauten, dem Anthropologen Manuel Arias, unterkommen. Sie braucht bei ruhiger See 45 Minuten, um die nächste Siedlung zu erreichen. Ein fast perfektes Versteck.

Denn Maya muss weg aus Las Vegas, aus allem, sie muss untertauchen, verschwinden, spurlos. Nur so kann sie vielleicht den Sumpf aus Kriminalität, Alkohol, Drogen und Prostitution noch durchbrechen. Nur so kann sie sicher sein. Das technikfreie, einfache Exil auf der Insel gerät zum Kulturschock: Bescheiden und ruhig geht dort das Leben seinen ganz normalen Gang. Das lässt reichlich Zeit für Reflexionen, für das Schreiben und für die Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft und Identität.

Die heute in Kalifornien lebende Autorin Isabel Allende legt mit “Mayas Tagebuch” einen modernen Roman vor, der überwiegend in der Gegenwart verortet ist. Sie beschreibt Mayas Flucht, ihre Erlebnisse und Familiengeschichte mit gewohnt routinierter poetisch-stilsicherer Hand. Gleichzeitig ist die Erzählung durchdrungen von einer tiefen Sehnsucht nach Chile. Die Beschreibungen von Land und Leuten, Mythologie und Sagen geraten unweigerlich zu verbal-verklärten Liebeserklärungen an Allendes eigentliche Heimat, die sie bereits 1975 nach einem Militärputsch verlassen musste.

Dennoch vermag es das Buch nicht, wirklich vollends zu überzeugen. Leider ist die für Maya gewählte Erzählstimme nicht die einer 19-Jährigen mit einem derart schwierigen Hintergrund. Maya referiert Familiengeschichte und Vergangenheit, wobei die Sätze in einer einnehmenden Sprachmelodie dahinfließen, weich und warm, sodass man immerfort mit den Augen über die Zeilen streicheln möchte. Doch was bei “Paula” meisterhaft funktionierte, fesselt hier nicht. Vielleicht weil es keinen Adressanten in dem Sinne gibt. Vielleicht auch, weil es in eben jenem Buch Isabel Allende selbst war, die sich eine Stimme gab.

Insgesamt scheint Maya zu weit weg von ihrem eigenen Erleben, um als Protagonistin glaubhaft zu sein. Poetisch, hintergründig, philosophisch, ja, nur leider nicht realistisch. Es fehlen die wahre Härte und Unmittelbarkeit ihres Erlebens. Man vergisst nicht, dass hier die Autorin selbst am Werk ist; ihre Weisheit, Weltsicht und Lebenserfahrung bleiben in jeder Zeile spürbar.

Dazu kommt das konstruiert und überfrachtet wirkende Handlungsgerüst, das weitgehend spannungsfrei bleibt, dafür aber mit ein wenig zu weit hergeholten Zufällen und Klischees aufwartet. Das, was als Botschaft am Ende bleibt, ist auch das, was man am Anfang erwartet.

Lesenswert ist Mayas Geschichte nichtsdestotrotz. Nur ist nicht der große Wurf gelungen, den Isabel Allende, die am 2. August 2012 ihren 70. Geburtstag feierte, sich vermutlich erhofft hat. 3,5 Sterne.

(c) M. Hoevermann

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Categories: Frauenromane, Literatur

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