“Als Gott ein Kaninchen war” von Sarah Winman

Fiktive Autobiographie – lebensnah und berührend

Als Gott ein Kaninchen war, war Eleanor Portman, genannt Elly, ein kleines Mädchen, das Leben überschau- und Träume weitgehend erfüllbar.

Zur ihrer Welt gehören ihre unkonventionelle Familie, vor allem der große Bruder Joe, der sie beschützt, und natürlich ihre beste Freundin Jenny. Elly ist ungewöhnlich weit für ihr Alter, intelligent, wissbegierig und sprachgewandt, und sie macht sich philosophische Gedanken über die Welt. Geliebt, behütet und mit Aufmerksamkeit und Liebe umsorgt genießt sie genau die richtige Mischung aus Schutz und Freiheit.

Im Gegensatz zu ihr stammt Jenny aus weniger idealen Verhältnissen. Sie muss sich auf eine ganz andere Weise durchs Leben kämpfen. Aber sie fasziniert Elly von Anfang an, weil sie anders ist, irgendwie nicht von dieser Welt. So erkennt Elly, dass nicht alle Familien gleich sind, dass nicht alle Menschen ihr Leben mit denselben Voraussetzungen beginnen und gestalten können. Ein Umzug führt schließlich zum Kontaktabbruch zwischen den Mädchen, denn Ellys Eltern beschließen, ein Bed & Breakfast in Cornwall zu eröffnen. Aber sie begegnen sich als Erwachsene wieder…

Die fiktive autobiographische Erzählung ist in zwei Teile unterteilt: Sie beginnt mit Ellys Kindheit in Essex und Cornwall im Jahr 1968, springt dann in das Jahr 1995 zu der inzwischen Erwachsenen Elly in London und New York. Durch die Ich-Perspektive wirkt die Erzählung glaubhaft und echt. Ein wichtiger Aspekt neben der Freundschaft zwischen Elly und Jenny ist die innige Geschwisterbeziehung zwischen Elly und dem fünf Jahre älteren Joe.

Thematisch berührt das Buch die großen zentralen Motive eines jeden Lebens: Liebe in all ihren gesunden und weniger gesunden Formen, Freundschaft, Verlust, Krankheit, Tod, Familienbindung und immer wieder die Frage der eigenen Identität. Schmerz, Leid und Angst machen auch vor Ellys Leben nicht Halt: Sie wird konfrontiert mit sexuellen Missbrauch, häuslicher Gewalt und auch die Ereignisse des 11. September fließen in die Erzählung mit ein.

Inhaltlich gelingt es Sarah Winman, die selbst in der Grafschaft Essex aufgewachsen ist und heute in London lebt, Ellys Leben in all seinen Facetten, Abenteuern und Widersprüchlichkeiten einzufangen, die kleinen und die großen Dinge. Dadurch entsteht eine Dichte und inhaltliche Fülle, die als Überfrachtung interpretiert werden könnte. Denn vieles wird nur berührt, angeschnitten, nicht aber bis ins Letzte ausgelotet oder in deutliche Worte gefasst. Genau wie im echten Leben. Nicht immer werden durchaus wichtige Geschehnisse auch Zentrum des eigenen Seins, nicht immer weiß man über alles bis ins kleinste Detail Bescheid. Nicht immer finden all die Ereignisse sich als Teil eines roten Fadens wieder. Allen Geschehnissen gemeinsam ist jedoch, dass es sich um Schlüsselerlebnisse und Erinnerungen in Ellys Leben handelt.

Sarah Winman spielt geschickt mit den Gefühlen der Lesenden: In einem Moment humorvoll, leicht und amüsant kann die Atmosphäre sofort ins Düstere, Schwere kippen, so dass sich fühlt wie beim Achterbahnfahren. Das Leben schlägt Loopings und man sitzt mittendrin und kann sich nur mit aller Kraft festhalten. Manche Situationen muss man durchstehen. Nicht alles lässt sich beeinflussen.
Stilistisch überzeugt das Buch mit gelungenen sprachlichen Mitteln wie treffenden Vergleichen voll und ganz. Es lässt genügend Spielraum für eigene Gedanken und Fantasie, ja, es verlässt sich sogar ein Stück weit darauf, dass die Lesenden gewisse Lücken selbst füllen.

Gerade der zweite Teil wirkt stellenweise aufgrund der inhaltlichen Füllen etwas ungeschliffen, ausufernd und hätte eventuell von einem strengen Lektorat profitiert. Das ändert jedoch nichts daran, dass man dabei bleibt und gebannt die Geschehnisse verfolgt.

Es ist ein überaus lesenswerter, ambitionierter Debüt-Roman über das Erwachsenwerden und das Leben danach. Denn Gott bleibt nicht immer ein Kaninchen. Ergreifend und berührend.

(c) M. Hoevermann

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Categories: Belletristik, Literatur

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