“Anständig essen: Ein Selbstversuch” von Karen Duve

“Ein Verbrechen ist ein Verbrechen, auch wenn alle es begehen” – Vom Unbehagen der Fleischesser

BSE, Gammelfleisch, Dioxin. Kaum ein Monat vergeht, ohne Skandalmeldungen, ohne, dass Betriebe geschlossen, Tiere geschlachtet oder so genannte Experten in mehr oder weniger intellektuell anspruchsvollen Talkshows herangezogen werden, um die verunsicherten Verbraucher zu beruhigen. Doch die Fleischlobby ist mächtig. Im Vordergrund steht dabei nicht etwa das Tier und unser gnadenloser Umgang mit einem Lebewesen, das von einer Masse gedankenloser Menschen ausgebeutet, gequält und am Ende eines kurzen Lebens zum Schleuderpreis in Einzelteilen oder komplett verkauft wird. Nein, mehrheitlich geht es – ganz egoistisch – um wirtschaftspolitische und gesundheitliche Interessen. Wie hoch ist die Krebsgefahr? Was kann man noch gefahrlos essen?

Billig, billig, billig – so der Anspruch der modernen Verbraucher. Wie diese Preise überhaupt zustande kommen? Zweitrangig. Hauptsache, es schmeckt, geht schnell und kostet nichts.

Mit eben diesen Gedankengängen näherte sich auch Autorin Karen Duve ihrer geliebten Hähnchenpfanne im Rewe-Markt. Gerade 2,99 € kostet die Riesenportion. Bequem zuzubereiten, kein Schmutz in der Küche, reichlich Fleisch für Mensch und Hund bei wenig finanziellem und häuslichem Einsatz. Ihre Welt schien in Ordnung. Allerdings hat sie nicht mit ihrer neuen Mitbewohnerin Kerstin, genannt Jiminy Grille – nach dem Grashüpfer aus dem Zeichentrickfilm “Pinocchio” – gerechnet. In der Folgezeit wird diese ihr Gewissen. Je mehr Karen Duve eintaucht in das Thema Ernährung, Fleischkonsum und Tierleid, desto mehr wird ihr bewusst, dass sie wie die Holzpuppe Pinocchio gelebt hat: ahnungslos, blind, ignorant.

Doch das soll sich nun in einem großangelegten Selbstversuch ändern. Duve beginnt ein Experiment: Jeweils zwei Monate probiert sie alternative Ernährungsstile aus. Den Anfang die Bio-Komplettversorgung, was ihr noch verhältnismäßig leicht fällt. Bio belastet den Geldbeutel, entlastet aber das schlechte Gewissen. Wenigstens etwas. Bis sich die Erkenntnis durchsetzt, dass auch Biotiere leiden, sterben und in Massenbetrieben gehalten werden.

Dann folgen achtwöchige Ausflüge in den Vegetarismus, Veganismus und schließlich Frutarismus. Während Vegetarier lediglich auf Fleisch und Fisch verzichten, gehen Veganer noch einen Schritt weiter: Sie vermeiden konsequent sämtliche Tierprodukte. Dabei ist egal, ob es sich um Nahrungsmittel oder Gebrauchsgegenstände handelt. Demnach sind Milch, Gummibärchen (enthalten Gelantine!) und Honig genauso tabu wie Lederwaren, Pelze und Wolle.

Frutarier essen ausschließlich das, was Pflanzen geben, ohne dass sie dabei verletzt oder getötet werden, d.h. im Wesentlichen Obst, Nüsse und Samen.

Am Ende ihres überaus engagierten, vergnüglich zu lesenden Buches muss sie die endgültige Entscheidung treffen. Leben, aber wie? Darf man Tiere essen? Was ist moralisch-ethisch richtig, was mit dem eigenen Gewissen vereinbar? Wird nun unweigerlich jedes Mahl zu einer inneren Seelenqual? Denn eins ist ihr nach ihrem Selbstversuch klar geworden: Wieder zurückfinden in den bequemen Zustand des Nichtwissens, der Holzpuppe, die gedankenlos in eine Bratwurst beißt ohne das quälenden Gedanken im Hinterkopf zu haben, “dass dafür an finsteren Orten wochen- und monatelang gelitten wird” – das wird es nicht geben. Die Zeit der Ignoranz, die hat sich weit hinter sich gelassen. Doch was ist machtbar und letztendlich mit dem eigenen Lebensstil vereinbar, was nicht? Muss man zum Frutarier werden, um der Natur möglichst wenig Schaden zuzufügen?

Am Ende findet sie eine Lösung für sich. Gleichzeitig überlässt sie es auch den Lesenden, eigene Wege zu finden. Dabei kommt sie ohne erhobenen Zeigefinger, ohne oberlehrerhaftes Gehabe aus. Sie selbst wird sichtbar: Als moderner Mensch, als Verbrauchererin, als von Zweifeln und Gewissensbissen geplagt. Und sie nimmt ihr Publikum mit, bringt zum Schmunzeln, Lachen, aber auch zum Nachdenken und sorgt für den Kloß im Hals, der längst überfällig ist. Wir begleiten sie und finden uns. Dabei treten wir ein in einen Dialog mit unserem eigenen Gewissen. Fast nebenbei saugt man dabei die zahllosen, gut recherchierten Informationen auf, reflektiert das eigene Konsumverhalten. Am Ende schlägt man das Buch deutlich klüger zu, als man es geöffnet hat. Ein aufrüttelndes, persönliches und mehr als lesenswertes Werk, das das eigene Leben nachhaltig und zum Positiven verändern kann – wenn man sich darauf einlässt!

Karen Duve, 1961 in Hamburg geboren, lebt mit Maultier, Pferd, Esel, Katzen und Hühnern auf dem Lande in der Märkischen Schweiz. Sie wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

(c) M. Hoevermann

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Categories: Ernährung, Gesellschaft, Sachbücher

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