Carl & Bertha DVD, Studio Hamburg

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Der geniale Visionär und die unerschütterliche Unternehmerin

“Am Mute hängt der Erfolg” – Theodor Fontane

Nahezu unglaublich, dass die Lebensgeschichte von Carl und Bertha Benz bislang nicht verfilmt worden ist. Dabei ist es eine Erzählung mit schier unerschöpflichem Potential: Eine unglaubliche Vision, ein Stück deutscher Vergangenheit, eine große Liebe. Es ist ein Plädoyer für den Glauben an sich selbst und die eigenen Ideen ‘ aller Widerstände und Widrigkeiten zum Trotz. Dieser Film macht Mut. Er fordert dazu auf, sich selbst zu verwirklichen, auch, wenn das bedeutet, sich gegen gesellschaftliche Konventionen zu stellen.

Pforzheim 1870. Der charismatische Ingenieur Carl Benz (Ken Duken) hat eine unglaubliche Vision: Er will den ersten pferdelosen Wagen konstruieren. Ein Gefährt für jedermann, das das individuelle Reisen auch weniger betuchten Menschen ermöglichen soll. Allerdings fehlt ihm für die Verwirklichung dieses kühnen Traums das Geld. Potentielle Investoren machen sich rar. Zu phantastisch, zu weit hergeholt scheinen die Gedanken an eine motorisierte Kutsche.

Carl Benz ist hoch verschuldet, als er Bertha Ringer (Feliticas Woll) erstmals auf dem Ball der Familie Mannstedt begegnet. Die junge Frau ist gebildet, wohlerzogen; sie entspricht voll und ganz dem Bild einer bürgerlichen Frau Ende des 19. Jahrhunderts. Dabei ist sie mindestens ebenso unkonventionell wie er selbst. Die Ehe mit Wilhelm von Mannstedt (Alexander Beyer), der als exzellente Partie gilt, schlägt sie aus. Sie will nicht in einer lieblosen Beziehung gefangen sein.

Die Begegnung mit Carl Benz wird für sie zum Wendepunkt ihres bisherigen Lebens: Der junge Visionär überzeugt sie mit seinen Ideen von einem pferdelosen Wagen und aufwändig gezeichneten Konstruktionsplänen. Die Anziehung zwischen ihnen ist vom ersten Moment an greifbar, spürbar. Viel bieten kann er ihr nicht. Vermögen ist nicht vorhanden. Nur Schulden. Und ein großer Traum.

Der Verwirklichung widmet Carl Benz sein ganzes Leben: Er geht an seine Grenzen, geht darüber hinaus, arbeitet bis zur vollkommenen Erschöpfung und er setzt seine Gesundheit aufs Spiel in dem verzweifelten Kampf, seine Familie ‘ Bertha und vier Kinder – zu ernähren und gleichzeitig seinen Traum Realität werden zu lassen. Aufträge abzulehnen, kann er sich nicht erlauben. Hilfe nimmt er nicht an. Er will es allein schaffen.

Es ist vor allem Bertha, deren unerschütterlicher Glaube ihm Halt gibt ‘ und in den entscheidenden Augenblicken die Kraft, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Sie nimmt Entbehrungen, Spott, Hohn und harte Arbeit in Kauf, während sie verzweifelt versucht, etwas Ordentliches auf den Tisch zu bringen. Letztendlich sollte es nicht nur Jahre, sondern fast ein Jahrzehnt dauern, bis dem ‘unvernünftigen Außenseiter’ endlich ein großer Durchbruch gelingt’ Investoren steigen ein, Aktien werden verkauft, doch bald erfolgt erneut ein herber Rückschlag: Benz nutzte für seinen Gasmotor die von Gottlieb Daimler erfundene Zündvorrichtung. Dieser hatte seine Idee allerdings schützen lassen. Den folgenden Patentstreit gewinnt Daimler. Doch das Auto selbst, der motorisierte Wagen als einheitliche Konstruktion, ist Carl Benz zu verdanken. Allerdings stößt das Gefährt auch nach seiner Fertigstellung Ende des 19. Jahrhunderts nicht auf große Resonanz. Niemand will es kaufen. Man vertraut dem ‘Hexenkarren’ nicht so recht, und der Ingenieur tut sich schwer mit dem Gedanken, den Wagen weiter zu präsentieren.

Bertha Benz entscheidet sich schließlich zu einer mutigen Marketing-Maßnahme: Zusammen mit ihren Söhnen bricht sie 1888 zu einer Fernfahrt von Mannheim nach Pforzheim auf. Immerhin 106 Kilometer umfasst diese Strecke, der man heutzutage (weitgehend) auf der Bertha Benz Memorial Route folgen kann. Damit schreibt sie Geschichte: Bertha Benz ist der erste Mensch, der eine richtige Autofahrt unternimmt und das neue Gefährt einem Härtetest unterzieht.

Ungefährlich ist diese Aktion nicht. Die drei fahren mit der wackligen, dreirädrigen Konstruktion nicht etwa über gleichmäßigen Asphalt. Die Beläge der damaligen Straßen bestanden aus Kopfsteinpflaster; außerhalb der Städte ging die Fahrt über Feldwege, durch Matsch und Schlamm. Aber Bertha Benz schafft es, und damit ist der Siegeszug des Automobils nicht mehr aufzuhalten.

Ebenso wie im Film kam es in der Realität auf dieser Strecke tatsächlich zu zwei Pannen: Die historische Bertha Benz, die über ein beachtliches technisches Verständnis verfügte, brachte das Auto mit Hutnadel und Strumpfband allerdings selbständig wieder in Schuss.

Till Endemanns Fernsehfilm ist nach Bildern aus dem Leben von Carl und Bertha Benz erzählt. Mit beträchtlichem Aufwand wurde die Welt Ende des 19. Jahrhunderts dafür neu erschaffen: Die Gebäude und Straßen, die gerade aufblühende Industrie, der Marktplatz, aber auch die Wohnungseinrichtung und die Kostüme überzeugen mit viel Liebe zum Detail. Man fühlt sich wie auf einer Zeitreise und tritt ein in eine ganz eigene Welt.

‘Carl & Bertha’ erzählt stimmig in schönen Bildern, aufwändig inszeniert und musikalisch durchweg passend untermalt die Entstehung und Entwicklung einer Erfindung, die die Welt verändert. Gleichzeitig wird hier nicht nur ein Stück deutsche Geschichte, sondern ein Stück Frauengeschichte lebendig. Schauspielerisch überzeugen vor allem Ken Duken als Carl Benz und Felicitas Woll in der Rolle der Bertha Benz. Beide sehen ihren historischen Originalen darüber hinaus auch verblüffend ähnlich. Sie spielen mit Hingabe und gehen vollkommen in ihren Rollen auf.

Dramaturgisch fesselt der Film von der ersten Minute an, uns die 90 Minuten vergehen wie im Flug. Ein sehenswertes Making-Of, das als Special auf der DVD enthalten ist, vermittelt spannende Einblicke in die Suche nach passenden Drehorten, die Inszenierung und filmische Umsetzung. Gewünscht hätte ich mir als zusätzliche Bonbons weitere Hintergrundberichte bei den Specials. Denkbar gewesen wäre eine Dokumentation über die historischen Persönlichkeiten. Das hätte direkte Vergleiche zwischen Film und Realität erlaubt, denn anders als gezeigt, fuhr Bertha Benz nicht den Prototypen bis nach Pforzheim; sie legte die Strecke in einem Nachfolgemodell zurück. Interessant ist auch, dass die Stadt-Apotheke in Wiesloch bei Heidelberg als erste Tankstelle der Welt betrachtet wird. Dort kaufte Bertha Benz Ligroin, als ihr und den beiden Söhnen unterwegs der Treibstoff ausging. Das ist wohl auch der Grund, aus dem es bis ins 20. Jahrhundert hinein Benzin bzw. sonstige Treibstoffe nur in Apotheken käuflich zu erwerben gab.

Hintergrundinformationen zur Bertha Benz Memorial Route, einer vor allem bei Touristen beliebten Strecke, wären ebenfalls interessant gewesen. Seit 1988 findet dort alle zwei Jahre eine Tour für historische Fahrzeuge statt. Organisator ist u.a. das Automuseum Dr. Carl Benz. Um dessen Glauben an die Zukunft und den Fortschritt Rechnung zu tragen gab es dort 2011 eine besondere Aktion: Fahrzeuge mit alternativem Antrieb, darunter Hybrid- und Elektrowagen ebenso wie wasserstoffgetriebene, umweltfreundliche Fahrzeuge fuhren unter dem Motto: ‘Nachhaltige Mobilität auf der ältesten Automobilstraße der Welt!’ diesen Weg ab. Immerhin steuerte Bertha Benz 1888 eine echte Innovation. Etwas Neues, nie Dagewesenes.

Alles in allem ist der von ‘Zeitsprung Entertainment’ produzierte TV-Film ‘Carl & Bertha’ (2011) überaus einnehmend und fesselt bis zum Schluss. Das Drehbuch verfasste Stefan Rogall (“Wilsberg”). Neben Ken Duken und Felicitas Woll sind unter anderem Hansjürgen Hürrig, Esther Zimmering, Johann von Bülow und Alexander Beyer zu sehen.

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