“Cut” von Amanda Kyle Williams

Profilerin mit Macken, Makeln und dem gewissen Etwas: Keye Street

Schauplatz der Handlung von “Cut” sind die amerikanischen Südstaaten. Damit verbindet man gemeinhin den Bible Belt: krankhaft übersteigerte Religiosität, Armut, ungebildete Rednecks und Konservatismus. Wer alte Hollywood-Filme liebt, denkt vielleicht noch an “Vom Winde verweht”, imposante Häuser und Südstaaten-Romantik; wer sich geschichtlich auskennt, an Sklaverei, Rassenunruhen und die Entstehung der Bürgerrechtsbewegung.

Allerdings ist “Cut” nicht darauf aus, irgendwelche Klischees zu erfüllen; ganz im Gegenteil.

Die aus der Not heraus frisch gebackene Privatdetektivin Keye Street lebt an der amerikanischen Ostküste, genauer gesagt, in Atlanta, der mit rund 420 000 Einwohnern bevölkerungsreichsten Stadt Georgias. Sie ist Halbasiatin und in einer Adoptivfamilie mit Patchwork-Charakter aufgewachsen. Wie man aus zahlreichen Studien weiß, stellen gerade Einwanderer aus Fernost häufig die Elite des Landes dar: fleißig, intelligent, gebildet. Ganz im Geiste des berühmten Philosophen Konfuzius wird ohne Unterlass an der eigenen Vervollkommnung gefeilt, denn hinter Erfolg – so die unerschütterliche Überzeugung – steckt nicht in erster Linie Begabung, sondern vor allem harte Arbeit. So erntet Keye schon aufgrund ihres Aussehens Vorschusslorbeeren, gerät aber auch unter Leistungs- und Erwartungsdruck.

Ihrem Bruder dagegen legt seine Optik Steine in den Weg: Als Afroamerikaner wird er für gefährlich gehalten, für kriminell, gewalttätig – und für nicht sonderlich intelligent.

Erwartungen, Klischees, Vorurteile, wohin das Auge reicht. Doch die Geschwister erfüllen sie nicht, was “Cut” zu einer wohltuenden Lektüre macht. Während die selbstbewusste Keye es schafft, ihr Leben mit Geschmack an die Wand zu fahren und sich ihre Bilderbuchkarriere durch Alkoholismus zu ruinieren, bewirbt sich ihr gesellschaftlich angepasster, eher konservativer Bruder an renommierten Universitäten an der Westküste. Vor allem will er weg aus der Gegend und endlich einmal faire Chancen haben. Öffnet sie den Mund, spricht sie breiten Südstaaten-Slang; meldet er sich zu Wort, hört man einen Dialekt heraus, der gemeinhin von Weißen gesprochen wird. Sie ist die kreative Chaotin, er der strukturierte Planer. Sie liebt Risiko und Nervenkitzel, er braucht vor allem Sicherheit, finanziell und privat. Sie konsumiert Drogen, er hält sich davon tunlichst fern. Sie ist heterosexuell und beziehungslos; er findet Halt in einer homosexuellen Partnerschaft. Zwei, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten.

Dabei ist Keye Street keinesfalls ungebildet oder gar eine Versagerin. Ganz im Gegenteil; sie hat es weit gebracht: Nach dem Studium folgte die Promotion und es ging steil bergauf mit der Karriere. Als Kriminalpsychologin war sie acht Jahre lang für das Nationale Zentrum für die Analyse von Gewaltverbrechen (NCAVC) tätig, genoss Respekt und leistete wertvolle Arbeit im Dienste der Gesellschaft. – Bis das FBI Dienstwaffe und Ausweis kassierte und ihr die Entlassungspapiere in die Hand drückte. Endstation.
Danach bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich mit Jobs über Wasser zu halten, für die sie eigentlich als überqualifiziert gilt. Kautionen eintreiben, Lebensläufe von Arbeitnehmern prüfen, Treuechecks zwischen Eheleuten durchführen. Die kleinen Schmuddel- und Routineaufträge bewahren die Schnüffelnase vor dem endgültigen gesellschaftlichen Aus und einem Leben im Pappkarton, irgendwo zwischen all den anderen Gestrauchelten in den Slums. Aber irgendwann will sie sich wieder herausfordernderen Tätigkeiten widmen.

Ihr Ziel: Der Aufbau einer eigenen Privatdetektei. Mit dem hässlichen Fleck, den ihre Akte aufgrund des Alkoholkonsums bekommen hat, wird sie trotz ihrer beeindruckenden Karriere wohl nirgends mehr als Angestellte unterkommen. Also bleibt nur der waghalsige Sprung in die Selbständigkeit.

Streets Ton ist rau und direkt, manchmal vulgar, manchmal bitter und zynisch, oft aber auch voller Humor und Selbstironie. Im Grunde ist ihr Name hier Programm: Straße. Sie sieht die Dinge, wie sie sind. Schonungslos. Direkt. Solche Menschen sind erfrischend, denn dem Leben eine neue Richtung zu geben, ist eine Erfahrung, um die man leider oft nicht herumkommt. Sei es aufgrund äußerer Einflüsse, aufgrund persönlicher Veränderungen oder gemachter Fehler. Leben bedeutet, Zeichnen ohne Radiergummi, auch wenn man sich manchmal wünschte, es wäre anders.

Keye Street stellt sich den neuen Herausforderungen. Ihr Leben hat einen (Ein)Schnitt erfahren, aber vorbei ist es noch lange nicht.

Die sympathische Profilerin mit Profil ist eine Frau mit Makeln und Macken, die aus den üblichen Schubladen ausbricht, sich nicht in bekannte Muster einsortieren lässt und alles andere ist als “typisch”. Solch eine unerschrockene Individualistin fehlte bislang im Krimi-Metier! Man bekommt spannende Einblicke in Ermittlungverfahren und natürlich auch in die tatsächliche Tätigkeit einer Kriminalpsychologin. Die Suche nach dem Messermörder gestaltet sich spannend; wer wirklich hinter den grausamen Verbrechen steckt, bleibt lange Zeit unklar – trotz der Blogeinträge, die einen Blick in die Psyche ermöglichen. Alles in allem: einem sehr empfehlenswerte, humorvolle und spannende Sommerlektüre zum Weglesen!

Die in Atlanta lebende Autorin Amanda Kyle Williams hat umfangreiche Recherche betrieben, um Figuren und Situationen in ihrem Roman möglichst glaubwürdig und lebensnah schildern zu können: Sie belegte Kurse bei einem bekannten Kriminologen und Profiler, war selbst als Privatdetektivin und für das Gericht tätig. So fließen tatsächlich gemachte Erfahrungen und Fiktion zusammen – exzellente Voraussetzungen für spannende Abenteuer. Hoffentlich bleibt es nicht bei einem; wünschenswert wäre eine ganze Serie mit Fällen von Keye Street!

(c) M. Hoevermann

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Categories: Literatur

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