“Das geheime Prinzip der Liebe” von Hélène Grémillon (Rezension)

Wenn ein geliebter Mensch stirbt, gibt es nichts, was Angehörigen und Freunden über den Verlust hinweghelfen kann. Worte – so gut gemeint und wohl formuliert sie auch sein mögen – sind letztendlich doch einfach nur Worte. Den tatsächlichen Schmerz kann nur empfinden, wer direkt betroffen ist. Dennoch ist es Tradition, Kondolenzbriefe zu versenden. Diese Post zeigt, wie sehr der verstorbene Mensch geschätzt und geliebt wurde, dass er wichtig war, dass er vermisst werden, dass die entstandene Lücke ungeschlossen bleiben wird. Doch wirklich Trost spenden kann auch das nicht.

Die junge, erfolgreiche Verlegerin Camille Werner verliert ihre Mutter in den 1970er Jahren infolge eines Autounfalls. Auch sie widmet sich notgedrungen der Erledigung der Beileidspost. Zwischen den üblichen Trauerkarten steckt allerdings ein Umschlag, der sich deutlich von den anderen abhebt. Optisch und inhaltlich.

Mit den Zeilen kann sie nichts anfangen. Die Umschläge sind sorgsam beschriftet, an sie persönlich adressiert, aber die Menschen, um die es darin geht, sind ihr fremd: Ein gewisser Louis erzählt von seiner großen Liebe Annie, einer Künstlerin. Sprache und Stil verraten dabei einen älteren, verbal gewandten Menschen, was zunächst einen unangenehmen Beigeschmack hat: Versucht womöglich ein Autor mit Hilfe eines kreativen Marketing-Tricks Camilles Aufmerksamkeit zu gewinnen? Die Berechenbarkeit mit der seine Botschaften eintreffen, hat zudem etwas Zwanghaftes, Befremdliches.

Aber Camille kann nicht anders, sie muss diese Briefe lesen. Mit der Zeit fiebert sie ihrem Eintreffen regelrecht entgegen. Jeden Dienstag erreicht sie ein neues Schreiben.

Die Briefe katapultieren sie Jahrzehnte zurück in die Vergangenheit, in fremdes Leben und Erleben im von der Nazizeit gezeichneten Paris: Zwei Frauen, verbunden durch eine innige und intensive Freundschaft, treffen eine Entscheidung, die schließlich nicht nur ihre Beziehung zerstört sondern weitreichende Auswirkungen bis in Camilles Gegenwart hinein haben soll. Was Annie aus Dankbarkeit, aus Liebe und Freundschaft anbietet, verwandelt sich in eine zerstörerische Kraft.

Je fassbarer und plastischer die Figuren werden, desto mehr wächst auch Camilles emotionaler Bezug zu ihnen – und gleichzeitig auch der der Leserin. Es ist eine fremde Welt in vielerlei Hinsicht, denn unsere heutigen Wert- und Moralvorstellungen unterscheiden sich glücklicherweise deutlich von damaligen Einschätzungen. Das weibliche Selbstverständnis, die Erfahrungswelt und Sphäre waren in den frühen 1930er und 1940er Jahren einfach eine andere als heute. Das ändert jedoch nichts daran, dass man hineingezogen wird in das Schicksal dieser so ungleichen Frauen…

Die französische Autorin und Journalistin Hélène Grémillon hat mit ihrem Debutroman “Das geheime Prinzip der Liebe” einen wahrhaft großen Roman verfasst. Man liest – verwundert und fasziniert – mit Camille, stellt Überlegungen zu den wahren Hintergründen der anonymen Briefe an, tappt an der Wahrheit vorbei, stößt sich den Kopf in Sackgassen und ist ebenso wie die Protagonistin gefesselt und atemlos dabei, “das Geheimnis der Liebe” zu entdecken, den Zeilen ihre Rätsel zu entreißen.

In weniger kompetenten Händen würde man vermutlich inhaltliche Trivialität kritisieren. Hélène Grémillon verzichtet jedoch auf Schwarz-Weiß-Malerei, während sie ihre Geschichte um die großen Themen Freundschaft und Liebe, Eifersucht und Verrat, Vergangenheit und Zukunft spinnt. Sie wertet und verurteilt nicht, sie zeigt. Dabei beleuchtet sie das Geschehen aus verschiedenen Perspektiven und stattet ihre Figuren mit erstaunlicher Tiefe aus.

Durch seinen geschickten Aufbau und seine kraftvoll-poetische Sprache fesselt das Buch bis zur letzten Seite. Genau darin liegt seine große Stärke. Die raffinierte Komposition lässt gleich vier Ich-Perspektiven das Geschehen schildern und beleuchten. Das verlangt den Lesenden einiges ab, vor allem, weil man gezwungen wird, einmal getroffene Urteile zu überdenken, zu revidieren.

Camille macht die Erfahrung, dass auch gut gehütete “Geheimnisse […] nicht mit denen sterben, die sie getragen haben.” Man selbst erkennt, dass Wahrheit und Wirklichkeit immer auch im Auge des Betrachters liegen und dass es keine einfachen Antworten gibt. Ein lesenswertes Buch!

(c) M. Hoevermann

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Categories: Belletristik, Frauenromane, Literatur

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