“Das Globalisierungs-Paradox: Die Demokratie und die Zukunft der Weltwirtschaft” von Dani Rodrik

Plädoyer für die Rettung der Demokratie und eine Stärkung der Nationalstaaten

Die Schuld an der Weltwirtschaftskrise tragen die Globalisierung und das Dogma des ungehinderten Freihandels. “Die Globalisierung wurde zu einem kategorischen Imperativ, als gäbe es für alle Länder dieser Welt nur noch den einen gemeinsamen strategischen Nenner: niedrige Unternehmensbesteuerung, sparsame Haushaltspolitik, Deregulierung, Zurückdrängung der Gewerkschaften”, schreibt der in Istanbul geborene Ökonom Dani Rodrik in “Das Globalisierungs-Paradox”.

Die Erfahrungen der letzten Zeit zeigen, dass sich die Märkte nicht selbst regulieren. Rodrik betrachtet die unkontrollierte Globalisierung als gescheitert und sieht Demokratie und Nationalstaat als Opfer eines ungezügelten Welthandels und unkontrollierter Finanzmärkte. Mit seinem differenzierten Beitrag zur Globalisierungsdebatte greift Dani Rodrik, der als Professor für Internationale Politische Ökonomie an der renommierten Harvard Universität tätig ist, dieses grundlegende “Trilemma der Weltwirtschaft” auf. Doch Rodrik veranschaulicht: Die einzelnen Saaten sind dem Prozess der Globalisierung nicht hilflos ausgeliefert. Was fehlt, sind Strukturen und Regulierung. Er plädiert daher für eine Begrenzung des Freihandels und eine Stärkung der Nationalstaaten.

In 12 Kapiteln befasst sich der Harvard-Professor mit den wesentlichen Entwicklungen und Fragestellungen der Globalisierung. Zunächst wirft er einen Blick in die Geschichte: Am Beispiel einer Biberfell-Auktion in Garraway’s Kaffeehaus, einem bekannten Sammelpunkt von Reedern, Finanzagenten und Kaufleuten, in London im 17. Jahrhundert, zeigt er auf, wie länderübergreifender Handel einsetzte. Angebot und Nachfrage entscheiden über den Preis. Allerdings bedeutet die verstärkte Nachfrage nach Biberfellen auch eine stärkere Bejagung der Biber. Anhand dieses Beispiels wird dem Leser wirtschaftliches Grundwissen vermittelt. Es wirft auch die berechtigte Frage auf, wie sinnvoll es ist, Wachstum vor Umweltschutz zu stellen. Die Nachfrage aus reichen Ländern vernichtet binnen kurzer Zeit Ressourcen, was weitreichende Konsequenzen haben kann.

Nach dem Ausflug in den Welthandel des 17. und 18. Jahrhunderts erläutert der Autor, warum Wirtschaftshistoriker “das lange Jahrhundert vor 1914” als erste Ära der Globalisierung betrachten. Möglich wurde die Globalisierung in jener Zeit durch den technischen Fortschritt: Dampfschiffe und Eisenbahnen vereinfachten den Transport über weite Strecken. Die Telegrafie revolutionierte die Kommunikationsmöglichkeiten und die Nachrichtenübermittlung. Zudem wurden erstmals marktwirtschaftliche Möglichkeiten erkannt und diskutiert. Besondere Bedeutung kommt hierbei den Ökonomen Adam Smith und David Ricardo zu. Regierungen vereinfachten den Handel untereinander; Einfuhrzölle und Verbote entfielen. Nach 1870 ging man darüber hinaus zum Goldstandard als Währungssystem über. Aber auch die Annäherung der Glaubenssysteme und der Imperialismus spielten eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung der Weltwirtschaft im 19. Jahrhundert. Dani Rodrik zeigt Aufstieg und Ende dieser ersten Ära. Und er legt dar: In unserer heutigen Welt haben wir den Stand von damals in etwa wieder erreicht.

Er befasst sich mit den Vor- und Nachteilen des Freihandels, nimmt die Situationen von armen und reichen Ländern unter die Lupe und kommt eingehend auf das eingangs erwähnte “Trilemma der Weltwirtschaft” zu sprechen: Ein freier, weltweiter Handel sowie die uneingeschränkte Mobilität von Kapital und Arbeit ist nicht vereinbar mit westlichen Auffassungen von Nationalstaaten und Demokratie. Dennoch ist Rodrik kein prinzipieller Gegner der Globalisierung; vielmehr wägt er das Für und Wider fundiert und anschaulich ab, zeigt Argumente für beide Seiten auf, klammert aber die Schattenseiten nicht aus.

Der Frage, ob eine globale Regulierung möglich und zu befürworten ist, widmet er ein eigenes Kapitel. Innerhalb des Epilogs präsentiert er zum Abschluss eine unterhaltsame “Gutenachtgeschichte für Erwachsene”. Der Anhang bietet neben fundierten Anmerkungen und Literaturverweisen ein umfangreiches Register. Das erleichtert das Auffinden bestimmter Informationen und rundet dieses überaus lesenswerte Werk ab.

Letztendlich, so sein Fazit, gibt es durchaus Möglichkeiten, von der Globalisierung zu profitieren, die Märkte für den weltweiten Handel zu öffnen, aber ohne auf Demokratie und soziale Sicherheiten zu verzichten. Die Staaten sind der Globalisierung nicht passiv ausgeliefert, sie muss nicht zur “Zwangsjacke” werden. Es fehlt jedoch an Strukturen und Gesetzen. Während für Klimawandel und Menschenrechte globale Maßstäbe gelten (sie bereffen alle Menschen gleichermaßen; gemeinsame Übereinkünfte/Lösungsmöglichkeiten sind erforderlich), gilt das nicht für die Ökonomie. Die einzelnen Länder teilen nicht zwangsläufig das gleiche wirtschaftliche Schicksal. Mit geeigneten ‘Verkehrsregeln […] fahren wir in der Weltwirtschaft […] recht gut, wenn die Nationalstaaten am Steuer sitzen’. Wie genau diese Regeln aussehen könnten, legt er in seinem Kapitel “Globalisierung mit Augenmaß” dar.

Doch wie können die nationalen Regierungen die Regulierungshoheit, die sie abgegeben haben, wiedererlangen? Die Antwort auf diese Frage bleibt er schuldig.

Es ist eine anregende Lektüre, die viele Frage aufwirft, zu Diskussionen ermuntert und den Blick für neue Wege öffnet. Was man allerdings vermisst, ist die Erkenntnis, dass Wachstum und der damit einhergehende Zuwachs von materiellem Reichtum nicht unendlich vonstatten gehen können. Irgendwann wird die Grenze erreicht sein. Das Problem des Klimawandels – und die damit einhergehenden Herausforderungen für die Welt – wird ebenfalls nur kurz angesprochen. Dennoch ist es ein wichtiges, überzeugendes Werk, das die Globalisierung in all ihrer Komplexität beleuchtet.

(c) M. Hoevermann

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Categories: Geschichte, Politik, Sachbücher

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