“Der Hase mit den Bernsteinaugen: Das verborgene Erbe der Familie Ephrussi” von Edmund de Waal

Momente der Ästhetik, der Intimität und der Grausamkeit – Wenn stumme Zeitzeugen zu sprechen beginnen

Erinnerungsstücke gibt es in vielen Familien. Oft handelt es sich um Schmuck, vielleicht um Bücher oder Möbel, die weitergegeben werden von einer Generation an die nächste. Manchmal sind diese Gegenstände von hohem materiellem, manchmal bestenfalls von hohem ideellem Wert.

Ungleich seltener ist das, was Edmund de Waal von seinem Großonkel erhält: 264 japanische Miniaturfiguren. Kleine, geschnitzte Kostbarkeiten aus Elfenbein, Walrosszähnen und Holz. Netsuke heißen sie. Auf Deutsch bedeutet das etwa so viel wie “Wurzelholzanbringung”. Ursprünglich dienten sie als Gegengewicht zu einer kleinen Lackholzdose, die am Kimono getragen wurde. Eines dieser wallnussgroßen Kunstwerke ist der berühmte “Hase mit den Bernsteinaugen”. Und dieser winzig kleine, lange Zeit stumme Zeitzeuge erzählt in de Waals Händen eine Geschichte ungeheuren Ausmaßes.

Mitte des 19. Jahrhunderts sind diese faszinierenden Miniaturen entstanden. Dort liegen ihre Anfänge, ihre Geschichte, und dorthin begibt sich auch Edmund de Waal, ein Londoner Professor für Keramik, und Ururenkel Ignaz “Iggie” Ephrussis. Noch ahnt er nicht, dass seine Spurensuche ihn über Jahre beschäftigen und durch mehrere Länder bzw. Kontinente führen wird.

Zwei Jahre aufwendige Recherchearbeit liegen hinter ihm. 150 Jahre aufbereitete Familiengeschichte vor uns. Das Ergebnis? Ein unbezahlbarer Blick auf Leben und Geschichte einer der einflussreichsten jüdischen Familien Europas.

Von einfachen Getreidehändlern bis zu einer der einflussreichsten und vermögendsten Dynastien haben sie es gebracht, die Ephrussis aus dem ukrainischen Odessa. Der Aufstieg der Familie in das Großbürgertum begann mit der Gründung eines eigenen Bankhauses: Leonid Ephrussi & Co. Schon bald entstanden Filialen in Österreich, England und Frankreich; der Reichtum wuchs. 1870 erbauten sie ein prächtiges, schlossähnliches Gebäude in Paris. Dort lebte der Bankier Charles Ephrussi, ein Cousin des Urgroßvaters Edmund de Waals. Ein typisch neureicher Lebemann und Kunstliebhaber und -sammler. Er gab die Zeitschrift “Gazette des Beaux-Arts” heraus und verfasste unter anderem Texte über Albrecht Dürer und Paul Baudry. In einer Zeit, in der japanische Kunst en vogue war, erwarb Charles Ephrussi die Netsuke, die er in seinen Salons ausstellte. Doch schon 1899 trennte er sich von den Figuren und überreichte sie einem Neffen als Hochzeitspräsent. So gelangten sie schließlich von Frankreich aus nach Wien, ins Palais am Ring. Genauer gesagt: in das Ankleidezimmer von Emmy von Ephrussi, der späteren Großmutter Edmund de Waals.

Charles Ephrussi widmete sich der impressionistischen Malerei. Er sammelte Gemälde von Edgar Degas, Claude Monet, Alfred Sisley, Camille Pissarro, Édouard Manet und Pierre-Auguste Renoir. Seine Villa beherbergte eine Vielzahl unvorstellbarer Schätze. Er war ein Wegbereiter und Förderer wahrhaft großer Kunst. Später inspirierter er Marcel Proust zur der Figur des Kunstsammlers Swann in “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit”.

Familie Ephrussi war endgültig in Wien angekommen. Integriert. Assimiliert. Ein Teil der österreichischen Gesellschaft. Aber wahrgenommen wurden sie von der Außenwelt trotz oder vielleicht sogar wegen ihrer Prominenz vor allem über ihre Religion. Sie waren Juden. Und wie unzählige andere jüdische Familien wurden auch sie zu Opfern der Nationalsozialisten: 1938 wurde der Besitz der Familie “arisiert”, d.h. die Familienmitglieder wurden von ihrem Anwesen vertrieben, sämtliche Schätze und Wertgegenstände geraubt. Nichts ist geblieben. Fast nichts. Der Haushälterin Anna gelang es, die Netsuke vor den Nazis zu retten. Versteckt in ihrer Schürze brachte sie die kleinen Kostbarkeiten in Sicherheit und schließlich zurück in die Hände ihrer wahren Besitzer. Und damit bewahrte sie Namen und Geschichte der Familie für die Nachwelt.

Einige Jahre nach Kriegsende erhielten die Ephrussis zwar auch ihr Anwesen wieder, doch Armut zwang die Erben, das Palais für einen lächerlichen Betrag zu verkaufen. Die Kunstgegenstände, die der Familie einst gehörten, stehen heute in Museen…

Familienchronist de Waal rekonstruiert unsentimental, aber mit großer sprachlicher Eleganz und Detailtreue das Leben einer angepassten jüdischen Familie in Paris und Wien um die Jahrhundertwende. Der Ton ist nicht nostalgisch-schwermütig. Ihm geht es nicht darum, Schmerz und Bedauern über den erlittenen Verlust oder den verlorenen Reichtum auszudrücken, auch wenn er dazu allen Grund hätte. Nein, er will dem Geheimnis des Hasen auf die Fährte kommen: “Ich möchte wissen, welche Beziehung es gab zu diesem hölzernen Ding, das ich in meinen Fingern wende – hart und knifflig und japanisch – und wo es gewesen ist. […] Und ich möchte wissen, in wessen Händen es war, was jemandem daran lag, was er darüber dachte – falls er es tat. Ich möchte wissen, wovon es Zeuge war.”

Akribisch und jenseits vom befürchteten Druck auf die Tränendrüse entführt er die Lesenden in eine vergangene Zeit, lässt sie plastisch, lässt sie lebendig werden in seinen Wortwelten. Er versteht es, elegant und vielschichtig zu schreiben. Er reißt mit, fesselt und beeindruckt, während wir mit den Netsuke einmalige Momente verfolgen: Künstlerisch-ästethische, aber auch intime und zutiefst grausame Momente. Die Bernsteinaugen haben alles gesehen. Und Edmund de Waal hat es geweckt, das Lied, das in den Dingen schläft.

Dieses Buch ist ein Geschenk; es reicht uns den Schlüssel zu einer Tür, die in das Leben, Denken und Fühlen der Vergangenheit führt und bis in die Gegenwart begleitet. Man sollte sich nicht die Chance nehmen lassen, hindurchzutreten. Entstanden ist ein Mosaik aus Gedanken, Tagebuchnotizen, Anekdoten, Briefen und Zitaten großer Autoren wie Joseph Roth oder Robert Musil. Ein Werk, dem man sich nicht entziehen kann. Große Literatur, ein großes Stück Familien-, Kultur- und Weltgeschichte, dem man mit bloßen Worten nicht gerecht werden kann.

(c) M. Hoevermann

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