“Der Sommer der toten Puppen” von Antonio Hill

Figuren im Fokus – Ermittlungen im heißen Barcelona

Inspektor Héctor Salgado, gebürtiger Argentinier, fühlt sich noch immer nicht so richtig heimisch in Barcelona, der Stadt, in der man sich im Sommer unablässig klebrig fühlt wie zerlaufenes Eis. So richtig angekommen und integriert ist der 43-Jährige nach wie vor nicht. Sein Privatleben ist zu allem Übel ein Trümmerhaufen: Ehefrau Ruth entdeckt nach einer langjährigen Ehe, dass sie sich zu Frauen hingezogen fühlt. Das wird noch verstärkt, als beide sich trotz Trennung doch noch einmal aufeinander einlassen. Unter Alkoholeinfluss zwar, aber eigentlich wissen Héctor und Ruth, dass das nichts ist als ein Vorwand. Das Ergebnis? Körperlich fühlt er sich hinterher befriedigt, seelisch jedoch leer. Sie ist nur leer. Dass damit die Beziehung vorbei ist für alle Zeit, ist beiden bewusst. Aber sie schaffen es dennoch, die Brücken nicht abzubrechen und behalten sogar kleine, eingespielte Rituale bei. Darin liegt die Ruhe und Vertrautheit von Menschen, die sich ohne tiefen Hass trennen. Und das nicht nur wegen ihres gemeinsamen Sohnes Guillermo.

Beruflich sieht es nicht wirklich besser für den Inspektor aus: Eigentlich ist er ein ruhiger Mensch, ein guter Polizist, gewissenhaft, vielleicht ein bisschen stur. Sein Chef lässt nichts auf ihn kommen. Aber dann verliert Salgado scheinbar die Nerven. Er leitet eine Operation gegen den Frauenhandel mit jungen Mädchen aus Nigeria, die von der Mafia ins Land geschleust und dann in Bordelle gebracht wurden. Hilflos, verängstigt, ungebildet, ohne spanische Sprachkenntnisse. Damit sind sie leichtes Spiel für Zuhälter und Freier. Sie müssen sich einer bizarren Zeremonie unterziehen, die sie zu bedingungslosem Gehorsam verpflichtet. Und dazu, die Schlepper nicht zu verraten. Bei Verstoß droht ihnen oder ihren geliebten Verwandten in der Heimat der Tod. Ein Mädchen “hatte es am eigenen Leib erfahren; niemand hätte gedacht, dass ein so zarter Körper so viel Blut enthalten könnte” (S. 27). Dieser Anblick ist es, der Salgado die Fassung verlieren lässt: Er schlägt “Hexenmeister” Dr. Omar, einen der Mädchenhändler, krankenhausreif. Danach will er alles hinschmeißen. Den Job an den Nagel hängen. Sein Chef allerdings will davon nichts wissen. Er gibt Rückendeckung, schickt ihn erst einmal einen Monat in den Urlaub, um die Wogen zu glätten. 

Als Héctor Salgado in die brütende Stadt zurückkehrt, bekommt er einen vergleichsweise einfachen Fall auf den Tisch. Sieht nach Suizid, vielleicht auch nach einem Unfall aus: Der 19-jährige Marc Castell, Spross einer wohlsituierten Familie, ist aus dem Fenster gestürzt. Drogen waren nicht im Spiel. Aber die leibliche Mutter, die Marc zurückgelassen hat, als er ein oder zwei Jahre alt war, hegt Zweifel an der Richtigkeit dieser Geschichte. Irgendetwas stimmt nicht. Um Ermittlungen wie diese würde sich niemand reißen, doch der Inspektor kann seine Hilfe schlecht verweigern.

Salgado und eine neue Kollegin, die junge, ehrgeizige Leire Castro, sollen sich mit Fingerspitzengefühl der Sache annehmen, sich umhören, die Familie abklopfen. Was erst einfach aussieht, wächst sich zusehends zu einem großen Fall mit Fäden in Vergangenheit und Zukunft aus. Vor allem entpuppt sich die scheinbar so perfekte Familie letztendlich als alles andere als unbescholten. Einzelne Handlungsstränge verbinden sich, und wenn das Ziel gewesen ist, Salgado von den Ermittlungen in Bezug auf den Mädchenhändlerring fernzuhalten, geht der Schuss gewaltig nach hinten los. Dann wird auch noch Dr. Omar ermordet. Unter Verdacht: Inspektor Héctor Salgado…

Erfreulich ist, dass der Fokus bei “Der Sommer der toten Puppen” stark auf den Hauptcharakteren liegt, die sehr detailliert vorgestellt werden. So bekommen die wichtigen Personen nicht nur Kontur, sondern auch eine gewisse Tiefe. Ermittler mit privaten Problemen und unkonventioneller Herangehensweise sind im Grunde Standard im Krimi-Metier. Was Inspektor Salgado aber besonders interessant macht und aus der Masse abhebt, sind seine Vergangenheit, sein Migrationshintergrund und seine Auseinandersetzung mit seiner Rolle als Vater.

Leire Castro wirkt anfangs vielleicht etwas zu perfekt: Sie hat eine steile Karriere hingelegt, ist loyal, kompetent, eine moderne Frau, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Meine Sympathie hielt sich anfangs in Grenzen. Allerdings ist sie als Frauenfigur durchaus interessant. Statt Wert auf feste Beziehungen zu legen, wählt sie ihre Männerbekanntschaften nach Optik und Sex-Appeal aus. Möglichst unkompliziert soll es sein, ohne Verpflichtungen. Allerdings bleiben Abenteuer wie diese nicht immer folgenlos, und ein etwas anhänglicher Liebhaber mit schwacher Rechtschreibung ist da mitunter das kleinste Problem. Sie bildet insgesamt, auch aufgrund ihres Alters, einen interessanten Kontrast zu dem Familienmenschen und “Alten Hasen” Salgado.

Der Inspektor muss seine private Welt neu ordnen, sich fragen, wie er den Kontakt mit seinem Sohn in Zukunft handhaben will. Eins steht für ihn fest: Er will kein “abwesender Vater” (S. 358) sein, denn “Verantwortung […] kann man delegieren. Gefühle nicht” (ebd.). Vielleicht der schönste und weiseste Satz innerhalb des gesamten Romans.

Sprachlich ist das Buch locker geschrieben, begeistert stilistisch allerdings nicht immer. Wiederholte Wendungen wie “sagte sie sich” oder “korrigierte er sich” fallen unangenehm auf, denn das sollte sich von selbst ergeben. Show, don’t tell. Manchmal geht es auch mit der Umgangssprache etwas zu weit.

Nichtsdestotrotz ist der erste Fall Héctor Salgados lesenswert und ein verheißungsvoller Anfang für eine Krimiserie in der pulsierenden, schwülen Hauptstadt Kataloniens. Autor Antonio Hill stammt selbst aus Barcelona, kennt Land und Leute, was er immer wieder geschickt einfließen lässt.

Gerade in den Sommermonaten bietet sich gemeinsames Schwitzen während der ersten Ermittlungsarbeiten an. Das Ende ist ein absoluter Cliffhanger, der nach mehr verlangen lässt.  Inspektor Salgado, bitte übernehmen Sie!

(c) M. Hoevermann

 

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Categories: Krimis und Thriller, Literatur

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