“Die 101 wichtigsten Fragen und Antworten – Afrika” von Asfa-Wossen Asserate

Informative Einblicke

Fragen wie “Liest man in Afrika eigentlich ‘Harry Potter’?” oder “Gibt es dort Seniorenheime?” klingen im ersten Moment belustigend, vielleicht sogar ein bisschen naiv. Tatsächlich sind es aber Dinge, die Kinder und Jugendliche sich insgeheim fragen. Afrika, die eigentliche “Wiege der Menschheit”, ist ihnen weitgehend unvertraut. Sie kennen im Wesentlichen Spendendosen zur Weihnachtszeit, Bilder von Krieg, Kindersoldaten und (halb) verhungerten Menschen aus den Nachrichten. Auch über AIDS, Flora und Fauna wissen sie dank Biologie- und Geographieunterricht einiges zu berichten. Andere Dinge liegen eher im Dunkeln.

Da liegt es für Pädagogen nahe, sich nach Büchern umzuschauen, die Antworten in verständlicher und sachlich richtiger Form bieten. Schließlich will man so viel Wissen wie möglich vermitteln. Und nie funktioniert das besser, als wenn das Interesse am Thema bereits vorhanden ist. “Afrika. Die 101 wichtigsten Fragen und Antworten” ist so ein Buch. Unterteilt in die Kategorien Geschichte, Personen, Kultur, Religion, Familie, Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Geographie und Natur hilft es anhand konkreter Fragen und ausführlicher Antworten, auch die eigenen Wissenslücken zu schließen. Ohne Einleitung geht es sofort mit dem geschichtlichen Teil und der einleitenden Frage los: “Woher kommt der Begriff Afrika?”

Man kann das Buch komplett durchlesen, sich aber auch auf bestimmte Themenkreise bzw. Aspekte konzentrieren.

“Gab es jemals Kannibalismus in Afrika?”, “Weshalb saß Nelson Mandela 27 Jahre im Gefängnis?”, “Wie verbreitet sind TV und Handy in Afrika?”, “Gibt es eine eigene afrikanische Literatur?”, “Wie verbreitet sind Magie und Zauberei in Afrika?”, “Wie patriarchalisch ist die afrikanische Gesellschaft?”oder “Gehen afrikanische Kinder gern in die Schule?” sind spannende Fragen, die das Buch kompetent und kompakt beantwortet. Es wird unter die Lupe genommen, warum Afrika arm ist, geklärt, ob die Staaten korrupter sind als europäische Staaten, welchen Einfluss China auf Afrika hat und was getan wird bzw. werden kann, um das Hungerproblem zu lösen. Auch die Auswirkungen des Klimawandels werden nicht ausgeklammert.

Dabei bleibt es nicht bei einer rein faktischen Erläuterung. Autor Asfa-Wossen Asserate nimmt kritisch Stellung und untermauert seine Auffassung mit Beispielen und Zitaten. Die subjektive Herangehensweise ist ein großer Pluspunkt des Buches, denn sie lässt ihn als Menschen plastisch werden.

Man erfährt beispielsweise, dass die Einführung des islamischen Rechtssystems in einigen afrikanischen Staaten, z.B. des Sudan, zu einer verstärkten Diskriminierung der Frauen geführt hat. Asfa-Wossen Asserate kommt zu dem Ergebnis, dass “die Benachteiligung der Frau genau das ist, was Afrika nicht gebrauchen kann” (S. 94). Er liegt in diesem Punkt auf einer Wellenlänge mit Kofi Annan, der in seiner Position als Generalsekretär der Vereinten Nationen 2006 erklärte, dass Entwicklung dann besonders wirkungsvoll geschehe, wenn “Frauen mehr Macht” (S. 95) zukomme.

Was bedauerlicherweise fehlt, ist ein Quellen- und Literaturverzeichnis. Weder für die Informationen noch für die Zitate oder das verwendete Bildmaterial sind Verweise zu finden. Der gebürtige Äthiopier Asfa-Wossen Asserate ist nichtsdestotrotz zweifellos ein Experte auf diesem Gebiet. Er studierte Jura, Volkswirtschaft und Geschichte in Tübingen, Cambridge und Frankfurt, wo er 1978 mit einer historischen Arbeit über Äthiopien zum Dr. phil. promovierte. Darüber hinaus ist er als Unternehmensberater tätig und verfasste im Jahr 2003 ein viel beachtetes Buch zum Thema “Manieren”. Darin nimmt er europäische, besonders deutsche Umgangsformen in den Blick. Afrika, besonders Äthiopien, aber auch alles rund um guten Stil, Benehmen und die deutsche Kultur bilden Schwerpunkte seiner schriftstellerischen Tätigkeit.

“Afrika. Die 101 wichtigsten Fragen und Antworten” ist ein populärwissenschaftliches Buch. Die Frage-Antwort-Struktur lässt es kommunikativ und leicht zugänglich wirken. Dabei holt es Lesende ab, wo sie stehen: Bei ihrem mehr oder weniger ausgeprägten Alltagswissen, bei Vorurteilen, bei Stammtisch-Parolen, bei Zweifeln und Unsicherheit. Es ist sozusagen “Enwicklungshilfe” für Europäer aller Altersgruppen: Der Experte antwortet. Keine Frage ist dabei zu platt, zu peinlich, zu politisch-brisant, zu provokativ. Er greift sie alle auf und unterschlägt nichts.

Es ist natürlich nicht möglich, den zweitgrößten Kontinent auf so begrenztem Raum wirklich wissenschaftlich fundiert und in all seinen Facetten vorzustellen. Das versteht sich von selbst. So muss dieses Buch notgedrungen Dinge verallgemeinern, Informationen und Details weglassen bzw. Schwerpunkte setzen.

Was es auslösen kann, ist eine weitergehende Beschäftigung mit Afrika. Es kann der Auftakt einer vertiefenden Auseinandersetzung mit einzelnen Ländern, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen oder politischen Problemen sowie bestimmten kulturellen Aspekten sein. Lesenswert ist es auf jeden Fall!

(c) M. Hoevermann

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Categories: Geschichte, Reisen

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