“Die Ära der Ökologie: Eine Weltgeschichte” von Joachim Radkau

Grüne Weltgeschichte

Joachim Radkau ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität Bielefeld. Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Arbeit sind Technik- und Umweltgeschichte, Medizin- und Mentalitätengeschichte sowie die Didaktik der Geschichte.

In “Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte” widmet er sich der Geschichte der Umweltbewegung.
Anfang der 1970er Jahre entwickelten sich erste Umwelt-Initiativen und das Thema rückte ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Anders als bei den Studentenrevolten von 1968 fühlte sich Joachim Radkau davon sofort angesprochen: Umweltschutz, das hatte etwas mit der Gegenwart zu tun. Hier machten sich Menschen für etwas stark, das echt war, authentisch. Wahre Probleme der Gegenwart sollten angegangen werden.

Seitdem ist er dabei. Eine Koryphäe auf seinem Gebiet, informiert und direkt involviert in das Geschehen der rund vier Jahrzehnte. Es gibt bislang nur ein einziges Buch, das sich mit der weltweiten Geschichte der Umweltbewegung befasst: “Environmentalism – A Global History”. Veröffentlicht wurde es im Jahr 2000. Es stammt aus der Feder des indischen Historikers Ramachandra Guha. Umfang: 150 Seiten. Allerdings werden darin Bezüge hergestellt, wo keine sind. Brüche werden ignoriert bzw. fälschlich als chronologische Entwicklungen dargestellt. Kurz gesagt: Die gesamte “Konstruktion ist ebenso gewagt wie willkürlich” (S. 12). Das Thema Umwelt kommt in der Literatur zwar häufig vor, allerdings wird es nicht historisch beleuchtet.

Hier hakt Radkau ein: Es gebe nicht eine “master-story” (S. 13), vielmehr sei eine Pluralität der unterschiedlichsten Geschichten zu finden. Er will lieber mehrere Geschichten erzählen, zeigen, welche Formen des Umweltengagements parallel existierten und existieren, was sich leitmotivisch herauskristallisiert und welche Spannungen sich als Folge ergeben. Umfang: 782 Seiten.

Damit ist von vornherein klar, dass “Die Ära der Ökologie” keine chronologisch aufgebaute wissenschaftliche Abhandlung sein kann. Vieles läuft gleichzeitig ab, überlagert oder überlappt sich. Also nimmt Radkau eine Einteilung in drei “Zeitfenster” vor, die er jeweils mit einer Zeittafel zu den bedeutendsten Ereignissen einleitet: “Die lange Jahrhundertwende von Naturschutz und Lebensreform” (1875-1914), “Die ‘ökologischen Revolution’ um 1970” (1965-1972) und “Die Umweltkonjunktur von Tschernobyl bis Rio, 1986-1992”.

Schwerpunkt seiner Darstellungen und Auseinandersetzungen bilden vor allem die letzten 40 Jahre. Aber auch auf die Anfänge der Umweltbewegung, die im 18. und 19. Jahrhundert gemacht wurden, werden nicht ausgeklammert: So betrachtet er den “Naturkult” und die “Naturliebe” dieser Zeit, die sich auch stark in der deutschen Literatur niedergeschlagen hat, als Beginn der Umweltbewegung.

In seiner “Weltgeschichte” präsentiert Joachim Radkau eine Vielzahl von ökologisch interessierten, charismatischen Menschen und beleuchtet ihre (wechselnden) Motive, Ziele und Theorien. Egal, wie kontrovers diskutiert wird; egal, wie stark sich die Herangehensweisen unterscheiden; egal, wie wenig an einem Strang gezogen wird, es gibt doch Gemeinsamkeiten: die Naturliebe als Grund für das Engagement und das Credo der Gewaltlosigkeit, wenn es darum geht, die gesetzten Ziele zu verwirklichen.

Für ältere Leser, die sich an die 1970er Jahre erinnern können, ist das Buch wie eine Zeitreise in die eigene Vergangenheit. Radkau streckt seine Hand aus und nimmt die Lesenden mit. Dabei schreibt er fesselnd und vor allem überaus anschaulich. Das Buch strotzt vor Daten, Fakten und Zitaten – dennoch liest es sich schwungvoll und faszinierend. Man spürt die Leidenschaft des Autors für sein Thema auf jeder Seite. Dabei liegt sein inhaltlicher Fokus nicht nur auf der deutschen Geschichte der Umweltschutzbewegung; er konzentriert sich ebenfalls auf die amerikanische Naturschutzbewegung, die eine Art Vorreiterrolle für Europa innehatte.

Besonders die Entwicklungsgeschichte der Umweltorganisationen von elitären Kreisen bis zur Massenbewegung ist spannend zu verfolgen: Die IUPN (International Union for the Protection of Nature) war bei ihrer Gründung 1948 in Brüssel ein “Unikat ohne historischen Vorläufer” (S. 106). Ohne die Rückendeckung der UNESCO hätte sie vermutlich kaum bestehen können. Man wollte den Grundstock legen für “eine bessere Welt […]: eine friedliche, soziale, kultivierte, auf Erhaltung ihrer Naturbasis bedachte Welt” (ebd.). Das zu bewerkstelligen, wurde als Aufgabe der Wissenschaft betrachtet. Man ging nicht davon aus, dass die breite Masse sich um das Ökosystem sorgte.

Das Budget der IUCN lag Mitte der 1950er bei gerade rund 33000 Dollar. Damit fehlten die finanziellen Mittel, um wirklich etwas zu bewegen und zu verändern. Das änderte sich, als aus IUCN-Kreisen der World Wildlife Fund (WWF) hervorging: “Auch der WWF präsentierte sich mit seinem Gründungspräsidenten Prinz Philip selbstbewusst als eine Stiftung der besten Gesellschaft und zeigte keinerlei Ehrgeiz, sich grassroots movement darzustellen; aber während die IUCN […] am Hungertuch nagte, gab es hier endlich Geld, Geld, Geld!” (S. 116). Erst damit ging die Möglichkeit tatsächlicher Einflussnahme einher.

Die Entstehung anderer Umweltorganisationen wird ebenfalls eingehend dargestellt. Dazu zählen etwa “Friends of the Earth” – ein 1971 gegründeter internationaler Zusammenschluss von Umweltschutzorganisationen – oder auch die im gleichen Jahr ins Leben gerufene Organisation “Greenpeace”, die seitdem international, überparteilich und unabhängig von Politik, Industrie und Wirtschaft für den Schutz der Natur und der Lebensgrundlagen eintritt.

Radkau lenkt den Blick zudem auf wesentliche Führungspersonen in der Umweltbewegung. Dazu zählen u.a. Julian Huxley (1887-1975), der erste Generaldirektor der UNESCO und Bruder des Autors Aldous Huxley, dem wir die Dystopie “Schöne neue Welt” (1931) verdanken; die amerikanische Zoologin und Biologin Rachel Carson (1907-1964), David Brower (1912-2000), der den Slogan “global denken, lokal handeln” geprägt hat; oder die chinesische Journalistin und Umweltaktivistin Dai Quing (* 1941).

So spannend kann Geschichte sein! Es ein wunderbares Buch, das man nicht mehr missen möchte. Es ist eine Faktensammlung unter dem Blick eines Insiders, der über die Begeisterung für sein Sujet mitreißt. Immer wieder liefert er Hintergrundinformationen, kommentiert und schafft so eine Verbindung zwischen einzelnen Punkten. Es gelingt ihm, die “grüne Weltgeschichte” verständlich nachzuzeichnen und einem großen Publikum nahe zu bringen. Ein beeindruckendes Buch!

(c) M. Hoevermann

Advertisements


Categories: Geschichte, Sachbücher

Tags:

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s