“Die Brückenbauer” von Jan Guillou

Zwischen Norwegen und Afrika


Was für ein grandioses Abenteuer! Das Buch fesselt stilistisch von der ersten Seite an; einmal angefangen, konnte ich es nicht mehr aus der Hand legen. Wie im Flug verging die Zeit – und die knapp 800 Seiten waren viel zu schnell gelesen. Hoffentlich handelt es sich hier tatsächlich  nur um den Anfang einer großen Saga, die noch nicht abgeschlossen ist.

 

„Die Brückenbauer“ beginnt Ende des 19. Jahrhunderts in einem norwegischen Fischerdorf. Später spielt die Handlung vor allem in Afrika und Norwegen. Man taucht ein in ein historisches Setting und wird mitgenommen auf eine faszinierende, atmosphärisch dichte Zeitreise. Gleich zu Anfang kommt es zu dem tragischen Schiffsunglück, bei dem die drei Jungen Lauritz, Oscar und Sverre ihren Vater und ihren Onkel verlieren. “Die Männer blieben auf dem Meer. So war das Leben.” Der verwitweten Mutter bleibt angesichts der Armut keine Wahl: Sie schickt ihre drei Söhne in die Stadt, nach Bergen. Dort sollen sie in einer Seilerei eine Lehre absolvieren. Allein durchbringen kann sie die drei Buben nicht. 

 

Bei der Überfahrt kommt es zur Begegnung mit einem Maschinisten, der sie aus Nächstenliebe mit in den Maschinenraum nimmt, wo es wärmer ist als an Deck. Die drei bekommen von ihm eine Führung, wie sie sonst nur gut betuchte Reisende gegen Bargeld erhalten. Überrascht stellt der Maschinist fest, dass die Knaben verstehen, wovon er spricht. Dabei sind sie nie vorher auf einem Schiff gewesen…

 

Es ist ein glücklicher Zufall, dass die wahren Talente von Lauritz, Oscar und Sverre entdeckt und gefördert werden: Sie erhalten ein Stipendium und bekommen die Möglichkeit, ein Ingenieurs-Studium in Dresden aufzunehmen. Allerdings mit der Auflage, anschließend  beim Bau einer Eisenbahnlinie in Norwegen, zwischen Bergen und Kristiania, mitzuarbeiten.

Nach dem Studium, das sie alle erfolgreich beenden, vereiteln Zufälle den gefassten Plan. Die Liebe führt zwei der Brüder fort, nimmt sie mit zu ganz unterschiedlichen Schauplätzen, so dass sich ihre Wege trennen: Oscar verliebt sich in eine Frau, die ihn um sein Geld betrügt. Beschämt und ein Stück weit gebrochen denkt er erst an Suizid, doch dann geht er nach Afrika. Sverre entdeckt seine Homosexualität und folgt seinem Geliebten in der Hoffnung auf ein gemeinsames Lebensglück nach London. Leider verliert sich danach seine Spur. In Briefen teilen die Brüder Lauritz ihre Entscheidung mit. 

 

Am Ende ist jener auch der einzige, der das gegebene Versprechen einlöst. Nur er kehrt zurück an den Ort seiner Kindheit, um seine Schuld zu begleichen. In Norwegen wird er zum führenden Ingenieur beim Eisenbahnbau und schreibt mit seiner Arbeit Geschichte. Packend liest sich der Alltag des Eisenbahnbaus, die Härte der Arbeit, der Natur. Während er im einsamen, kühlen Norden wirkt, versucht Oscar, sich im exotischen Süden ein Leben aufzubauen. Beide sind Brückenbauer geworden. Aber abgesehen davon könnte ihr Leben kaum unterschiedlicher sein.  Es soll noch eine Weile dauern, bis sich ihre Wege wieder kreuzen werden… 

Der Roman webt geschickt die Schicksale der Charaktere mit den historischen Ereignissen jener Zeit, gesellschaftlichen und politischen Veränderungen ineinander, verknüpft mit dem Bau der Eisenbahn, dem Symbol des Fortschritts schlechthin. Erzählt wird ruhig und mit viel Sprachgefühl aus der Perspektive eines allwissenden Erzählers, der die Hauptcharaktere Lauritz und Oscar im Wechsel begleitet. Der Autor stützt sich dabei auf die Lebenserinnerungen des Oberingenieurs Sigvard Heber, der 1924 in Buchform darüber berichtete, was es hieß, als Ingenieur im Hochgebirge an der Bergenbahn zu bauen. Jan Guillou lobt es als “kulturhistorische Leistung” und schreibt die realen Erfahrungen Hebers seiner Hauptfigur Lauritz auf dem Leib. Deswegen wird der Charakter so ungemein authentisch; seine Schilderungen glaubhaft und lebensnah. Der Autor stützt sich noch auf andere Quellen, die er ebenfalls offenlegt. Auch das macht dieses Buch zu einer ungemein faszinierenden Lektüre.

 

(c) M. Hoevermann

 

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Categories: Historische Romane, Literatur

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