“Die Erfindung des Weihnachtsbaums” von Bernd Brunner

Die Biographie des Weihnachtsbaums

Fast in jeder Stube ist er in christlich geprägten Ländern zur Weihnachtszeit zu finden: der geschmückte Nadelbaum. Manche bevorzugen echte Tannen, Fichten oder Kiefern, andere wählen umweltfreundliche, künstliche Varianten. Auch Familien mit anderer Religionszugehörigkeit oder Atheisten stellen zuweilen einen auf. Meistens, damit der Nachwuchs in der Schule mitreden kann und nicht ausgeschlossen wird. Geschmückt mit Strohsternen, Lichtern, Kugeln und Lametta bringt der Baum ein Stück Natur ins eigene Heim. Gemütlichkeit strahlt er aus. Und er erinnert mit seinen grünen Zweigen an den Frühling. 

Aus dem Anbau geeigneter Bäume und der Herstellung von Lichtern und Baumschmuck sind längst große Industriezweige geworden. Rund 50 Millionen Bäume werden jährlich in Europa zur Weihnachtszeit abgeholzt. Hauptexporteur ist ausgerechnet Dänemark. Das kleine, an sich eher waldarme Land baut mehrheitlich Nordmanntannen an. Eigentlich kann diese Baumart bis zu 500 Jahre alt werden. Bis ein Baum etwa zwei Meter groß ist, vergehen acht Jahre; bis zur Entsorgung aus dem Haus höchstens acht Wochen. Das wirft im 21. Jahrhundert bei umweltbewussten Menschen die Frage auf, ob das wirklich sein muss. 

Aber woher stammt diese Tradition eigentlich? Wieso wird ein Baum gefällt, der dann einige, wenige Tage bunt geschmückt und beleuchtet innerhalb unserer Wohnung verbleibt? Diese Frage beschäftigte schon 1889 einen Leser der bürgerlichen Familienzeitschrift “Die Gartenlaube”, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auflagenstärksten Zeitschrift im deutschen Raum. Eine Antwort auf seine Frage gab es jedoch nicht. 

Überlieferungen zufolge ist ein dekorierter Baum zur Weihnachtszeit schon 1419 in Freiburg im Breisgau gesehen worden. In Riga wird der erste Christbaum auf 1510 datiert. So richtig sicher ist das aber auch nicht. 

Liegen die Ursprünge in Deutschland, in Lettland oder handelt es sich beim Schmücken des Baumes gar um einen Brauch, der aus Zentralasien stammt? Die türkische Altorientalistin Muazzez Ilmiye Çeg vermutet, dass er Teil eines Festes war, das einst von den “Urtürken” gefeiert wurde. Ist dieser Brauch heidnisch, christlich, geht er auf andere Religionen zurück? Geburtstag und Geburtsort bleiben unklar.

Zunächst fand man den Baum im öffentlichen, erst später auch im privaten und politischen Rahmen, z.B. vor Rathäusern, in Lazaretten oder Militärquartieren. 

Familienfeiern rund um den Weihnachtsbaum begannen im deutschen Raum erst im ausgehenden 18. Jahrhundert: Der geschmückte, immergrüne Nadelbaum wurde Teil des bürgerlichen Familienlebens und ist heute aus diesem auch nicht mehr wegzudenken. Im 19. Jahrhundert verbreitete sich das Ritual des Baumschmückens zudem auch über Europa und den Rest der Welt. 

In 23 spannend zu lesenden Kapiteln spürt Bernd Brunner der Kulturgeschichte des Weihnachtsbaumes nach. Er beschreibt die weltweite Begeisterung für diesen Brauch, schneidet aber auch die Probleme an. Denn das Abholzen von Tannen, Fichten und Kiefern gefährdete mitunter die Waldbestände, was Gegenmaßnahmen erforderlich machte und schließlich zur Einrichtung spezieller Plantagen führte. 

Brunner geht tief in die Vergangenheit zurück: Der Kulturwissenschaftler stellt Beispiele aus der Baumverehrung in alten indischen und isländischen Schriften, aber auch aus der Mythologie vor. Zitate und ungewöhnliche Fundstücke aus Literatur, Geschichte und historischen Quellen machen das Büchlein zu einer vergnüglichen Lektüre. 

Selbstverständlich gibt es für sämtliche verwendete Informationen genaue Belege. Illustrationen wie Scherenschnitte, Fotos, Postkartenmotive oder Werbeanzeigen lockern nicht nur optisch auf, sondern stellen auch selbst spannende Quellen dar, die ihre eigene Geschichte erzählen. Soweit die Herkunft der verwendeten Bildmaterialien noch zu ermitteln war, ist sie ebenfalls am Ende verzeichnet. Was fehlt, sind ein Inhalts- und Stichwortverzeichnis. So ist es doch etwas mühsam, bestimmte Stellen wiederzufinden. Aber das tut dem Lesevergnügen keinen Abbruch! 

Der hübsche, festgebundene Band ist eine Fundgrube für kulturell Interessierte. Auch als Weihnachtspräsent überaus geeignet!

(c) M. Hoevermann

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Categories: Gesellschaft, Sachbücher

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