Die Essensvernichter: Taste the Waste – Warum die Hälfte aller Lebensmittel im Müll landet und wer dafür verantwortlich ist

  Defekt im System – aufrüttelnd und lesenswert

Der Vertreter einer namhaften Brotfirma räumt im Supermarkt ein Regal leer. Achtlos greift er zu, wirft verpacktes Brot und Toast in eine riesige Kiste. Der Berg wächst und wächst. Ich schaue eine Weile zu, einigermaßen sprachlos. Ich weiß längst, wie die Antwort lautet, stelle die Frage aber trotzdem: “Was passiert mit all dem Brot?”

Er weicht aus, erklärt, sie gehe zurück. Zurück? Nach ein paar weiteren Minuten gibt er zu, die eigentliche Endstation ist der Müll. Ich darf mir dennoch nichts mitnehmen. Das dürfe er nicht erlauben, erklärt er. Das könne ihn den Job kosten. Ein Gesetz, das den Verkauf – oder das Verschenken – abgelaufener Lebensmittel verbietet, gibt es hierzulande zwar nicht, aber der Händler haftet, sollte jemand klagen. Ein Risiko, vor dem Supermärkte und Discounter zurückscheuen. Lieber wird weggeworfen.

“Frisch auf den Müll: Wie Lebensmittel verschwendet werden” war Teil einer Sendereihe, die 2010 im Rahmen der ARD-Themenwoche gezeigt wurde. Der Filmemacher Valentin Thurn begab sich dabei international auf Spurensuche und deckte schockierende Zusammenhänge und Verhaltensweisen auf. Seine Entdeckungen sind aktuell wie eh und je. Geändert hat sich offenbar nichts oder noch nicht genug.

Mit “Die Essensvernichter: Taste the Waste – Warum die Hälfte aller Lebensmittel im Müll landet und wer dafür verantwortlich ist” legen Stefan Kreutzberger und Valentin Thurn nun das dazu gehörige Buch mit Daten, Fakten, Hintergrundinformationen, Illustrationen und Graphiken vor und bringen das Thema erneut ins öffentliche Bewusstsein.

In keinem anderen Land gibt es so viele unterschiedliche Sorten der beliebten Backware wie hier. Und nirgends wird mehr davon verzehrt. Bäckereien bieten eine unglaubliche Vielfalt, erst an der Verkaufstheke, einen Tag darauf dann in der Müllverbrennungsanlage oder im Schweinetrog.

Bis zu 20 % der Backwaren landet nicht auf Tellern, sondern im Abfall. Dabei handelt es sich um die einkalkulierte Retourenquote, wie es im Fachjargon heißt. Was nicht verkauft wird, wird “abgeschrieben”. Nun könnten die Backstuben einfach weniger herstellen, weniger Sorten, weniger Menge. Schon aus betriebswirtwirtschaftlichen Gründen wäre das sinnvoll. Doch der verwöhnte Kunde will Auswahl, von Ladenöffnung bis Ladenschluss. Das Regal hat voll zu sein. Bekommt er seine persönliche Brotsorte nicht, kommt er gar nicht erst wieder. Was verkauft wird, lässt sich im Vorfeld nicht sagen, und so verschwinden jährlich allein 500 000 Tonnen Brot im Abfall. Trauriger Alltag in Deutschland.

Muss das wirklich sein? Läuft ein Restaurantbetrieb nicht, wird als erstes die Speisekarte verkleinert, um Kosten zu senken und Qualität und Frische zu erhöhen. Weshalb sollte das nicht aus in Supermärkten, Discountern und Bäckereien funktionieren? Auch diese Kundschaft lässt sich lenken und leiten. Sonst wird keine Gelegenheit zur Kundenmanipulation ausgelassen. Hier könnte man mit Information auf den gesunden Menschenverstand der Verbraucher zielen.

Was kaum jemand weiß: Zahllose Lebensmittel werden vernichtet, noch bevor sie überhaupt die Chance hatten, von Verbrauchern gesehen zu werden: 40-50 % der Kartoffeln werden von vornherein aussortiert. Falsche Farbe. Farbe Form. Kein makelloses Erscheinungsbild. Vor dem verwöhnten Auge der Kunden fänden sie keine Gnade. Angeblich. Das gleiche gilt für krumme Gurken, angeschlagene Äpfel, eingedrückte Erdbeeren oder Bananen im Leopardenstil.

Insgesamt werden jedes Jahr rund 15 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Das entspricht der Hälfte dessen, was produziert wird. Etwa, weil das Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist, denn bei vielen Menschen hält sich hartnäckig die Annahme, dass die Genießbarkeit exakt am auf der Verpackung aufgedruckten Tag endet. Eine schockierende Zahl, wenn man sich die Armut in unserem Land bewusst macht. Noch schockierender, wenn man sich vergegenwärtigt, das hier weggeworfen wird, was woanders Leben retten könnte.

Entgegen landläufiger Meinung finden abgelaufen und angeschlagene Nahrungsmittel keinen wohligen Platz in den Bäuchen dankbarer Gäste der Tafeln e.V.. Nicht alle Supermärkte und Discounter arbeiten mit diesen zusammen. Teilweise fahren die Tafeln sie auch nicht regelmäßig bzw. nicht oft genug an, um wirklich alles mitnehmen zu können – oder aber sie können die Ware nicht brauchen.

In Privathaushalten quellen Kühlschränke und Vorratskammern häufig über. Mehr Nahrung als gegessen werden kann, steht zur Verfügung. Der Hunger nach Grundversorgung ist längst dem Hunger nach einem Lebensgefühl gewichen: Wir kaufen die Scheibenwurst, damit es uns gut geht, den Käse, weil er ein Urlaubsgefühl verspricht und den Joghurt zur Aktivierung von Darm und Verdauungstrakt. Dazu Tee, falls Harmonie nötig ist, einen Keks, der eine Auszeit garantiert und einen Schokoriegel, um wieder mit Power bei der Arbeit ranzuklotzen. Lebensmittel machen’s möglich, für alle Eventualitäten gewappnet zu sein. Wir kaufen Werbeversprechen und Wohlbefinden, lechzend nach Bedeutung und Sinn in einem von Leistungsdruck dominierten Leben.

“Die Essensvernichter” basiert auf fundierter Recherche und gewinnt mit seinem anschaulichen, sprachlich und inhaltlich leicht zugänglichen Mix aus Fakten, Anekdoten und anschaulich aufbereitetem Bildmaterial. Zusammen verbinden sich alle Elemente zu einer aufwühlenden Lektüre, die man nicht aus der Hand legen kann. Supermarkt-Verkäufer und Manager kommen ebenso zu Wort, wie Bäcker, Kleinbauern, Minister, Psychologen und Vertreter der Bürokratie. Die Bilder zeigen Müllberge, afrikanische Kleinbauern, die gigantische Verschwendungssucht der westlichen Welt, aber auch gelebte Alternativen: Mülltaucher und Menschen, die in Großstädten Pflanzen kultivieren oder sich mit ungewöhnlichen Ideen für die Umwelt einsetzen und gegen die Essensvernichtung angehen.

Die Autoren belassen es nicht bei einer bloßen Bestandsaufnahme. Sie zeigen konkret auf, was jeder einzelne tun kann. Die Tipps sind ebenso einfach wie wirkungsvoll: regional und saisonal kaufen, Flugobst meiden, vorher überlegen, was man wirklich aus dem Supermarkt braucht und wann man was essen will. Denn das schönste Schnäppchen ist keins, wenn die Lebensmittel ungegessen in die Biotonne wandern. Man kann sich befreien von zweifelhaften Werbebotschaften, der Manipulation von Displays in Quengelzonen widerstehen und anfangen, die verlorene Wertschätzung für Nahrungsmittel zurückzugewinnen. Es gibt die Möglichkeit, Reste geschickt weiter zu verwerten, direkt an Bauern heranzutreten oder sich zu Einkaufsgemeinschaften zusammenzuschließen.

Ein Buch, das sich schwer zur Seite legen lässt. Ein Buch, das wütend macht – gleichzeitig aber auch dazu motiviert, aktiv zu werden und den weltweiten Vernichtungszug von Lebensmitteln, Ressourcen und Klima zu stoppen. In einem gewissen Rahmen kann das jeder. Letztendlich wollen Konzerne nur unser Bestes: unser Geld. Genau da lässt sich ansetzen.

Ein lesenswertes, mehr als überfälliges Buch!

(c) M. Hoevermann

 

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Categories: Ernährung, Gesellschaft, Sachbücher

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