“Die Filmerzählerin” von Hernán Rivera Letelier

Von der Macht der Bilder und der Kraft der Sprache

Die FilmerzählerinIn der Armseligkeit der Wüste im Norden Chiles wachsen sie auf: Fünf Geschwister in der Einöde. Sie bewohnen eine heruntergekommene Wellblechhütte am Rande einer Salpetersiedlung, die scheint wie das Ende der Welt. Leer. Öde. Stumpf. Der Vater einfach gestrickt, die Mutter mondän mit dem Wunsch, die große weite Welt zu erobern, Tänzerin zu werden, mehr aus ihrem Leben herauszuholen. Mit 16 verlässt sie Mann und Kinder und zieht mit einer Varieté-Revue umher. Längst verblasst für die Kinder die Erinnerung: Die Mutter als Person verschwindet, verschwimmt, wird zu einem Film. Unwirklich, ein Wesen wie aus einer anderen Welt. Ihr Verlust lastet schwer auf der Familie.

Sprachlos wird der Vater, der infolge eines Arbeitsunfalls von der Hüfte an gelähmt ist: Fällt der Name der Mutter, zieht er sich zurück in Einsamkeit und Alkohol. Offen thematisiert wird ihre folgenschwere Entscheidung nie.

Der einzige Lichtblick in dieser Trostlosigkeit ist das Kino. Doch das Geld ist knapp. Eine Eintrittskarte lässt sich mit Mühe finanzieren. Der Vater, ein passionierter Cineast, macht aus der Not eine Tugend: Alle fünf Kinder erhalten der Reihe nach die Chance, einen Film im Lichtspielhaus anzusehen. Allein. Hinterher erzählen sie den Film dann daheim nach. Wer es am besten macht, darf von da an jede Vorstellung besuchen.

Schnell zeigt sich, wirklich begabt sind die Söhne nicht. Anders Maria Margarita, das einzige Mädchen: Sie erzählt nicht einfach nur, sie lebt ihre Rolle: ‘Sie zieht den Colt wie John Wayne, brüllt wie der Löwe von Metro Goldwyn Mayer und beherrscht Gary Coopers stahlharten Blick’. Aus der bildungsfernen Zehnjährigen wird ein gewandtes Entertainment-Ereignis. Zwischen Fantasie und Wirklichkeit verschwimmen die Grenzen, wenn sie erzählt. Die Kinobesuche selbst bedeuten Freiheit für die selbstbewusste Ich-Erzählerin. Und Flucht aus dem freudlosen Alltag. Ihr Talent bringt der Familie einen bescheidenen wirtschaftlichen Aufschwung, denn schon bald erzählt sie für einen kleinen Obolus auch für Freunde und Nachbarn, schließlich für das ganze Dorf.

Die Weinflaschen des Vaters verwandeln sich vom billigsten Fusel zur Markenware. Und Maria wird zu einer lokalen Berühmtheit. Man bucht sie, um sich erzählen zu lassen, zu Hause. Angestellte, Ladenbesitzer, alte Damen – sie alle wollen dem Mädchen zuhören. Dann wird sie von einem mächtigen Mann eingeladen, von dem Geldverleiher Don Nolascu. Was klingt wie ein Karrieresprungbrett, wird zu einer folgenschweren Katastrophe. Diesem Mann geht es nicht um Filme. Maria 12 Jahre alt, als ihre Welt ins Wanken gerät…

Das Fernsehen erobert schließlich auch die Wohnzimmer der Ärmsten der Armen. Das Kino wird verdrängt.

Die kleinen Fluchten, die Maria Margarita anderen so bereitwillig schenkt, bleiben ihr selbst letzten Endes verwehrt. Allein, verlassen, auf sich zurückgeworfen harrt sie aus in ihrem Leben, das gezeichnet ist von Erinnerungen und zerrütteten Träumen. ‘Der einzige Film, der hier noch zu erzählen ist, wurde niemals gedreht’, heißt es. Niemals, bis jetzt.

Der chilenische Schriftsteller Hernán Rivera Letelier zieht die Lesenden mühelos in seinen Bann. In überraschend kurzen Kapiteln lässt er auf nur 104 Seiten ganze Welten lebendig werden. Michael Krüger, Schriftsteller, Verleger und Mitglied der Petrarca-Preis-Jury klagte darüber, dass schlechte Romane immer dicker würden; dieses Buch gibt ihm Recht: Kein Wort zu viel, ist hier die Devise, und doch besticht dieses Werk mit seiner sprachlichen Schönheit und inhaltlichen Tiefe: In poetischen Worten verdichtet und komprimiert Letelier seine Geschichte auf wenige Seiten. Doch zwischen den Zeilen öffnet er Türen zu ganzen Welten aus Erfahrungen, Gedanken und Geschehnissen. Das Geschehen der großen Welt berührt durchaus die Realität der kleinen Welt seiner Hauptfigur, ist Teil der Erzählung, ohne zum Fokus zu geraten. Gesellschaftspolitische Entwicklungen werden angedeutet, aber nicht immer beeinflussen sie das tatsächliche Leben der armen Bevölkerung unmittelbar.

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© Glenn Arcos_Alfaguara 2009
(www.suhrkamp.de)

Letelier wuchs selbst in einem Berfbaudorf in der nordchilenischen Wüste auf. Früh verlor er seine Mutter, was ein Leben auf sich allein gestellt bedeutete. Auch ihn rettete sein Talent. Vermutlich sind zahlreiche biographische Elemente in das Leben der kleinen Maria eingeflossen.

Aus äußerer Armut erwächst mitunter unermesslicher innerer Reichtum. Die geschenkten Stunden purer Freude und Teilhabe während des Filmerzählens sind eine einmalige Liebeserklärung an das Kino, zugleich eine tiefe Verbeugung vor der Erzählkunst und der Fantasie. Ein zutiefst berührendes Buch, das sprachlich und stilistisch beeindruckt und inhaltlich lange nachhallt.

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Taschenbuch: 106 Seiten
Verlag: Insel Verlag; Auflage: 3 (12. März 2012)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3458358226

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