“Die Flüsse von London” von Ben Aaronovitch

Die Vorschusslorbeeren sind gewaltig; Vergleiche mit Harry Potter waren vorprogrammiert. Aber es handelt sich um mehr als nur irgendeine Fantasystory im Fahrwasser der beliebten Abenteuer des Zauberlehrlings von Hogwarts. Gewisse Gemeinsamkeiten gibt es natürlich: Sowohl Harry Potter als auch Peter Grant sind im ersten Band dabei, Zauberlehrlinge zu werden. Und beide Serien spielen in England. Das war’s im Wesentlichen.

Zur Handlung: Vor der Säulenvorhalle von St. Paul’s am Covent Garden stolpert ein betrunkener Straßenkünstler im wahrsten Sinn des Wortes über einen Mann. Erst ist er sich nicht sicher, ob es sich um „einen Betrunkenen, einen Bekloppten oder um einen Menschen handelt, der Hilfe brauchte (S.5), aber bei genauerem Hinsehen erkennt er, dass es für Letzteres definitiv zu spät ist: Vor ihm liegt eine Leiche. Kopflos noch dazu. Später findet man das Haupt dann ein paar Meter weiter hinter einer klassizistischen Säule.

Das Mordermittlungsteam wird umgehend in Kenntnis gesetzt. Dienst hat ausgerechnet der jüngste und unerfahrenste Detective Constable der Truppe: Peter Grant. Zusammen mit Kollegin Police Constable Lesley May, genau wie er noch in der Probezeit, bewacht er in aller Frühe die Gegend. Der erfahrene Kollege, der ihnen als Anleiter zugeteilt worden ist, stärkt sich derweil in einem 24-Stunden Café im St. Martin’s Close. Schließlich geht auch Lesley los, um einen koffeinhaltigen Wachmacher für beide zu organisieren – und Peter entdeckt einen auffälligen Mann, den er anhält und anspricht. “By the book”, genauso, wie er es gelernt hat. Jedenfalls fast. “Ich vergewisserte mich, dass mein ausziehbarer Schlagstock griffbereit war, und ging hinüber. Wir Polizisten sollten die Bürger immer überragen […], deshalb tragen wir klobige Schuhe und hohe Helme. Aber als ich mich dem Mann näherte, sah ich, dass er nicht nur klein, sondern ausgesprochen winzig war. Höchstens einsfünzig. Ich widerstand dem Impuls, in die Hocke zu gehen, um auf Augenhöhe mit ihm zu kommen” (S. 10).

Der Mann heißt Nicholas Wallpenny und entpuppt sich als Augenzeuge in dem aktuellen Fall. Peter Grant will ihn zur Aufnahme seiner Aussage mit aufs Revier nehmen. Allerdings gibt es da ein Problem: Wallpenny ist seit 120 Jahren tot. Und er tritt auch einen entsprechenden Beweis an. Trotzdem bewahrt Grant die Contenance, the “stiff upper lip”, wie es so schön heißt, denn das heißt noch lange nicht, dass er die Ausbildungsgrundlagen außer Acht lassen darf. Förmlich bittet er um ein Statement, doch Lesley kehrt zurück, bevor sie zum eigentlich Wesentlichen kommen, und der Geist verschwindet. Grant will ihn unbedingt wiederfinden und begibt sich auf die Jagd: “Feldausrüstung für Gespensterjäger: warme Jacke; Thermounterwäsche (extrem wichtig); Thermosflasche; Geduld; Gespenst” (S. 37). Sätze wie diese machen das Buch einfach lesenswert!

Er lungert an den Straßencafés herum, die nacheinander schließen. Es ist bitterkalt, auch in warmen Unterhosen, und dann wird er auch noch von den Teilnehmerinnen eines Frauenabends für schwul gehalten und in Bett geschickt: “Geh nach Hause, Süßer […]. Er kommt heute nicht mehr” (ebd.).

Nach diesem erfolglosen Kontaktversuch wird er am nächsten Morgen versetzt, und zwar zu Chief Inspector Thomas Nightingale. Fortan soll er in zivil arbeiten. Treffpunkt mit dem zukünftigen Boss ist ein Restaurant, in dem Nightingale Peter Grant als erstes mitteilt, womit er nie gerechnet hätte: “Geister gibt es wirklich” (S. 45) und dann bekommt er einen Crash-Kurs in Sachen Magie und es geht wirklich los…

Zwei parallele Handlungsstränge sind es, die sich entfalten: Zum einen geschehen in der Stadt immer wieder seltsame Morde, zum anderen geht es um die Auseinandersetzung zweier Flussgötter. Mama Themse ist bereits seit 1957 in London uns sorgt dafür, dass der Fluss sauber bleibt. Papa Themse hat eigentlich den gleichen Schwur wie sie abgelegt, aber er hält sich nicht an die Abmachungen, übertritt unrechtmäßig die Schleuse. Da sind Konflikte und Rangeleien vorporgrammiert.

Ben Aaronovitch (* 1964) ist gebürtiger Londoner und mir als alten “Doctor Who”-Fan auch als Drehbuchautor ein Begriff. “Remebrance of the Daleks” (1988) und “Battlefield” (1989)  stammen aus seiner Feder. Für “Die Flüsse von London” konnte er eine Nominierung für den Galaxy National Book Award einheimsen.

Stilistisch macht das Buch einfach Spaß. Als Ich-Erzähler berichtet Peter Grant mit viel Selbstironie und Witz, reißt mit und reizt mehr als einmal das Zwerchfell. Wer skurrilen, britischen Humor mag, und sich auf phantastische Elemente einlassen kann, bekommt hier ein witziges, frisches Lesevergnügen geboten, wobei allerdings nicht die Krimihandlung, sondern vielmehr der Fantasy-Part im Fokus steht. London-Fans und Neuentdecker können sich zudem auf viele Informationen rund um die Stadt, ihre Geschichte, Sehenswürdigkeiten und Plätze freuen.
Es handelt sich um den Anfang einer Romanreihe. Auf den nächsten Teil freue ich mich schon jetzt!

Liebevoll gestaltet ist auch das Cover, obwohl man sich nur für den Druck als Taschenbuch (leider, muss ich sagen) entschieden hat: Buchstaben, Lupe und Fluss sind unter den Fingerspitzen spürbar erhöht. Das stimmt ein auf die spannende Handlung, die einen erwartet. Schade ist dennoch, dass die Gesamtausstattung nicht hochwertiger ausfällt. Hier hätte ich mir eine Hardcover-Ausgabe gewünscht, am besten mit Lesebändchen und ausklappbarem Stadtplan von London und Infos über die Polizei. In Zeiten, in denen die eBooks mehr und mehr den Buchmarkt erobern, kann man mit Werken in hochwertiger Ausstattung punkten.

(c) M. Hoevermann

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Categories: Humor, Krimis und Thriller, Literatur, Science Fiction & Fantasy

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