“Die Hälfte des Himmels: Wie Frauen weltweit für eine bessere Zukunft kämpfen” von N. Kristof und S. WuDunn

Die Hölle des weiblichen Daseins – Menschenrechtsverletzungen an Mädchen und Frauen

In Deutschland werden Frauen nach wie vor diskriminiert: Trotz gleicher Arbeitsleistung werden ungleiche Löhne gezahlt. Müttern wird die Möglichkeit der Berufstätigkeit erschwert bzw. verunmöglicht. Das heißt, hoch qualifizierte Arbeitskräfte stehen prinzipiell in den Startlöchern, ihr Potential wird jedoch nicht genutzt. Dabei fehlt es an allen Ecken und Enden an Fachkräften. Frauen sind Opfer von sexuellen Übergriffen am Arbeitsplatz, von häuslicher Gewalt; ihre Reduktion zum Sexobjekt sieht man täglich in der Werbung. Kaum eine Fernsehzeitung kommt ohne laszive, halb bekleidete Dame aus. Dazu kommen anmaßende Sprüche im Alltagsleben. All das verärgert und macht wütend.

Die Worte fehlen, wenn man sich mit der Situation der Frauen weltweit beschäftigt: Weiblich zu sein, dazu arm und auf dem Land zu leben, das ist in Afrika und Asien schon fast ein Todesurteil. In besonderem Maße gilt das für muslimische Staaten, in denen Mädchen und Frauen nicht von männlichen Medizinern versorgt werden dürfen. Das heißt: Sie sterben an Krankheiten, die behandelt werden können. Aufgrund ihres Geschlechts. Dazu kommen die extrem schlechte Bildung, Unterernährung, Verstümmelung, Gewalt, Sklaverei, Massenvergewaltigungen, Prostitution. Die Liste der Grausamkeiten, die Frauen im 21. Jahrhundert angetan wird, reißt nicht ab.

Es ist eine zutiefst schockierende Bestandsaufnahme, die das New Yorker Journalistenpaar Nicholas D. Kristopf und Sheryl WuDunn mit “Die Hälfte des Himmels” vorlegt. In vierzehn Kapiteln nehmen sie Aspekte des weiblichen Martyriums in den Blick. Dabei legen sie drei Schwerpunkte: “Sexhandel und Zwangsprostitution; Gewalt gegen das weibliche Geschlecht, einschließlich Ehrenmord und Massenvergewaltigung; sowie Müttersterblichkeit, die immer noch massenhaft sinnlose Opfer fordert” (S. 23). Aber auch Möglichkeiten, etwas zu verändern, werden vorgestellt. Hier konzentrieren sich die Autoren auf Mikrokredite und Mädchenbildung.

Dabei wird das Thema “Entwicklungshilfe” kontrovers angegangen. Ein Problem ist, dass Menschen aus westlichen Ländern zwar gute Ideen für sinnvolle Projekte haben. Allerdings legen sie bei allem westliche Maßstäbe an. Ohne Kultur und Traditionen in Afrika und Asien (teilweise gibt es nicht nur landesspezifisch, sondern auch regional große Unterschiede) zu berücksichtigen, laufen viele Maßnahmen ins Leere.

Dreh- und Angelpunkt ist die Bildung. Allerdings reiche es – so die Autoren – nicht aus, dafür ein Schulgebäude zu errichten und Lehrmaterial bereitzustellen. Nicht einmal die Bezahlung ordentlicher Lehrergehälter garantiert Erfolg, wie sich in Indien herausstellte: Die Lehrer erschienen einfach nicht zur Arbeit. Esther Duflo, Professorin am Massachusetts Institute of Technology (MIT) bei Boston, erforscht bereits seit 2003 die Ökonomie der Armut und prüft den Sinn von Hilfsprojekten. Denn was wirklich nachhaltig wirkt und die Lebensumstände verbessert, wissen Entwicklungshelfer oft nicht. Mit ihrem Kollegen Abhijit Banerjee gründete sie am MIT ein Institut, das ein Netz von Wissenschaftlern aus Soziologie und Ökonomie koordiniert. Diese begeben sich direkt vor Ort. Funktioniert ein Hilfsprojekt nicht, wird es dabei nicht automatisch als gescheitert und sinnlos betrachtet. Manchmal reichen schon kleine Veränderungen aus. Im Fall der indischen Lehrer koppelte man ihren Verdienst an ihre Anwesenheit in der Schule. Schon reduzierten sich die Fehltage um ca. 50 %. Ob sie tatsächlich guten Unterricht machen, müsste allerdings gesondert untersucht werden.

Kristof und WuDunn verdeutlichen, dass man auch die Situation der zu unterrichtenden Kinder genau in den Blick nehmen muss: Sind ihre Grundbedürfnisse erfüllt? Haben sie genug Nahrung und Flüssigkeit im Bauch, um sich überhaupt konzentrieren zu können? Gibt es eine Unterkunft? Schlafen sie genug? Sind sie gesund? Stehen die Eltern/Familien hinter dem Schulbesuch? Wie sieht es mit Kleidung/Schulkleidung aus? Auch an für uns selbstverständliche Dinge wie Toiletten muss gedacht werden. Mädchen, die ihre Periode haben, brauchen Zugang zu entsprechenden Hygieneprodukten. Dinge wie diese entscheiden letztendlich über den Erfolg der Schule.

“Die Hälfte des Himmels” offenbart den Blick hinein in die Hölle des weiblichen Daseins. Die Frauen kommen auch selbst zu Wort und geben erschütternde Einblicke in ihr Leben. Es sind Schicksale, die niemanden kalt lassen werden. Fotos, die einem die Kehle zuschnüren. Misshandlung, Vergewaltigung, Zwangsprostitution, Verschleppung, Gewalt, Diskriminierung – das ist für sie Alltag. Menschenrechtsverletzungen an Körper, Geist und Seele. Mehr als einmal fragt man sich, wie jemand all dieses Leid aushalten kann, ohne vollends zu zerbrechen.

“Ist der Islam frauenfeindlich?” fragen Kristof und WuDunn in Kapitel neun. Denn es ist ein Fakt: “Von den Ländern dieser Welt, in denen Frauen niedergehalten und systematisch […] Barbareien wie Ehrenmorden oder genitaler Beschneidung unterworfen werden, sind die allermeisten überwiegend islamisch geprägt” (S. 190). Man hindert Mädchen daran, die Schule zu besuchen, berufstätig zu sein, spricht ihnen Rechte ab, wendet unmenschliche Strafen an und zwingt sie zur Verhüllung ihrer Körper. In Indien übertreffen selbst hinduistische Frauen Musliminnen in puncto Bildung und Selbständigkeit. Der Koran befürwortet “ein gewisses Maß an Geschlechterdiskriminierung” (S. 193), etwa bei Zeugenaussagen oder beim Erbrecht. Die extreme Diskriminierung der Frauen und die konservative Haltung der Männer ist jedoch kulturellen Ursprungs. “Es gibt allerdings einen guten Grund, weshalb so häufig die Religion als Schuldige ausgemacht wird: Die Unterdrücker berufen sich auf sie” (S. 192). Das schadet dem Ansehen des Islam weltweit.

Die Autoren nähern sich brisanten Themen differenziert mit großer sprachlicher Eloquenz; sie umschiffen sprachlich gekonnt Klippen, an denen andere zerschellen würden.

Die Rechtlosigkeit von Mädchen und Frauen hat auch politische und ökonomische Konsequenzen: “Heute befinden sich nach UN-Angaben nur 1 Prozent allen in Privateigentum befindlichen Bodens auf der Erde im Besitz von Frauen” (S. 245). Das müsse sich ändern, fordern die Autoren und verweisen auf Erfahrung der Initiative “Millenium Challenge”, die als erfolgreichstes amerikanisches Auslandshilfeprojekt gilt. Lesotho (Südafrika) beantragte Gelder aus diesem Topf. Allerdings hatten Frauen dort nicht das Recht, Land zu erwerben oder sich Geld unabhängig von der Erlaubnis ihres Mannes zu leihen. Unter der Bedingung, dies zu ändern, wurde das Geld gewährt. Und es funktionierte. Frauen setzen das Geld sehr viel sinnvoller ein, sparen, handeln überlegter und sind nicht so konsumorientiert wie die Männer (vgl. ebd.).

Die Durchsetzung von Menschenrechten auch für die weibliche Bevölkerung sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Gleichzeitig ist es politisch und wirtschaftlich sinnvoll und vernünftig: “Überall, wo Frauen eine stärkere Rolle spielen, nimmt die Neigung junger Männer zum Terrorismus ab; überall, wo Frauen eigene Geschäfte führen, lässt sich ein deutlicher ökonomischer Aufschwung insgesamt feststellen.”

Es ist ein Buch, das aufrüttelt, das erschüttert, das unsagbar wütend macht. Auch streckenweise hilflos. Aber muss man wirklich tatenlos zusehen? Nein. Kristof und WuDunn machen deutlich: Jeder Mensch kann etwas zu einer Verbesserung der Situation beitragen. Um das Eis zu brechen und Lesende zum Handeln zu animieren, zeigt der Schluss vier Möglichkeiten auf. Die Autoren nennen Internetseiten und geben Anregungen. Letztendlich läuft es auf finanzielle Hilfen hinaus, allerdings mit Sinn und Verstand. Denn nur dann können sie einen tatsächlichen Unterschied machen. Man kann so selbst zur Speerspitze werden, denn – das lehrt die Geschichte – tief greifende gesellschaftliche Veränderungen beginnen unten, an der Wurzel. Es sind nicht Präsidenten, Minister oder Kongressabgeordnete; es sind die Bürger, Menschen aus der Bevölkerung, die sich zusammentun, sich einsetzen und stark machen.

John Lennon thematisierte bereits 1972 auf seinem Album “Some Time in New York City” die Unterdrückung der Frauen in einer von Männern dominierten Welt und forderte eine Veränderung: “Woman is the nigger of the world/Think about it… do something about it”.

Es ist mehr als Zeit.

(c) M. Hoevermann

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