“Die Welt erklärt in drei Strichen: Das kleine Buch der großen Veränderungen” von Mikael Krogerus und Roman Tschäppeler

Einladung zum Nach-, Mit- und Weiterdenken – Intelligente Essays mit Humor

Die Reduktion auf das Wesentliche, Verknappungen, Wissen kompakt dargestellt auf kleinstem Raum. Das wünschen sich vielbeschäftigte Menschen mit geringem Zeitkontingent.

Doch kann man unsere komplexe Welt wirklich in wenigen Strichen erklären? Das Autorenduo Mikael Krogerius und Roman Tschäppeler hat sich einiges vorgenommen. Neugierig macht der Titel allemal.

Das kleine Format verblüfft: 9,5 x 14,9 cm, größer ist es nicht. In gestochen scharfer Druckqualität hält man ein gerade einmal 175 Seiten umfassendes, edel wirkendes Büchlein in den Händen. Auf diesem engen Raum wird man mit immerhin 52 Theorien und Modellen zu gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und ökologischen Fragestellungen konfrontiert. Dabei sollte man bedenken: Ein Modell ist nicht die Realität selbst, sondern nur ein (beschränktes) Abbild derselben; es macht sie fassbarer. Dass hier kein Tiefenwissen präsentiert werden kann und soll, versteht sich (hoffentlich) von selbst; es geht vielmehr um die Herausarbeitung des eigentlichen Kerns.

Anschauliche Graphiken wie Diagramme, Tabellen oder Mindmaps helfen beim Erfassen des Gelesenen, für dessen Verständnis und Reflexion man durchaus Zeit einplanen sollte. “Die Welt erklärt in drei Strichen” ist kein Buch, das sich in einem Zug durchlesen lässt. Gab es zu einer Theorie bzw. einem Modell noch keine geeignete Visualisierung, haben die Autoren eine erstellt. Denn “unsere Wahrnehmung geht von Bild zu Text”. Bildliche Darstellungen prägen sich besser ein, und bei der Betrachtung eines Schriftstücks, eines Zeitungsartikels, einer Bewerbung finden unsere Augen stets das Bildelement zuerst.

Die einzelnen Essays sind interessant und durchaus vergnüglich zu lesen. Einige der zusammengestellten Modelle sind ernster zu nehmen als andere. Manche haben bestenfalls Unterhaltungswert: Bei dem TV-Serienmodell etwa wird banal erklärt, dass Fernsehserien Sehnsuchtsorte für uns seien. Interessanterweise sind auf dem begleitenden Schaubild die wenigen Serien, die ich gern schaue, dem Mann zugeordnet.

Das “Jumping-the-Shark-Modell” soll zeigen, wann etwas uncool ist. Genau genommen begründen die Autoren lediglich die Herkunft dieser Bezeichnung: In der amerikanischen TV-Serie “Happy Days” (1974-1984) sprang eine der Hauptfiguren mit Wasserskiern über einen Hai. Eine lächerliche Idee, die anzeigt, dass den Machern die Ideen ausgehen und sich die Fernsehserie dem Ende nähert. Heute beschreibt man mit “Über den Hai springen” Trends, deren Existenzberechtigung sich dem Ende nähert.

Interessanter und brisanter sind demgegenüber “Warum der freie Markt nicht funktioniert”, “Warum Eltern keine Rolle spielen”, “Warum wir nicht unglücklich sein dürfen”, “Warum es keine Wahrheit gibt”, “Warum wir keine Ausländer mögen” oder auch “Wie Sie sich richtig entscheiden”. Wege, den um sich greifenden Burnout zu vermeiden, finden aufmerksam Lesende darin ebenso wie kluge Tipps zum Zeitmanagement und zur Selbstoptimierung. Auch, wenn man sich nicht allem anschließen kann oder will, Diskussionsstoff bieten die Einträge allemal. Die Literatur- und Quellenverweise am Ende beinhalten den einen oder anderen Hinweis, wo man ausführlichere Informationen finden kann.

Was wirkungsvoll vermittelt wird – und das ist eine wesentliche Grundfertigkeit in Schule, Studium und Arbeitswelt – ist effektvolle Visualisierung. Der Unterschied zwischen divergenten und konvergenten Bildern wird erläutert, durch Beispiele illustriert und so langfristig im Gedächtnis verankert.

Widersprechen muss ich den Autoren allerdings an einer Stelle: Um Erfolg zu haben, muss man nicht unbedingt “verstehen”. Leider. Medien und Politik sind voll von Menschen, an deren Wissen und Weltverständnis gewisse Zweifel nicht unangebracht sind. Auch Zufall, Charisma, die Fähigkeit der Selbstvermarktung und das richtige Vitamin sind letztendlich nicht zu unterschätzende Erfolgsfaktoren.

“Die Idee des Seins muss ersetzt werden durch die Idee des Werdens.” Ein kluger Satz, denn unsere Welt – und selbstverständlich auch wir – sind ständiger Veränderung unterworfen.Leben bedeutet Entwicklung.

Alles in allem kann man die Welt natürlich nicht vollends auf so kleinem Raum, schon gar nicht “in drei Strichen” erklären. Aber man kann sich mit ihr auseinandersetzen. So ist der Titel selbst Programm: Komprimierung auf das Wesentliche.

(c) M. Hoevermann

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Categories: Geschichte, Gesellschaft, Politik, Sachbücher

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