Emma Donoghue: Raum

Glanzleistung von Autorin und Übersetzer

In vielerlei Hinsicht ist Jack ein Junge wie jeder andere: Er freut sich auf seinen fünften Geburtstag, guckt gern fernsehen, ist phantasievoll und liest. Doch sein Alltag findet nur in einem einzigen Raum statt: leben, essen, lernen, spielen – Jack hat das zwölf Quadratmeter große Zimmer noch nie verlassen. Er war nie draußen in der Sonne, er hat nie Gras unter seinen Füßen gespürt, nie mit Gleichaltrigen gespielt, nie wirkliches Familienleben erlebt. Er kennt nur Ma und “Old Nick”, der sie gefangen hält und vor dem er sich in Acht nehmen muss. Wenn er in der Nacht kommt, muss Jack in den Schrank klettern. Dort zählt er dann die Quietscher, die das Bett von sich gibt. Nach einer Auseinandersetzung mit “Old Nick” schmiedet Ma Fluchtpläne. Sie müssen es wagen, sie müssen “Raum” verlassen. Draußen wartet die Welt mit all ihren Möglichkeiten, Herausforderungen und Gefahren.

Es ist ein Schritt, der alles verändert. Er beendet nicht nur die jahrelange Gefangenschaft von Mutter und Sohn; er bedeutet auch tiefgreifende Veränderungen ihrer symbiotischen Beziehung…

Der kleine Jack ist der Erzähler dieser bewegenden Geschichte, die zutiefst berührt und erschüttert: Zwischen Weltweisheit und Naivität berichtet der Junge in altersgerechter Sprache von seinem Alltag. Je mehr er berichtet, desto mehr taucht man ein in diese abgeschottete Welt zweier Menschen, die auf der Welt nichts haben außer sich selbst.

1700 Kinder gelten in Deutschland als vermisst. Viele von ihnen sind verschwunden, aus der Schule, von Freunden nicht mehr zurückgekehrt. Wo sind diese Kinder? Verschleppt ins Ausland? In Gefangenschaft, womöglich misshandelt und missbraucht in Kellern gewissenloser Täter? Unweigerlich erinnert man sich an Medienberichte über Jaycee Duggard, die 1991 als Elfjährige in Kalifornien entführt und über achtzehn Jahre gefangengehalten wurde. Während ihrer Gefangenschaft brachte sie zwei Töchter zur Welt. Oder an Elisabeth Fritzl, die 24 Jahre hinter einer Stahltür im Keller lebte, teilweise angekettet, vergewaltigt vom eigenen Vater. Von ihren sieben Kindern überlebten sechs.

Die irische Autorin Emma Donoghue nähert sich dem entsetzlichen Schicksal dieser Frauen und ihrer Kinder literarisch an: Sie versetzt sich bemerkenswert realistisch in den jungen Jack und liefert ein Werk ab, das entsetzt und fasziniert zugleich. Die Sogwirkung ihres Romans ist nicht zuletzt der Sprache zu verdanken: Für Jack sind Gegenstände eigene Entitäten. Er lebt in “Raum” und “Raum” besitzt “Oberlicht”, “Pflanze” und “Schrank”.

Im Deutschen verwechselt Jack auch hin und wieder die Artikel. Kinder in diesem Alter überraschen in der Tat bei umfangreichem Wortschatz und guter Ausdrucksfähigkeit oft mit durchaus kreativen Konjugationen und Wortneuschöpfungen. Die korrekte Grammatik erwerben sie erst nach und nach durch das unablässige Zuhören bei Gesprächen. Genau das bleibt Jack weitgehend verwehrt. Er hat nur Ma. Er kennt in seiner kleinen Welt nur ihre Wortwahl. Ihre Sprachmelodie, ihre Art, sich auszudrücken. Übersetzer Armin Gontermann ist hier eine Glanzleistung gelungen.

Emma Donoghues Buch berührt ohne bewussten Druck auf die Tränendrüse. Jenseits von Voyeurismus gewährt es erschreckend realistische Einblicke in eine absolute Ausnahmesituation.

(c) M. Hoevermann

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Categories: Literatur

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