“Filmwissen: Detektive: Grundlagen des populären Films” von Georg Seeßlen (Rezension)

Ein Fest für Kulturwissenschaftler und Genre-Liebhaber

Dieses Taschenbuch präsentiert gebündelte Informationen und geschickte Analysen auf kleinstem Raum: Kulturkritiker Georg Seeßlen beleuchtet kenntnis- und detailreich, vor allem aber auch mit viel Hintergrundwissen und einer durchdachten Struktur das, was das Detektivgenre in seinem Kern eigentlich ausmacht. Für Kulturwissenschaftler dagegen ist dieses Buch ein Fest!

Dabei arbeitet er sehr genau und bietet fundierte Informationen zu den vorgestellten Detektiven und Filmen an. Zusammenfassungen fehlen ebenso wenig, wie das Aufzeigen von Zusammenhängen und Entwicklungslinien.

Das Lesen wird zu einer Zeitreise und nostalgischen Wiederbegegnung mit Agatha Christies Helden Miss Marple und Hercule Poirot, natürlich mit Sir Arthur Conan Doyles “Sherlock Holmes”, dessen literarische Vorlage zahllose Verfilmungen erfahren hat. Andere lernt man vielleicht ganz neu kennen und macht die eine oder andere Neuentdeckung. So sind etwa der japanisch stämmige Mr. Moto, der chinesisch-hawaiische Detektiv Charlie Chan oder John Shaft, der in New York ermittelt, im Allgemeinen etwas weniger bekannt.

Es handelt sich um ein brillant recherchiertes Kompendium, das wirklich in die Tiefe geht. Seeßlen reiht nicht etwa Daten und Fakten aneinander, er fasst zusammen, analysiert und zeigt Entwicklungslinien auf. Genaugenommen handelt es sich bei “Filmwissen Detektive”  um eine überarbeitete und ergänzte Neuauflage:  1998 erschien der Band unter dem Titel “Detektive”  zuletzt als Teil der mehrbändigen Reihe “Grundlagen des populären Films”. Dieser wurde nun erweitert.

Spannend liest sich der umfangreiche Einleitungsteil über “Die Mythologie des Detektiv-Genres”, das seinen Anfang in der Literatur nahm. Seeßlen gibt darin einen ersten Überblick über Anfänge und Entwicklung der Gattung, bevor er sich in drei Kapiteln dem Detektiv-Film zuwendet. Zunächst werden die Produktionen der “klassischen Ära” 1902-1974), darunter Sherlock Holmes, Miss Marple, aber auch asiatische Helden wie Charlie Chan oder Mr. Moto, unter die Lupe gelegt. Anschließend folgt die Zeit der “Nostalgie, Parodie und Revision” (1975-1998), wobei der Autor unter anderem auch einen Blick auf die weiblichen Helden wirft. Das letzte Kapitel schließlich (2001-2011) beschreibt den Detektiv als “Vanishing Hero” und arbeitet heraus, warum ein Detektiv in der heutigen Filmwelt beinahe nicht mehr gefragt ist.

So zeigt Seeßlen, dass der Part des Privatdetektivs inzwischen weitgehend von dem des Polizisten übernommen worden ist. Natürlich gebe es Ausnahmen, wie etwa in der TV-Serie “Monk”. Doch Adrien Monk war vor seinem Zusammenbruch selbst Polizist und fungiert weiter offiziell als Berater der Polizei. Nicht etwa als unabhängiger Detektiv.

Insgesamt erfährt der Beruf des Polizisten medial eine enorme Aufwertung und stabilisiert sich als positiver Held und Identifikationsfigur in der populären Mythologie. In Krimis – egal, ob es sich um Filme oder Serien handelt – ermitteln heute vor allem Cops. Als Außenseiter “in der Organisation [haben sie von dem Privatdetektiv] einige seiner attraktiven Attribute […] übernommen, die innere Tragik und den Zynismus” (S. 227) sind nur wenige davon.

Der Privatdetektiv ist in die Krise geraten,  wirkt nicht mehr zeitgemäß. Ihm haftet etwas Nostalgisches an. Zudem hat sein Image auch durch die Realität stark gelitten. Ein Detektiv? Das ist jemand, der Angestellten nachspioniert, Ladendiebe fängt, vielleicht Untreue oder einen Versicherungsbetrug aufdeckt. Nicht besonders aufregend. Es reicht gerade, um damit das Programm der Privatsender zu füllen. Das ist jedoch kein Held für die Allgemeinheit mehr.

Trotz dieser Heldenkrise, deren Beginn Seeßler etwa in den 1990ger Jahren verortet, entwickelte sich im Kinderbereich ein erstaunlich populärer Nebenzweig mit Ermittlerinnen und Ermittlern wie Nancy Drew, den drei Fragezeichen oder TKKG. Bis heute sind sie kommerziell überaus erfolgreich. Vollends am Boden liegt der Detektiv auch im Erwachsenenbereich des Genres nicht. Allerdings müsse sich sein Image wandeln: “Die Wiedergeburt des Privatdetektivs ist mit dem Verzicht auf eine Eigenschaft verbunden, die in früheren Dekaden gerade seinen Reiz ausmachten: [Coolness].”

Schade, dass der Autor die Donald Strachey Mysteries nicht einbezogen hat. In diesen (locker an den Romanen von Richard Stevensen) orientierten Verfilmungen ermittelt Chad Allen als cooles “Private Eye”. Er verkörpert den Helden so, wie man ihn noch aus alten Filmen kennt und liebt, während zeitgenössisch relevante Themen behandelt werden.

Alles in allem ist “Filmwissen Detektive” ein Muss für alle, die sich für dieses Genre interessieren. Das Layout allerdings ist verbesserungswürdig: Die gewählte Schriftart ist sehr klein, zwar dank des scharfen Drucks gut lesbar, aber dennoch eine Herausforderung für die Augen. Durch den schmalen Weißraum wirkt die Textdichte zudem regelrecht erschlagend. Auflockernde Elemente und auch Bilder sucht man hier vergebens. Da erscheinen die fett- und etwas größer gesetzten Überschriften schon fast als optische Highlights. Das Filmverzeichnis im Anhang könnte umfangreicher ausfallen: Zu finden sich dort nur die Filmtitel in alphabetischer Reihenfolge. Hier wären auch Daten zur Erstveröffentlichung (Land, Jahr, Regisseur, Darsteller) hilfreich für die weitere wissenschaftliche Arbeit gewesen.

Nach der Lektüre wünscht man diesem Titel eine Luxusausgabe mit Hochglanzpapier, Lesebändchen, Fotos, luftigem Layout und auflockernden Elementen. Film- und Genreinteressierte, egal ob mit oder ohne wissenschaftlichen Hintergrund, sollten sich von der schlichten Präsentation des Buches nicht abschrecken lassen. Das Lesen lohnt sich!

(c) M. Hoevermann

 

Advertisements


Categories: Film & Fernsehen, Sachbücher

Tags: , , , , , , ,

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s