“Finding Sky: Die Macht der Seelen 1” von Joss Stirling

Den Himmel finden: Stereotype Liebesgeschichte mit paranormalen Elementen

Das Leben der 16-jährigen Sky war bislang alles andere als ein Spaziergang: Ausgesetzt als Kind verfiel sie aus Selbstschutz in beharrliches Schweigen. Mit 10 wurde sie doch noch adoptiert, von den (Lebens)Künstlern Sally und Simon, liebenswerten, aber auch etwas verrückten Menschen, die ganz anders sind als die schüchterne Sky. Sie hat das Gefühl, nie so wirklich dazu zu gehören, nimmt die Unterschiede zwischen sich und ihren Adoptiveltern nur zu deutlich wahr. Überhaupt ist vieles für sie eine Frage der Wahrnehmung, denn sie merkt schnell, dass sie anders sieht, spürt, ja eben wahrnimmt als der Rest der Menschheit. Beziehungen machen ihr Angst, denn sie verursachen Leid und Schmerz, und sie gehen nicht gut.

Eigentlich möchte sie vor allem sein wie alle anderen. Eben nicht auffallen. Nicht anders sein. Nicht psychisch krank. Gleichzeitig spürt sie in sich den tiefen Wunsch, verstanden und erkannt zu werden. So, wie sie in Wirklichkeit ist. Die Sehnsucht nach Liebe, Geliebt- und Akzeptiertwerden sind hier besonders nachvollziehbar, da sie als Kind von ihren leiblichen Eltern verlassen wurde. Das verletzt das Selbstwertgefühl, tut weh und bedeutet eine sehr viel stärkere Auseinandersetzung mit Unsicherheit, Ängsten. Über allem schwebt zudem das Gefühl, es nicht wert zu sein.

Als Sally und Simon mit ihr aus dem heimischen England für ein Jahr in die USA ziehen, nach Colorado, steht ein Schulwechsel an. Wieder neue Situationen, aber es bedeutet auch neue Möglichkeiten, einen Neustart. Sky versucht, sich einzugliedern – und es gelingt. Sie findet schnell Zugang zu Mitschülern.

Doch Zed Benedict, einer der Jungen dort, verwirrt sie. Er ist auf seine Art mindestens ebenso wenig angepasst wie Sky. Während sie sich allerdings nach außen hin um Unauffälligkeit bemüht, zeigt er sein Anderssein, seine Abwehr, offen. Ein recht stereotypes Verhalten: Das eher stille Mädchen, der rebellische, laute Junge. Er stammt aus einer Großfamilie, ist einer von insgesamt sieben, alphabetisch benannten Brüdern. Sie alle besitzen paranormale Fähigkeiten mit denen sie offen umgehen, ganz im Gegensatz zu Sky. Der fehlt jegliche Anleitung in dieser Hinsicht. Es handelt sich um Savanten, also Menschen mit übersinnlicher Inselbegabung. Für jeden von ihnen gibt es nur einen perfekten Partner, der als Seelenspiegel die Person komplettiert.

Es ist im Grunde unvermeidbar, dass sich beide zueinander hingezogen fühlen, denn Zed erkennt in Sky sofort sein Gegenstück. Was jetzt fürchterlich schmalzig klingt, ist es leider auch. Sehr viel interessanter als die vorhersehbare Liebesgeschichte ist die Beschäftigung mit der Vergangenheit der jungen Sky.

Alles in allem legt Joss Stirling ein flüssig geschriebenes Jugendbuch vor, das inhaltlich und stilistisch auf weibliche Jugendliche zugeschnitten ist. Besonders Sky ist mit ihrer Schüchternheit und dem Gefühl, anders zu sein, ein vielschichtiger und plastisch gestalteter Charakter, in den man sich mit all den echten Problemen, die das Teenagersein mit sich bringt, gut hinein versetzen kann. Neugierig machen all die Anspielungen auf ihre Vergangenheit. Auch die Situation, neu in eine fremde Schule zu kommen, bietet Identifikationsmöglichkeiten. Interessant ist die Idee, die Hauptfiguren mit paranormalen Inselbegabungen auszustatten.

Dass gerade der betont und bemüht rebellisch und aufmüpfig auftretende Junge besonders interessant für die Heldin ist, findet sich jedoch als Motiv häufig in Büchern und Filmen. Harte Schale, weicher Kern – das beliebte Klischee trifft auf Zed voll und ganz zu. Natürlich umgibt auch ihn bei aller zur Schau gestellten Coolness auch ein Geheimnis. Er hat eine Geschichte, die ihn zu dem macht, was er ist. Typische Wünsche nach dem Einen, dem perfekten, idealen Partner, der einen komplettiert, werden ebenfalls bedient.

Abschließend bleibt zu sagen, dass es ein durchschnittliches Werk ist: Es fängt überaus stark an, lässt dann jedoch nicht minder stark nach. Trotzdem bleibt der Roman insgesamt gut und locker lesbar, auch durchaus spannend, mit beliebten, paranormalen Elementen und genügend Realitätskontakt, um Identifikationsmöglichkeiten zu bieten. Was die Lesefreude (zumindest für Erwachsene) trübt, ist der Fokus auf der langweiligen Liebesgeschichte. Wirklich herausragend ist ‘Finding Sky’ trotz der interessanten Prämisse und der guten Charakterzeichnung der Hauptfigur nicht. Dafür wurde zu tief in der üblichen Klischeekiste gekramt. Mädchen zwischen 12 und 16 Jahren könnte das Buch aber dennoch gefallen. Sprachlich und inhaltlich ist es an ihre Lebenswelt angelehnt, und vielleicht vermag die Liebesgeschichte Angehörige der Zielgruppe zu verzaubern.

(c) M. Hoevermann

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Categories: Belletristik, Kinder- und Jugendliteratur, Literatur, Science Fiction & Fantasy

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