“Gift für Anfänger” von Eiríkur Örn Norðdahl

Beziehungsleben heute

Isländische Literatur ist mitunter schräg, seltsam und skurril. Das trifft auch auf Gift für Anfänger zu:

Halldór, ein arbeitsloser Intellektueller, verschläft einen Großteil des Tages. Den Rest der Zeit verbringt er mit mehr oder weniger tiefgründigen Gedanken und Überlegungen. In der – rein platonischen – Wohngemeinschaft mit Dísa erfüllt er seine Pflichten mehr schlecht als recht: Er ist weder sonderlich ordentlich, noch rücksichtsvoll. Putzen noch das Herunterklappen der Klobrille sind keine Selbstverständlichkeiten, sondern alltäglicher Konfliktstoff in der Zweier-WG. Er ist der Chaot, sie die strukturierte Planerin.

Dísa allerdings hat schwerwiegende Probleme: Sie unterbrach ihr Philosophie-Studium, als sie ungewollt schwanger wurde. Wie so oft machte sich der Mann aus dem Staub und verwandelte eine lebensfrohe Frau in eine gestresste Alleinerziehende. Doch sie verliert das Kind bei einem tragischen Unfall: Während eines Festes rutscht die dreijährige Elsa aus und wird von einem Auto erfasst.

Mit Feingefühl glänzt Halldór nicht: Er recherchiert im Internet nach dem Wagen und liest Dísa seinen Fund, eine Werbeanzeige, vor: “Auf den Straßen fällt der Micra durch seinen neuen einzigartigen Stil auf. Blickfänger sind seine Scheinwerfer, die dem Auto ein offenes und freundliches Aussehen verleihen”.

Er ironisiert, er distanziert sich emotional, er fühlt nicht. Sie bricht weinend zusammen und kann den Verlust nicht verwinden. Sie fühlt sich wie fremdgesteuert, gefangen in sinnlosen Gedankenschleifen. Aber wirklich trauern und das Geschehen verarbeiten kann sie nicht. Sie rettet sich in banale Gesprächsthemen. Bequem für ihre Mitmenschen. Flucht für sie selbst. Worte des Trostes kann es ohnehin nicht geben, sie bleibt gefangen in ihrer eigenen Einsamkeit, in ihrem Schmerz.

Dann bringt sie eines Tages einen Dornbusch mit in die Wohnung. Eine giftige Pflanze. Halldór ist alarmiert und beginnt sofort mit der Suche nach näheren Informationen. Der Verzehr bedeutet Durchfall, Fieber, Krämpfe, schlimmstenfalls fällt man sogar ins Koma. Auch die Tatsache, dass man Zimmerpflanzen für gewöhnlich nicht verzehrt, beruhigt ihn nicht.

In der Bibel erblickt Moses den brennenden Dornbusch auf dem Berg Horeb, wo ihm Gott seinen Namen verrät. Dieser wird oft mit “Ich bin der Seiende” übersetzt. Der Dornbusch in der Wohnung als Mahnung dafür, dass das, was da ist in der Tat da ist? Das man die Realität nicht ignorieren kann? Aber sich damit zu beschäftigen bedeutet auch, sich dem Schmerz auszusetzen.

Schließlich geht Dísa eine neue Beziehung ein. Sie und Högni wollen keine Kinder, wollen nicht über Kinder reden, über diese “schreienden kleinen Ungeheuer”. Aber sie denken darüber nach. Still. Jeder für sich. Ein übermütiger Junge kommt von der Kirche aus heran gesprungen, kräht dabei “missklingendes Zeug”, so kraftvoll er kann. An seiner Hand ein Spielzeugauto, das er hinter sich herzieht. Es gewinnt an Tempo, wird schneller, gerät ins Schleudern und kracht auf eine Betonstufe, keine zehn Meter von Dísa und Högni entfernt. Die Erinnerung an Elsas schlimmen Unfall ist allgegenwärtig. Högni versteht nicht. “Du bist schön so in der Sonne”, sagt er.

Später hört Halldór, wie sie miteinander schlafen. Fluchtwelten.

Aber er will ja nichts von ihr, sagt Halldór sich immer wieder. Obwohl sie eigentlich schon ein gutes Paar abgeben könnten. Theoretisch.

Als sie ihn braucht, wirklich braucht, zieht er betrunken um die Häuser…

Es ist eine fast kafkaeske Parabel, die einen bei “Gift für Anfänger” erwartet. Ironisch, skurril und interpretationsbedürftig. Ein Buch über Einsamkeit und Schmerz, das Leben und die Unausweichlichkeit des Schicksals.

(c) M. Hoevermann

Advertisements


Categories: Literatur

Tags:

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s