“Ich weiss, was Hunger ist: mit Stefan AdrianVon der Straßengang in die Sterneküche” von Tim Raue

Hunger nach Liebe, Anerkennung, Perspektive – “American Dream” made in Berlin

Es mag eher eine Familie der unteren Mittelschicht sein, in die Tim Raue hineingeboren wurde: Die Mutter Krankenschwester, der Vater ein glückloser Unternehmer. Nach der Scheidung der Eltern im Scherbenhaufen gescheiterter Träume der dreijährige Sohn, hin- und hergereicht zwischen Eltern, die nicht viel zu geben haben: wenig Essen, wenig Liebe, wenig Perspektive. Raues Welt besteht aus einem Kreislauf aus väterlicher Gewalt, mütterlicher Verständnislosigkeit, aber immerhin großelterlicher Fürsorge.

Und dennoch: Der heutige Sternekoch weiß sehr wohl, was es heißt, von unten anzufangen und nach etwas zu hungern. Kinder und Jugendliche aus unteren Mittelstandsfamilien, in denen vordergründig zunächst alles in Ordnung zu sein scheint – arbeitende Eltern, materiell halbwegs gesicherte Verhältnisse, der Besuch des Gymnasiums als Option – sind es, die durch das soziale Netz rutschen, weil gerade dort das Augenmerk von Gesellschaft und Ämtern zunächst nicht liegt.

Raues Hunger nach Liebe, Stolz und Aufmerksamkeit treibt ihn von zu Hause weg. Statt klarer Strukturen, einem stabilen Umfeld, Motivation und Förderung erlebt er einen herrischen, grausamen Vater, eine unterdrückte Mutter und seine eigene Macht- und Hilflosigkeit in diesem zerstörten System, in dem es keinen Raum für eigene Entfaltung gibt, was ihn schließlich nach Alternativen suchen lässt. Er findet sie. Auf der Straße. Der Anschluss an die türkische Straßengang “36 Boys” scheint zunächst all das zu bieten, was Tim Raue so schmerzlich vermisst.

Ablehnung, Ignoranz und Brutalität werden ersetzt durch einen Codex der Gegenseitigkeit und Wertschätzung innerhalb der Gruppe: Wie du mir, so ich dir. So einfach kann das Leben sein. Berechenbar, verlässlich, einschätzbar. Strukturiert. Aktion – Reaktion. Ein Leben voller Gewalt. Aber auch ein Leben voller Bewunderung und Akzeptanz. So vollzieht sich Raues Befreiung aus der unerträglichen, jedwedes Selbstwertgefühl tötenden Opferrolle und damit das Entkommen aus der zertrümmerten Landschaft seiner Kindheit.

Er überlebt auf der Straße, lebt archaisch seine beschädigte Männlichkeit aus, dreht krumme Dinger. Eine Gegenwelt, in der körperliche Stärke mehr zählt als intellektuelle Fähigkeiten.

Viele Türen schlägt er zu, bis er schließlich die zur Küche aufstößt. Das Erlebnis des Kochens verbindet auf einmalige Weise seine Lebenserfahrung mit der so dringend nötigen Zukunftsperspektive. Und es macht aus einem x-beliebigen, kriminellen Jugendlichen einen bekannten Spitzenkoch, der weiß, worauf es im Leben ankommt: Konzentration auf eigene Stärken und Fähigkeiten, den unbedingten Willen zu harter Arbeit und Erfolg – und das Eingehen von intensiven Beziehungen zu Menschen, die einem wirklich gut tun.

Die Mitglieder der Straßengang, seine alten Weggefährten, sind trotz Raues Berühmtheit und Neuorientierung nicht Geschichte: Zu einigen hält er nach wie vor Kontakt. Manch einer hat es genau wie er geschafft, seinen Weg in die (Spitze der) Gesellschaft zu finden; manch anderer nicht.

Heute steht Marie-Anne Raue als wichtigste Person an der Seite des bodenständig gebliebenen Kochlöffelschwingers. Ihre bedingungslose Liebe und wertfreie Akzeptanz werden zum Wendepunkt in Raues Leben. Da ist er 19 Jahre alt und im zweiten Ausbildungsjahr zum Koch. Gleichzeitig ein erfreulich modernes, aber auch fast enttäuschend traditionelles Paar: Geheiratet wird schnell; sie erweist sich als die Chaotin, die die Küche verwüstet. Er, der Ordnungsfanatiker und Hausmann, räumt auf. Er karriereorientiert im Rampenlicht, sie die emotional starke Frau, die ihm den Rücken frei und bei Bedarf auch mal den Spiegel vors Gesicht hält.

Am 3. September 2010 verwirklicht das Ehepaar Raue den Wunsch eines eigenen Restaurants: In der Rudi-Dutschke-Straße im Berliner Bezirk Kreuzberg feiert “Tim Raue” in den ehemaligen Räumlichkeiten der Galerie Crone Eröffnung.

Dort ist er selbst nun derjenige, der ambitionierten Jugendlichen aus schwierigen sozialen Verhältnissen die begehrte Chance auf den Aus- und Einstieg gibt: Kochlöffel statt Knast, raus aus dem alten, rein in ein neues Leben.

Diese Option bietet er seinen Praktikanten, die sich in seiner Küche beweisen können – und müssen. Zeugnisse? Egal. Herkunft? Auch egal. Aber: Chef Tim Raue ist hart und verlangt den vollen Einsatz: Ordnung, Disziplin, Sauberkeit. Geschenkt gibt es die Chance; der Job selbst, der muss verdient werden. Immer wieder aufs Neue, denn die Qualität eines Restaurants steht und fällt mit seinen Mitarbeitern. Ähnlich wie auf der Straße gibt es dann dafür auch die ersehnte Anerkennung und Wertschätzung von oben, von der Autoritätsfigur, zu der aufgeschaut wird, aber auch von den bekochten Gästen, die sofort reagieren. Sei es positiv oder negativ. Aktion – Reaktion. So erfahren junge Menschen die Konsequenzen ihres Handelns unmittelbar und direkt. Nicht erst dann, wenn längst erste Einzelheiten oder aber das ganze Szenario bereits aus dem Gedächtnis gelöscht sind. So wird die Straße zur Küche und die Küche zur Straße.

Ein Buch, das inspiriert, zum Lernen, zum Leben und dazu, nach den Sternen zu greifen. Es beweist, dass es sehr wohl möglich ist, mit einem Beruf, der eine Mischung aus Kreativität und Können, Handwerk und Handgeschick darstellt, bis ganz nach oben zu kommen.

Sprachlich ist es einfach gehalten, leicht zugänglich, sicher kein großes literarisches Werk. Allerdings wird das von einer Autobiographie auch nicht unbedingt erwartet. Tim Raue erzählt sein Leben in einfachen, klaren Worten. Und man hört ihm zu.

Inzwischen ist Restaurantchef Tim Raue ein bekanntes Gesicht im deutschen Fernsehen, Gast diverser Talkrunden, aber auch ein Buchautor und Star der Gastro-Elite, der gewissenhaft über Speisen und ihre Zutaten philosophiert, die er sich früher nicht einmal auf einem Teller vorstellen konnte. 2007 wurde er von dem einflussreichen Restaurantführer Gault-Millau zum Koch des Jahres ausgezeichnet. Seine Küche 44 im Berliner Swissôtel erhielt den begehrten Michelin-Stern und außerdem 18 Punkte im Gault-Millau.

“Ich weiß, was Hunger ist” ist ein Beweis, dass man es in unserer auf schnellen Erfolg ausgerichteten Casting-Gesellschaft durchaus auch dann im Leben zu etwas bringen kann, wenn man sich auf echte, innere Ressourcen beruft und sich nicht nur auf die möglichst nachhaltige Eigenblamage im Fernsehen verlassen will.

Der Weg zum Ziel? Raue selbst verdichtet ihn zu einem anschaulichen Lebensmotto: “Fresse halten und ackern!”

(c) M. Hoevermann

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Categories: Biographien, Ernährung, Literatur, Sachbücher

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