“Im Himmel, unter der Erde” (DVD) mit Britta Wauer

Hauch der Geschichte – Der Friedhof als Stätte der Begegnung

“Da, wo ich oft gewesen bin, zwecks Trauerei, da bringt man dich und mich dann hin, wenn’s mal vorbei […] Es tickt die Uhr. Dein Grab hat Zeit, drei Meter lang, ein Meter breit. Du siehst noch drei, vier fremde Städte, du siehst noch eine nackte Grete, noch zwanzig-, dreißigmal den Schnee – Und dann: Feld P – in Weißensee, in Weißensee.”
Kurt Tucholsky

Mit diesen Versen beginnt und endet die eindringliche Dokumentation “Im Himmel, unter der Erde” von Britta Wauer. Sie nimmt uns mit auf eine einzigartige Reise. In die Vergangenheit, aber auch in die Gegenwart. Sie zieht uns in fremde Schicksale, aber sie wirft uns auch auf uns selbst zurück.

Friedhöfe sind Gedenkstätten. Diese letzten Ruhestätten, die am Ende eines jeden menschlichen Lebens stehen, erzählen Geschichten und sind selbst ein Stück Geschichte. Der Umgang mit dem Tod ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Dass unsere Lebenszeit begrenzt ist, wissen wir alle. Es ist ein im Alltag gut verdrängtes Geheimnis. Manche Menschen gehen auf Nummer sicher: Sie schließen eine Sterbeversicherung ab, organisieren vorsorglich einen Platz auf dem Friedhof, entscheiden, wie ihr Begräbnis ablaufen soll und hinterlassen genaue Anweisungen. Anderen ist vollkommen gleichgültig, was mit ihren sterblichen Überresten geschieht. Die einen legen Wert auf einen möglichst robusten, teuren Sarg. Den anderen kann es nicht einfach genug sein.

Aber es sind die, die zurückbleiben, die den Verlust verwinden müssen. Partner, Freunde, Familienangehörige, Kollegen, Bekannte… Für Hinterbliebene kann es tröstlich sein, einen festen Platz für ihre Trauer zu haben. Selbst, wenn sie sich nicht zu einer Religionsgemeinschaft zugehörig fühlen.

Auf dem jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee im Berliner Bezirk Pankow befinden sich – versteckt in einem Wohngebiet – mehr als 115 000 Grabstätten. Damit ist es der größte jüdische Friedhof Europas. Nach wie vor werden Menschen dort beigesetzt. Berühmte Namen sind dort zu finden, darunter der Architekt Mies van der Rohe, Schriftsteller und Politiker Stefan Heym, die Kaufhausgründer Jandorf (KaDeWe) und Hermann Tietz (Hertie) oder der Apotheker Albert Mendel, nur um einige zu nennen.

115 000 Gräber, die alle eine ganz eigene Geschichte erzählen und mit ihren Grabsteinen und Mausoleen eine verschlossene Tür in die Vergangenheit aufstoßen. Es ist ein geheimnisvoller, fast unwirklicher Ort. Entstanden ist er bereits 1880 nach Plänen von Hugo Licht. Über die Jahre sind die Zeugnisse vergangenen Lebens beinahe zu einer Stadt angewachsen. Es gibt verwilderte, zugewucherte Grabstätten, aber auch kunstvoll bearbeitete; gut erhaltene Grabsteine und aufwendige architektonische Bauten, die fast wie kleine Tempel wirken, stehen neben unscheinbaren Armensteinen, überwuchert von Efeu, eingebettet in einen dichten Wald aus Weiden, Pappeln, Linden und Eichen.

“Im Himmel, unter der Erde” widmet sich diesem besonderen Ort, der wie durch ein Wunder auch während der Nazizeit nicht zerstört worden ist. Viereinhalb Jahre hat die Filmemacherin daran gearbeitet. Eine lange Zeit. Das ermöglicht es, den Friedhof in verschiedenen Jahreszeiten zu erleben. Es ist ein erstaunlich lebendiger Ort, der vergangene Epochen zurückbringt, aber auch Menschen anzieht, die sich in ganz unterschiedlichen Situationen des Abschiednehmens und Trauerns, des Erinnerns und Entdeckens befinden.

Die Kamera hält Hinterbliebene fest, aber auch Menschen, die mit und auf dem Friedhof ihr Geld verdienen: Angestellte, den Friedhofswart, Restaurateure, die versuchen, marode Grabsteine zu erhalten. Im Gebäudekomplex des Friedhofs gibt es sogar Menschen, die dort zur Miete wohnen. Vor der Kamera berichten sie, was sie mit diesem Ort verbindet. Dabei machen sie Geschichte, individuelle Schicksale und in Vergessenheit Geratenes wieder lebendig. Auch ungewöhnliche biographische Einblicke kommen dadurch zustande.

So ist für den 80-jährigen Harry Kindermann der Friedhof mit unzähligen Kindheitserinnerungen eng verknüpft. Als Jugendlicher hielt er sich mit anderen jüdischen Kindern dort auf, spielte, erlebte Freiheit und fand Schutzraum zugleich. Selbst das Autofahren lernte er dort. Und er begegnete einem ganz besonderen Mädchen.

Im Winter findet sich eine Gruppe Juden aus der ehemaligen Sowjetunionin Weißensee ein. Rabbi William Wolff erläutert, dass sie traditionelle Bräuche, die sie aus ihrer Heimat mitgebracht hätten, in Berlin weiter pflegten. Gräber mit Blumen zu schmücken oder sie zu bepflanzen ist unüblich. Stattdessen werden Steine abgelegt. Eigentlich.

Es ist eine sehenswerte, wunderschön gefilmte Dokumentation. Die musikalische Untermalung passt und unterstreicht das Gezeigte wirkungsvoll. Es ist ein Film, der viele Gefühle auslöst: Er macht nachdenklich, aber er bringt auch zum Lächeln. Er zeigt den Umgang mit Sterben und Tod, aber er brodelt gleichzeitig vor Leben und Kraft. Schmerz und Fröhlichkeit, Weinen und Lachen, es ist ein Ort der Gegensätze und der Gemeinsamkeiten. Ein zutiefst menschlicher Ort, an dem das Leben endet und – davon erzählt dieser Film – weitergeht und die Zeit überdauert. Beeindruckend gemacht!

(c) M. Hoevermann

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Categories: Dokumentationen, DVDs - Filme und Serien

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