“Insel der Männer” von Sara Colaone

“Ein Lauschen im Schweigen” – Homosexualität in der Zeit des Faschismus

Insel der MännerEs ist ein Comic-Roman, der jahrzehntelanges Schweigen durchbricht und ein Stück italienischer Geschichte sichtbar, lebendig und fassbar macht, das kaum bekannt ist: “Insel der Männer” von Texter Luca de Santis und Zeichnerin Sara Colaone. Eindringlich und berührend schildern sie die Lebensgeschichte eines Mannes, der Ende der 1930ger Jahre aufgrund seiner Homosexualität auf die Insel San Domino verbannt wird. Sie geben ihm – und all den anderen – damit seine Stimme zurück.

Italien. 1922 war Benito Mussolini nach seinem Marsch auf Rom an die Macht gelangt. Der Kopf der faschistischen Bewegung verlieh sich selbst den Titel Duce del Fascismo, “Führer des Faschismus”, kurz: Duce. Er errichtete eine Diktatur, in der alles beseitigt wurde, was dem Regime missfiel: Ab 1925 existierte nur noch eine einzige Partei, die Partito Nazionale Fascista; ab 1936 traten nach deutschem Vorbild gestaltete Rassengesetze in Kraft. Im Land herrschte ein Klima der Verunsicherung und Besorgnis.

Zudem verstärkten die italienischen Faschisten die ohnehin weit verbreitete Homophobie; sie schürten die Furcht vor dem Unbekannten, die Engstirnigkeit gegenüber allem, was nicht traditionellen Familienbildern entsprach. Der Gesetzgeber ignorierte die Existenz von Homosexuellen verbal dabei vollkommen: Man benannte sie ganz bewusst nicht innerhalb juristischer Kontexte, um Homosexuelle in die Einsamkeit und Isolation zu drängen und jeden Anflug von Solidarität im Keim zu ersticken. Wenn es kein Wort gibt, existiert es auch nicht. Erst Sprache macht sichtbar. Und genau das sollte vermieden werden. Durch konsequentes Schweigen.

Wer in den Verdacht geriet, homosexuell zu sein, wurde unter Hausarrest gestellt oder gleich auf ein Eiland verbannt: San Domino, Teil des Termiti-Archipels, das sich in der Adria in der Region Ampulien, nördlich der Gargano-Halbinsel, befindet. Was heute als idyllisches Urlaubsparadies gilt, birgt ein verlorenes Kapitel italienischer Geschichte: Auf 206 Hektar waren dort zwischen 1938 und 1943 insgesamt rund 300 Homosexuelle interniert. Abgeschoben, abgeschottet, abgespalten vom Rest der Gesellschaft.

Das ist ihre Geschichte.

Antonio Angelicola, der zärtlich auch Ninello oder Niné gerufen wird, betreibt gemeinsam mit seiner verwitweten Mutter eine Schneiderei im beschaulichen Salerno. Er ist jung, hübsch, gewinnend – und schwul. Männer lernt er vor allem im Tanzlokal kennen oder aber nachts beim Cruisen im Park. Er weiß, dass er vorsichtig sein muss; mehr als einmal hat es bereits Razzien gegeben. Dennoch hält er die Besorgnis seiner Mutter und seines Bruders, der eindringlich vor der “Ovra”, der Organisation zur Überwachung und Bekämpfung des Antifaschismus, warnt, für übertrieben. Was soll schon geschehen? Er hätte auch nicht weniger Angst, wenn er sich verstellen würde…

Doch dann passiert, was alle befürchten: Als Niné sich einem jungen Mann im Stadtpark nähert, gerät er in einen Hinterhalt, wird festgenommen und muss entwürdigende Untersuchungen über sich ergehen lassen. In dem dazu verfassten ärztlichen Bericht heißt es später, es gebe “keine analen Anzeichen von Syphilis. Doch die Beschaffenheit jener Körperregion zeigt deutlich, dass Angelicola passive Sodomie ausübt.” Damit war sein Schicksal besiegelt, denn das Regime störte sich besonders an den so genannten “passiven Homosexuellen”, was als unmännlich, “verweichlicht” und “weibisch” eingestuft wurde. Und in Italien hatte es laut Mussolini nur “richtige Männer” zu geben.

Als besonders hartnäckiger Fall wird Niné nach San Domino gebracht. Überfahrt und Ankunft sind wortlos dargestellt. Szenerie und Zeichnungen wirken hart. Schmerzhaft. Worte sind nicht nötig, um einzufangen, was in Niné vor sich geht.

Die Insel selbst war damals unbewohnt. Fließendes Wasser gab es nicht. Und auch nicht viel, womit sich die Zeit sinnvoll füllen ließ. Arbeit gab es nur wenig; Langeweile prägte den Alltag.

Ein wenig überraschend ist die Freiheit, die den dort lebenden Männern zugestanden wird: In bescheidenem Rahmen entwickeln sich auf der “Insel der Männer” eine schwule Kultur samt eigener “Inseltraditionen”. So werden Neuankömmlinge mit Blumen begrüßt; es gibt ein kleines Fest, bei dem gesungen und getanzt wird. Kleine Fluchten, um der Tristesse, dem Hunger und Krankheiten wenigstens kurzfristig zu entkommen. Sogar die auf der Insel stationierten Carabinieri, die Gendarmerie Italiens, werden eingeladen. Dennoch sind die Häftlinge keinen Moment unbeobachtet: Eine aufmerksame Kontrolle begleitet sie auf Schritt und Tritt.

Niné trifft auf San Domino unter anderem auf den früheren Priester Don Nicola, die Vettern Francesco und Sabino Paterno. den Ladenbetreiber Dante, den Transvestiten Cincilla – und einen Mann, den er liebt…

Zwei Filmstudenten, Rocco und Nico, beschließen Jahrzehnte später, genauer 1987, eine Dokumentation über die Insel zu drehen. Sie überreden den inzwischen 75-jährigen Antonio Angelicola, sie zu begleiten und ihnen einen Einblick in die Vergangenheit und seine eigene Biographie zu gewähren.

Das Verhältnis zwischen den drei Männern ist angespannt: Rocco und Nico erkennen nicht, was es für ihren Zeitzeugen heißt, wieder an diesen Ort zurückzukehren. Dass es für ihn Auseinandersetzung bedeutet. Aufarbeitung. Dass schmerzhafte Erinnerungen wach werden, aber auch Gedanken an Liebe und Zärtlichkeit.

Der Widerstand des alten Mannes ist deutlich: Er sträubt sich, ist einfach noch nicht soweit, das, was er tief in sich verborgen hat, mit diesen beiden Fremden zu teilen. So muss er mühsam zu der Reise überredet werden. Später versucht er mehrfach, sich seinen Begleitern und dem Ziel ihrer Reise zu entziehen. Zuweilen wirkt Antonio Angelicola in diesen Interaktionen stur, mürrisch und unwillig – teilweise dazu wenig sympathisch. Doch genau das lässt ihn glaubhaft werden! Die Darstellung kontrastiert stark zu der des jungen Mannes. Dass zwischen beiden ein ganzes gelebtes Leben liegt, wird so erst fassbar.

Zumindest einer der beiden jungen Italiener hat einen eigenen Grund, sich mit dem Thema Homosexualität zu befassen. Aber es dauert, bis diese Tatsache in den Vordergrund rückt. Und auch dann bleibt es nur ein kleiner Part.

Es ist die Lebensgeschichte Angelicolas, um die es hier geht. Sein Kampf, der in weiten Teilen ein einsamer bleibt: Er erinnert von Anfang an daran, dass es noch andere gibt wie ihn. Ihre Schicksale vergessen. Diskretion ist ihm wichtig. Und sein eigenes Tempo.

Erzählt wird in Rückblenden in permanentem Perspektivenwechsel zwischen Ende der 80ger und Ende der 30ger Jahre. Exakt diese Technik verleiht dem Graphiknovel einen filmischen Charakter. Beim Lesen ermöglicht sie einen reizvollen Wechsel: Zum einen kann man mit den Filmstudenten aus “gegenwärtiger” Sicht auf die Geschehnisse zurückblicken, hört die Kommentare des lebenserfahrenen Mannes und behält dabei eine gewisse Distanz; zum anderen erlebt man mit Antonio die Unmittelbarkeit der Bedrohung, Diskriminierung, aber auch der Zärtlichkeit und Liebe mit. Als würde man einen Film auf DVD sehen und gleichzeitig dem Audiokommentar lauschen.

Es gelingt Sara Colaeone und Luca de Santis die komplexe Handlung in beiden Erzählebenen lebendig werden zu lassen. Die eher schlichte, aber kraftvolle und ausdrucksstarke zeichnerische Darstellungsweise verzichtet auf unnötige Details. Zusammen mit der eher kantigen Darstellung der Figuren, der gewählten Papiersorte und der wirkungsvollen Akzentuierung durch den Einsatz von Farbe versetzt der Graphiknovel zurück in die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Man merkt zudem, dass mehr als aufwändige Recherchen hinter diesem eindrucksvollen und ehrgeizigen Projekt stehen.

Besonders beeindruckend ist die Verbindung zwischen Comicroman und Film gelungen. Wenn die Kamera der Dokumentarfilmer pausiert, weil das Gefühl der Beschämung zu tief sitzt, geht das Geschehen dennoch weiter, nur unter “Ausschluss der Öffentlichkeit”, wodurch diese wortlosen Momente besonderes Gewicht erhalten.

Abgerundet wird dieser lesenswerte und historisch wichtige Comicroman durch einen Essay des Comic-Spezialisten Andreas C. Knigge. Der Autor und Journalist nimmt nicht nur eine gelungene eigene Einschätzung der Arbeit des Duos de Santis und Coleaone vor, sondern gibt Einblicke in die Verfolgung Homosexueller von den Anfängen des Christentums an. Zudem widmet er sich der Aufarbeitung in der Literatur. So erfährt “Insel der Männer” eine Einordnung in den historischen Kontext, was zu einer tieferen Auseinandersetzung mit dem Thema einlädt.

“Die Liebe ist vor allem ein Lauschen im Schweigen”

– Antoine de Saint-Exupéry, Die Stadt in der Wüste, Citadelle

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Categories: Comics & Graphic Novels, Literatur

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