“IWF! IWF! OMG! OMG!: Lyrik” von Eiríkur Örn Norðdahl

Experimentelle Lyrik für Individualisten und Avantgardisten aus Island

Er ist ein echter Geheimtipp, der isländische Poet Eiríkur Örn Norðdahl (EÖN). Seine Dichtkunst ist ungewöhnlich und experimentell, kritisch – und er provoziert und polarisiert. Denn er ist anders. Lyrik in dieser Form hat es bislang nicht gegeben.

Nicht alle werden den Dichter, der herrlich performt und mit der Stimme spielt wie kaum ein anderer Vertreter der schreibenden Zunft, über die gedruckten Werke allein lieben lernen. Im Grunde muss man ihn erleben, ihn einmal hören, wenn er ein Gedicht intoniert.

Isländisch hatte ich vor der Frankfurter Buchmesse 2011 noch nie gehört. Abgesehen von dem Namen des Vulkans, der die Welt in Atem hielt und den Flugverkehr lahmgelegte; dementsprechend bezog sich meine Kenntnis dieser Sprache auf die korrekte Aussprache dieses einen Wortes: Eyjafjallakökull.

Es war ungemein faszinierend, den fremden Lauten zu lauschen. Wie viele andere war auch ich gefesselt von EÖNs Art des Vortrags, seiner Sprachmelodie, dem Klang der Sprache, aber auch von der Energie, Kraft und Dynamik, die er selbst ausstrahlte – obwohl ich kein Wort verstand. Eine erstaunliche Erfahrung und fraglos die ungewöhnlichste Lesung, die ich je erlebt habe!

Es schien, als habe man die Essenz eines ganzen Landes allein durch den Klang der Sprachlaute erfasst. Vergessen wird man das sicher nie.

Dank der Veröffentlichung des Gedichtbandes “IWF! IWF! OMG! OMG!” wird nun erstmals ein Querschnitt von EÖNs Lyrik in deutscher Sprache zugänglich. Der Titel ist dem Gedicht “Krisensonett” entnommen – ein absolut treffender verbaler Spiegel von Wirtschaftkrise, Bankencrash und Umgang mit der Situation. Es ist ein Spiel mit wenigen Worten, Lauten, den Reaktionen und erschütterten Kurzkommentaren, die einem angesichts dessen durch den Kopf gehen. Absolut ausreichend, absolut treffend als Zustandsbeschreibung eines Landes, ja, im Grunde eines Kontinents.

26 kurze Texte erwarten die Lesenden in diesem kleinen, fest gebundenen Buch. Sie sind kritisch, machen nachdenklich, amüsieren durch Frechheit und Respektlosigkeit und überraschen durch ihre Ungewöhnlichkeit. Es handelt sich um Stücke aus fast allen seinen bisher in Island erschienen Gedichtbänden. Ein kleiner Auszug aus immerhin 10 Jahren des Dichtens. Illustriert ist der Band durchgängig mit Bildern von Franziska Schaum.

Für mich mit am spannendsten sind EÖNs Gedanken zum Urheberrecht. Was ist erlaubt, was nicht? Warum eigentlich? Wo beginnen und enden Rechte? Dementsprechend hatte der Autor in mir bereits nach der Lektüre der ersten drei Gedichte “Geständnis ist Diebstahl”, “Kopierschutz ist Diebstahl” und “Originalität ist Diebstahl” einen neuen Fan gefunden. Ein kleiner Auszug:

“[…] Alles Lesen ist Diebstahl.
Alles Zuhören ist Diebstahl.
Alles Zuschauen ist Diebstahl.

Du empfängst und machst eine Kopie, rufst das im Gedächtnis ab, was durchgesickert und nicht in den Ohren, den Augen, den Einwänden stecken geblieben ist – du wiederholst. […]”

Auch die Gedankenkette “Wenn die Leute anfangen Bücher zu kritisieren” gibt Anlass für tiefgründige Diskussionen. Gelesen hat man die Worte in wenigen Augenblicken – aber der Stoff zum Nachdenken, das, was angestoßen wird, vermag über Stunden, Tage hinweg zu beschäftigen.

Interessant und informativ ist das ausführliche Vorwort, das sich der Biographie und dem bisherigen Schaffen, sowie EÖNs Bedeutung für die isländische Literaturszene widmet.

EÖN verfasst nicht nur Lyrik, sondern auch Prosa. Bei Kozempel & Timm ist 2010 bereits sein lesenswerter Roman “Gift für Anfänger” erschienen. Der 1978 geborene Künstler lebt heute mit seiner Familie in Finnland.

(c) M. Hoevermann

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