“Kartoffeln al dente: Andrea lernt Deutsch” von Angelo Colagrossi

Familie Schlönzke sorgt in seinem ersten Kinofilm “Kein Pardon” (1992) mit Hape Kerkeling und Heinz Schenk für Amüsement und etliche Lacher. Doch was auf Leinwand und Mattscheibe vorzüglich funktioniert, fesselt in Buchform eher wenig: Die hier von Angelo Colagrossi kreierte “typisch deutsche” Klischeefamilie, bestehend aus Vater und Mutter Heilmann nebst Sohn Thorsten, ist textlich nicht originell genug in Szene gesetzt, um wirklich dauerhaft zu unterhalten. Aber wenn man sich die einzelnen Szenen bildlich vorstellt, mit der entsprechenden Kameraarbeit und geschickter musikalischer Untermalung, ist es ein grandioser Spaß!

Dann verschwindet automatisch auch die Diskrepanz zwischen dem flüssig Deutsch berichtenden Erzähler Andrea und dem agierenden Charakter, dessen Sprachkenntnisse sich erst langsam während seines Krefeld-Aufenthalts erweitern.

Einfallsreich ist die Grundidee allemal: Der junge Sizilianer Andrea kommt nach Deutschland, um seine Sprachkenntnisse zu erweitern und gleichzeitig an einer Reality-TV-Casting Show teilzunehmen. Seine Großmutter ist Deutsche. Aber sie hat die kulturellen Eigenheiten im Laufe der Jahrzehnte längst vergessen und ist eine richtige “italienische Mama” geworden. Um hierzulande zu bestehen, muss Andrea sich nicht nur mit seiner Gastfamilie arrangieren, Sprachkenntnisse  an der VHS erwerben und im Fernsehen mit seinen Kochkünsten überzeugen, er muss sich auch mit den Gepflogenheiten der Einheimischen und der doch recht bildhaften deutschen Sprache auseinandersetzen. 

Reality Show-Formate werden gehörig auf die Schippe genommen. Schon das Abkürzungsmonstrum DSD5SK für “Deutschland sucht den 5-Sterne-Koch” reizt zum Schmunzeln und erinnert an Dieter Bohlens DSDS, “Deutschland sucht den Superstar”. Aber vor allem die unzähligen Kochshows mit den immergleichen Kommentaren der testessenden Jury drängeln sich während des Lesens ins Bewusstsein.

Die Gerichte, die Andrea letztendlich zubereitet, sind an Einfallslosigkeit kaum zu überbieten. Doch mit diesem italienischem Standardessen jenseits erlesener Spezialitäten überzeugt der angehende Küchenmeister die Jury; Runde um Runde kocht er sich nach oben. Genau wie in entsprechenden TV-Formaten löst schon eine einigermaßen solide Leistung Euphorie aus (was hinsichtlich der sonst gebotenen Leistung Bände spricht). 

Angelo Colagrossi verhilft uns in “Kartoffeln al dente” zu einem vergnüglichen Außenblick auf das Fernsehen, aber auch auf die Deutschen: Alkohol, Fußball und Pünktlichkeit am Abendbrotstisch sind oft genug die tatsächliche Realität hinter deutschen Türen, so dass Verhalten und Alltagsgestaltung der Familie Heilmann nicht wirklich weit hergeholt sind. Abends gibt es obligatorisch Brot mit Aufschnitt und natürlich Gürkchen – für einen Italiener garantiert ein Kulturschock! Für Deutsche durchaus zum Wiederfinden. Ums Haus weht der Duft von Frittiertem, man guckt Sport, geht in die Sauna, macht Diät und dekoriert den Garten mit rotmützigen, vollbärtigen Zwergen. Es ist ein Spiel mit den üblichen Klischees. Allerdings bekommen beide Seiten gleichermaßen – die Deutschen und die Italiener –  ihr Fett weg.

Darüber hinaus bietet das hübsche, durchgängig zweifarbig gedruckte Buch einen kleinen Crash-Kurs in deutscher Grammatik und italienischem Wortschatz. Witzig sind auch die gesammelten Rezepte.

Der (Drehbuch)Autor, Produzent und Regisseur Angelo Colagrossi wurde 1960 in Rom geboren und lebt seit vielen Jahren in Deutschland. Die Comedyserie “Total normal”, der Fernsehfilm “Die Oma ist tot” (1998) und die Kinoproduktionen “Alles wegen Paul” (2001), “Samba in Mettmann” (2004) und “Horst Schlämmer – Isch kandidiere!” (2009) tragen seine Handschrift. Außerdem ist Colagrossi Co-Autor, Regisseur und Produzent von “Ein Mann, ein Fjord” (2009) und wurde 2011 für sein Drehbuch zu der RTL-Show “Hapes zauberhafte Weihnachten”, die er auch produzierte, mit dem Deutschen Comedypreis ausgezeichnet.

Er arbeitete eng mit Hape Kerkeling zusammen. Nach knapp 30 Jahren kam es 2011 zur Trennung zwischen ihm und seinem Lebenspartner. Ob beide in Zukunft noch einmal zusammenarbeiten werden, bleibt wohl abzuwarten. Fest steht, dass beide nicht nur privat, sondern auch beruflich ein Dream-Team waren.

Worauf man auf jeden Fall hoffen kann, ist, dass “Kartoffeln al dente” irgendwann den Sprung auf den Bildschirm schafft. Da könnte Angelo Colagrossi sein hinreißendes Talent für Komik erneut entfalten, das Publikum mit seinem augenzwinkernden Blick für kulturelle Eigenheiten verzaubern und gleichzeitig ein kraftvolles satirisches Statement zum Thema “Casting Shows” abgeben. Der Stoff hat Hit-Potential.

(c) M. Hoevermann

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Categories: Humor, Literatur

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