Meister der komischen Kunst: Beck

BECK nimmt das Alltagsleben unter die Lupe

Der Leipziger Karikaturist BECK, geboren 1958, ist unter anderem bekannt durch Veröffentlichungen in den Zeitungen “Die Zeit”, “Eulenspiegel”, “taz” und natürlich für den täglichen Cartoon und ein Online-Tagebuch auf www.schneeschnee.de. Der Grafiker gehört zu den bekanntesten deutschen Karikaturisten und wurde bereits mehrfach mit dem Deutschen Karikaturenpreis ausgezeichnet.

Das einleitende Vorwort von Journalist und Kunsthistoriker Dr. Meinhard Michael ist eine gelungene, überaus vergnüglich zu lesende Einführung in BECKs Werk. Dann betritt des Meisters Kunst selbst die Bühne: Rund 100 Karikaturen, schwarz-weiß und koloriert, amüsieren, unterhalten und regen zum Nachdenken an. Den Anfang macht ein minimalistischer schwarz-weißer Cartoon: Ein trauriger Mann beklebt Laternen mit seinem Konterfei und der Aufschrift “Vermißt”. Aus seiner Umhängetasche lugt noch ein ganzer Stapel eben jeder Blätter hervor. “Hoffentlich findet mich jemand!” ist der Gedanke, der seine Tätigkeit begleitet. Die Sehnsucht eines zutiefst einsamen Menschen.

Aber gleichzeitig ist es fast ein Motto für das vorliegende Buch: Hoffentlich finden viele Menschen BECK, entdecken ihn neu, über eben diesen aufwendig gestalteten Bildband.

Seine Karikaturen bestechen durch Hintergründigkeit, durch einmalig-kritische Blicke auf das Alltägliche und durch ihren Wortwitz: So fabriziert beispielsweise eine Krake mit unzähligen Tentakeln ein eigenwilliges Kunstwerk. Im Hintergrund andere Inspirierte hinter ihren Staffeleien. Dazu meldet sich der Kunstprofessor mit skeptisch-kritischer Stimme zu Wort: “Ich frage mich jedesmal, ob Ihre Zeichnungen einfach genial oder einfach krakelig sind…” (S.9). Das amüsiert und macht nachdenklich zugleich. Denn sind das nicht Gedanken, die einen so oder zumindest in recht ähnlicher Form selbst schon beim Betrachten so genannter Kunst beschlichen haben? Was genau ist eigentlich Kunst?

Brandaktuell sind BECKs Tuschezeichnungen zum Thema “Organspende” oder auch seine gemalten Gedanken zum Kampf von Tierschützern gegen Pelze, während Leder stillschweigend geduldet wird. Dabei ist das nicht etwa ein reines “Abfallprodukt” der Fleischindustrie, wie viele nach wie vor meinen; für Massenware wie Schuhe, Jacken und Taschen werden ebenfalls gezielt Tiere getötet. Dennoch bleiben Lederträger meistens unbehelligt. In BECKs Karikatur flanieren zwei wuchtige Damen auf dem Bürgersteig an einer eingezäunten Parklandschaft entlang. Sie tragen lange Pelzmäntel und dazu passende Fellmützen. Es sieht nach einem freundlichen Herbsttag aus, sonnig mit ein paar Wolken am strahlend blauen Himmel, nicht etwa nach tiefstem Winter. Das allein ist vielsagend. Eine der Damen meint: “Mir ist schon klar, dass Tierschützer eher gegen Pelze als gegen Leder sind. Es ist viel sicherer reiche Damen anzugreifen als eine Motorradgang” (S. 14). Richtig!

Zu meinen Lieblingscartoons gehören “Bus Günther”, der einfach mal einen Tag für sich braucht und deswegen an den Wartenden an der Haltestelle vorbeibraust (S. 24), der “Indoor-Straßenmusiker” (S. 25), der einfach nicht aus seiner Haut kann und der der Tod, der irgendwann an jeder Tür läutet: Winzig klein steht er da, der Mini-Sensemann, ein Lämpchen in der Hand, um den Weg zu finden und eindeutig bei seinem Minderwertigkeitskomplex gepackt, wenn Rolf-Christian Müller – ein Hühne – ganz vertraulich erklärt: “… unter uns: Ich hab’ Sie mir immer groß und dünn vorgestellt!” Enttäuschte Erwartungen. Genau wissen werden wir es wohl erst, wenn es uns erwischt.

Es ist schwer, einzelne Arbeiten BECKs herauszupicken. Sehenswert sind sie alle!
 
Mindestens ebenso spannend wie seine Karikaturen ist sein Werdegang: In “BECK über BECK” gibt er einen unterhaltsamen Einblick in sein Leben: Nach einem abgebrochenen Studium der Architektur, unter anderem “mangels Verständnis für Mathematik” (S. 103), nahm er ein Studium für Gebrauchsgrafik an der Kunsthochschule Berlin Weißensee auf. Als allerdings seine Vergangenheit nebst beendeter SED-Mitgliedschaft aufflog, flog er im hohen Bogen raus. Nach nur einem Semester. Die Notwendigkeit, Geld zu verdienen – immerhin hatte er schon Familie – führte ihn schließlich in die Freiberuflichkeit, seine Liebe zu Cartoons in sein jetziges Metier. 

Zusätzlich zu dem wirklich ungemein persönlichen verbalen Blick in seine Vergangenheit, klappt er für die Leserinnen und Leser sein Fotoalbum auf: Man erlebt ihn privat, an einem Arbeitsplatz, mit Yvonne Kuschel und darf einen Blick auf seine Söhne werfen. Eine Auswahl an Publikationen rundet das Kapitel ab.

Innerhalb des Bandes finden sich noch ein paar persönliche Worte von Yvonne Kuschel, die sich zu BECKs Muße äußert. Sehr lesenswert, witzig und ungemein sympathisch.

Herausgeber der wunderbar-intelligenten und tiefgründigen Bände ist der Kunsthistoriker WP Fahrenberg, der seit 1979 das “Ausstellungsbüro Göttingen” leitet. Sein Schwerpunkt liegt auf der komische Kunst: 1996 rief er mit dem sogenannten “Göttinger Elch” einen Preis ins Leben, mit dem satirische Künstlerinnen und Künstler  für ihr Lebenswerk ausgezeichnet werden. 

Respekt für den Kunstmann-Verlag, der in dieser besonderen Buchreihe den Fokus auf einheimische Meister und Meisterinnen legt und damit Karikaturen den Stellenwert einräumt, der ihnen leider oft versagt bleibt: hochwertig, vollfarbig mit viel Liebe und Hochachtung vor dem präsentierten Künstler und seinem Werk. Eine Freude für Auge, Herz und Verstand!

Diese wunderschöne Reihe macht sich auch im Regal sehr gut: Es ist eine besondere Sammlung, deren Bände man immer wieder gern zur Hand nimmt.

(c) M. Hoevermann

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Categories: Kunst, Sachbücher

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