Meister der komischen Kunst: Bernd Pfarr

  Die schiere Lust am Blödsinn: Selbstironisches Genie

„Ich hoffe, dass meine Zeichnungen merkwürdig sind”, so hat sich Bernd Pfarr einmal selbst über seine Kunst geäußert. Und er hat diesen Wunsch gekonnt in die Tat umgesetzt, denn wenn man seine Bilder einmal gesehen, seine Kommentare aufgenommen hat, behält man sie auch im Kopf. Sie sind in der Tat des Merkens würdig: skurril, bissig, mit viel Witz, hintergründigem Humor und Ironie sorgen sie für ein einzigartiges Lese- und Betrachtungsvergnügen.

Dank Bernd Pfarr bevölkern Charaktere wie „Der liebe Gott“, Herr Kuhn, Erich Scholle, Herr Steufel, Knut Lamprecht, Antje, Hektor, Herwig, Petra und Herr Sondermann – ein unvergesslicher Buchhalter – nun die humoristische Landschaft. Er gehört zu den Meistern der komischen Kunst, die nicht nur malen und zeichnen, sondern sich auch durch witzig-skurrile Texte und Bildunterschriften ins Gedächtnis brennen.

Bekannt sind seine Arbeiten vor allem aus Veröffentlichungen in großen Magazinen wie “Titanic” oder “Stern”; aber Pfarr verfasste und illustrierte auch Bücher.

Dieser Band präsentiert eine gelungene Auswahl aus seinem Werk. Seine Arbeiten sind von ganz unterschiedlicher künslerischer Gestalt, was seine Bandbreite zeigt: Mal handelt es sich um einzelne Zeichnungen oder Comic-Strips, mal um Malereien. Mal arbeitet er sehr fein, fängt ein mit klarem, sauberem Strich, mal sind es eher mutige, grobe Pinselbewegungen und Farben, die ein Bild lebendig werden lassen.

Amüsant ist z.B. sein Blick in die die griechische Mythologie: Es gab einen guten Grund, warum ein hölzernes Pferd konstruiert werden musste, damit die Kriegslist der Griechen gelang, denn „da die Trojaner offensichtlich keinerlei Anstalten machten, das sogenannte ‚Trojanische Stunktier‘ in ihre Stadt zu ziehen, mussten sich die Griechen wohl oder übel etwas anderes einfallen lassen“ (S. 30 f.). Darum heißen die Computer-Schädlinge heutzutage also Trojaner, nicht Skunks. Wer hätte das gedacht!

Witzig und skurril ist auch Saurier Hektor, der einen schweren Fehler begeht und dann mit den unschönen Konsequenzen zurechtkommen muss: „Ein Gnu hatte Hektors Autoschlüssel gestohlen. Wutentbrannt fraß Hektor das Gnu mit Haut und Haaren. Erst zu spät bemerkte Hektor, dass es nuin wohl nur noch eine Möglichkeit gab, wieder an den Autoschlüssen zu kommen“ (S. 70 f.). Ein Bild, das dem Betrachter einen starken Magen abverlangt, aber nichtsdestotrotz unglaublich komisch ist.

Mein ganz persönlicher Favorit befindet sich auf Seite 99: Man sieht einen schwarz gekleideten Mann mit Mantel, Hut und schwarzem Bart, der mit zügigem Schritt an einer Straßenlaterne vorbei nach Hause eilt. Die Fenster der umliegenden Häuser sind dunkel, das Kopfsteinpflaster wird kaum vom Lichtschein erfasst. Einsam wirkt die Stadt, und wenn man genau hinsieht, kann man fast den Wind und die Geräusche der Nacht hören. Dazu die vielsagende Bildunterschrift: „Im Morgengrauen nach der Nachtschicht hatte Dr. Elsner für die großen Fragen der Menschheit – Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was wollen wir? – alle Antworten: Er kam von der Intensivstation, ging nach Hause und wollte nur noch schlafen.“

Gefühle und Gedanken, die wohl jeden am Ende eines harten, schweren Tages, bei dem es um viel, wenn nicht um alles ging, schon einmal beschlichen haben.

Auch Gott ist eine beliebte Figur in Pfarrs Werk: Dabei wirkt der kahlköpfige, kleine alte Herr mit dem weißen Bart oft hinreißend überfordert, ja, geradezu tollpatschig. Wie könnte man ihn da noch mit banalen Alltagssorgen eines normalen Erdenbewohners zusätzlich belästigen? „Als Sondermann sah, wie täppisch und hilflos Gott zuweilen war, beschloss er, den alten Herrn nicht länger mit abendlichen Gebeten für eine bessere Welt zu behelligen“ (S. 100). Gut so, denn der ist oft ohnehin unzufrieden mit seinen Kreationen. Allein, die Giraffe wunschgemäß zu gestalten, ist ein Kraftakt. Besonders stolz ist er auf ein Mäuerchen. Aber gerade, als Herr Sondermann denkt, dass Hopfen und Malz verloren sind, geschieht doch noch etwas, was „sein Vertrauen in den Weltenlenker restlos wieder“ (S. 101) herstellt: Gott ist ein begnadeter Musiker, der „beherzt […] als Musikant aufspielte“ (ebd.).

Es ist neben Ironie auch eine gehörige Portion Galgenhumor, die sich in Zeichnungen und Malereien spiegelt. Vermutlich sind die hinterlassenen Werke teilweise das Ergebnis einer langjährigen persönlichen Auseinandersetzung Bernd Pfarrs mit dem Schicksal, mit Krankheit, Sterben und Tod.

Er hinterlässt uns ein Ensemble besonderer Figuren, ohne die unsere Welt wirklich ärmer wäre. Dank des Kunstmann-Verlags bleibt nun wenigstens ein kleiner Teil seiner Bilder, Karikaturen, Cartoons und Comics für Kenner und Neuentdecker in schöner, ansprechender Form erhalten.Den Abschluss des Buches bildet ein knapper Einblick in “Leben und Werk” des Künstlers sowie zahlreiche private Fotos.

“Die ZEIT konstatierte folgerichtig, Pfarr sei ‘ein Genie’ gewesen und habe der deutschen Kunst im Übermaß das gegeben, was sie selten besitze, nämlich Selbstironie und Lust am höheren Blödsinn” (S. 102). Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Herausgeber der wunderbar-intelligenten und tiefgründigen Bände ist der Kunsthistoriker WP Fahrenberg, der seit 1979 das “Ausstellungsbüro Göttingen” leitet. Sein Schwerpunkt liegt auf der komische Kunst: 1996 rief er mit dem sogenannten “Göttinger Elch” einen Preis ins Leben, mit dem satirische Künstlerinnen und Künstler für ihr Lebenswerk ausgezeichnet werden.
„Meister der komischen Kunst“ ist eine besondere Buchreihe, die den Fokus auf einheimische Meister und Meisterinnen legt. Humorvollen Arbeiten wird damit ein Stellenwert eingeräumt, der ihnen leider oft versagt bleibt: hochwertig, vollfarbig mit viel Liebe und Hochachtung vor dem präsentierten Künstler und seinem Werk. Eine Freude für Auge, Herz und Verstand!

Diese wunderschöne Reihe macht sich auch im Regal sehr gut: Es ist eine besondere Sammlung, deren Bände man immer wieder gern zur Hand nimmt.

(c) M. Hoevermann

 

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Categories: Kunst, Sachbücher

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