“Meister der komischen Kunst: Ernst Kahl” von W P Fahrenberg (Hrsg.)

Kunstvolle Tabubrüche oder: Von Kahls Vergnügen, (nicht) ernst zu sein

Es gibt wohl kaum etwas, was Ernst Kahl nicht kann: Der gebürtige Kieler, Jahrgang 1949, ist nicht nur ein begabter Zeichner, Maler und Karikaturist; er ist außerdem Musiker, Kolumnist und Drehbuch(Autor), singt und schauspielert. Einen gelungenen Einblick in das umfangreiche Werk des Multitalents präsentiert der Verlag Antje Kunstmann mit dem Band “Ernst Kahl”, der in der Reihe “Meister der komischen Kunst” erschienen ist.

Absurd und komisch, so lässt sich Kahls Kunst beschreiben, die mal zielsicher unter die Gürtellinie fasst, mal bissig-böse und schwarzhumorig daher kommt. Er spielt mit Klischees, treibt auf die Spitze, was andere sich hinter schamhaft gesenkten Augen kaum zu denken trauen, er reißt die Betrachter aus der Komfortzone kollektiver Schläfrigkeit – und er tut es in großem Format. Nachdenken statt nachplappern, ist sein Credo.

Das Schöne ist: Kunst nähert man sich immer individuell. Was für die einen nichts ist als sinnfreie Provokation, ist für den nächsten Fertigkeit und Gesellschaftskritik auf höchstem Niveau. Für einen Dritten sind die Grenzen vielleicht fließend und Ernst Kahls Werke liegen irgendwo dazwischen. Nicht alles muss zwangsläufig hochgradig intellektuell sein und einen ernsthaften Kern haben. Manches will provozieren, will einen Lacher aus dem Betrachter kitzeln, ein Schmunzeln erzeugen, ein Innehalten – oder einen Moment schockierter Betretenheit hervorrufen.

Kahls Kunst bricht aus. Seine Bilder zeigen masturbierende Haustiere, Metzger mit Schweineklauen, kreative Mausefallen. Bewusst fallen sie aus dem vorhandenen Rahmen, mit dem gemeinhin strukturiert, in Schubladen einsortiert und Werke großer Künstler kategorisiert werden. Sie lässt sich nicht eingliedern, nicht einreihen in Strukturen. Vielmehr entzieht sie selbigen den geliebten, sicher geglaubten Boden.

Herausgeber der aufwändig gestalteten Reihe: ‘Meister der komischen Kunst’ ist der Kunsthistoriker WP Fahrenberg, der unter anderem 1996 den ‘Göttinger Elch’ ins Leben rief. Dabei handelt es sich um eine jährlich vergebene Auszeichnung für das Gesamtwerk satirischer Künstler.

Entstanden ist ein wunderschön aufgemachter, hochwertiger Band für Kunstliebhaber und Kahlfreunde. Zugleich ist er Teil einer Reihe, die es wert ist, gesammelt zu werden und einen besonderen Platz im bibliophilen Regal verdient.

“Schluß jetzt” lautet der Titel einer der makabersten Karikaturen, und ein besonders vergnüglicher Tabubruch. Gelangt man zu diesem Bild, ist das Lesevergnügen schon fast vorbei. “Was, jetzt schon?”, möchte man sagen. Nur allzu gern hätte man weitergeschaut, weitergelesen, weitergelacht, und Ernst Kahl weiter zwischen schockierter Gelassenheit und amüsiertem Ernst quer durch gesellschaftlich relevante Themen begleitet. Dieses Buch macht Lust auf mehr!

(c) M. Hoevermann

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Categories: Kunst, Sachbücher

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