“Mustertücher: Stickmuster aus drei Jahrhunderten” von Irina Hundt und Lorraine Mootz

Musterkunst: Gelebte Geschichte und Stickanleitungen in einem

Wer mit Hingabe und Leidenschaft stickt, kommt irgendwann an den Punkt, an dem man alles schon einmal ausprobiert hat. Nach Jahrzehnten emsiger Handarbeit ist es nicht mehr leicht, Vorlagen aufzustöbern, die man noch nicht kennt – und dann erlebt man mit “Mustertücher. Stickmuster aus drei Jahrhunderten” einen echten Glücksgriff.

Über 40 Kunstwerke aus ganz Europa stellen Irina Hundt und Lorraine Mootz in diesem großformatigen Buch vor. Für 16 dieser Tücher gibt es zudem detailierte Vorlagen zum Nachsticken. Diese befinden sich hinten zum Herausnehmen in einer Kunststofftasche. Ein wunderbares Buch für kulturell Interessierte, die nicht nur gern sticken, sondern auch Begeisterung für die Geschichte dieser Handarbeit mitbringen und einen Blick für die Hintergründe dieser Tradition besitzen! Denn das Sticken war jahrhundertelang ein wesentlicher Bestandteil der Alltagskultur von Mädchen und Frauen. Innerhalb des Bürgertums gehörte eine gewisse Fertigkeit im Sticken zu den selbstverständlichen Fähigkeiten eines Mädchens. Bürgerinnen hatten Zeit, sich der aufwendigen Handarbeit hinzugeben. Außerdem stellten die Kosten für Seidengarne und Leinenstoffe ein nicht zu unterschätzendes Kriterium dar: Man musste das Geld haben, sich beides leisten zu können. Genutzt wurde die Handwerkskunst zum Kennzeichnen von Wäsche, aber auch zum Verzieren von Kleidung.

Stickmustertücher sind in Europa seit dem frühen 16. Jahrhundert dokumentiert. Gefertigt wurden sie überwiegend von Mädchen im Alter zwischen neun und fünfzehn, die daran ihre Fähigkeiten mit der Sticknadel unter Beweis stellten. Das Anfertigen diente nicht der kreativen Freizeitgestaltung; es diente der Einübung bestimmter Tugenden wie Ausdauer, Geduld und Gehorsam. Es stellte eine Vorbereitung auf das Erwachsenenleben dar. Die Stickmustertücher wurden von einer Generation zur nächsten weitergereicht, denn sie fungierten gleichzeitig als Modelvorlagen. Die Muster wurden immer wieder abgestickt, wobei es trotz gewisser Wiederholungen hinsichtlich der Muster faszinierende, regionale Eigenheiten gibt. Modelbücher existierten zwar ebenfalls, waren aber für viele Haushalte unerschwinglich. Zu finden waren sie meistens in den Händen von Adligen oder im Fundus von Nonnenklöstern.

In “Mustertücher” werden aufwendig gearbeitete Werkstücke vorgestellt: Sie kommen aus Österreich (2), Belgien (2), Dänemark (5), Frankreich (7), Deutschland (11), Italien (1), den Niederlanden (2), Spanien (2), Schweden (2) und Großbritannien (8).

Mustertücher befinden sich heutzutage entweder in Museen oder in privaten Sammlungen. Es ist fast unmöglich, selbst an so etwas heranzukommen. Das macht dieses Buch zu einer einzigartigen Fundgrube. Dabei ist jedes Stück ein Unikat: Kleine Fehler, die der Stickerin unterlaufen sind, wurden nicht korrigiert; sie sind erhalten geblieben! Genau das macht den Charme von Handarbeiten aus. Ob man sie übernehmen möchte oder nicht, bleibt natürlich jeder und jedem selbst überlassen. Wer geübt ist, kann die Vorlagen nach eigenem Geschmack, z.B. auch, was Farbe und Muster betrifft, verändern und so selbst etwas Einzigartiges schaffen.

Wunderbar ist, dass das Buch komplett zweisprachig verfasst ist: Deutsch und Englisch. Also lässt es sich auch über Landesgrenzen hinweg an befreundete Stickerinnen und andere Interessierte verschenken, verleihen oder darauf aufmerksam machen. Damit haben die Autorinnen ein wesentliches Ziel erreicht. Denn das Buch will keine Abhandlung zur Entstehung und Entwicklung bestimmter Stickmuster in Europa sein. Es will vielmehr alle, die leidenschaftlich gern sticken, inspirieren. Gleichzeitig bleibt so etwas kulturell Einmaliges im Bewusstsein heute lebender Frauen erhalten.

Der Band ist durchgängig hochwertig bebildert. In dezentem Altrosa abgesetzt finden sich in geschwungener Schrift knappe Informationen über die einzelnen Tücher (Land, Jahr, Größe, Material, Sticharten, Machart insgesamt). Die verwendeten Motive werden anschaulich erläutert. Eine spannende, stilistisch leicht zugängliche Zeitreise in frühere Jahrhunderte!

Stickanleitungen mit anschaulichen Zeichnungen von einfachen bis zu komplexen Stichen, Farbtafeln und Hinweise zu den Farbsymbolen auf den Anleitungen runden den Band ab.

(c) M. Hoevermann

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Categories: Kunst

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