“Nichtschwimmer” von Felix Wegener

Zwischen Lust und Frust – Der unfruchtbare Mann

An diesem fröhlich-bunten Cover kommt man nicht vorbei: Vier Spermien in unterschiedlichen Motivationsstufen sind unterwegs zur begehrten Eizelle. Ganz cool mit Sonnenbrille, erfolgreich mit Zigarre, warm eingepackt für den langen Weg – los geht der Wettlauf. Und dann gibt es noch den Befruchtungsverantwortlichen des Protagonisten und Ich-Erzählers Felix: todmüde, lahm, unmotiviert und ohne rechten Pepp. Der schläft schon unterwegs ein.

Ein Milliliter Samenflüssigkeit enthält satte 20 Millionen Spermien. Zur Befruchtung muss nur ein einziges Spermium die Eizelle erreichen – und schon ist es passiert. Das sollte doch machbar sein! Ist es aber nicht unbedingt. In etwa 30 % aller Fälle, in denen Paaren mit starkem Kinderwunsch der Nachwuchs biologisch bedingt verwehrt bleibt, liegt es am Mann. So selten kommt männliche Unfruchtbarkeit also nicht vor. Trotzdem ist es ein Thema, das gern ausgespart wird.

Anfangs geht in “Nichtschwimmer” alles seinen ganz normalen Gang: Felix und Sonja lieben sich, sie entscheiden sich ganz bewusst für Kinder. Also setzt Sonja die Pille ab, raucht weniger. Nach fünf Monaten ist sie immer noch nicht schwanger. Sie fängt an, sich Gedanken zu machen. Was wenn sie keine Kinder bekommen kann? Er beschwichtigt, beruhigt, macht kleine, liebevolle Scherze. Es gelingt ihm, sie aufzuheitern, aber sie fühlt sich auch sofort in die Rolle der Schuldigen gedrängt, als er beiläufig fallen lässt, dass sie das Rauchen besser ganz lassen solle. Ein Thema, bei dem sich beide Geschlechter schnell angegriffen fühlen. Nach acht fruchtlosen Monaten bringt der Gang zum Frauenarzt Klarheit: An Sonja liegt es nicht. Nun ist Felix dran.

Der Weg zum Arzt wird für ihn zur kaum meisterbaren Mutprobe. Um wenigstens ein Stück seiner Würde zu retten und so etwas wie Verbindung und Kontakt zu den anderen in der Praxis anwesenden Männern herzustellen, versucht er mit Humor und Ironie zu punkten. Und scheitert kläglich. Mann spricht über so etwas nicht. Mann macht darüber schon gar keine Witze. Mann ist damit also vollkommen alleingelassen. Auch die Begegnung mit dem Personal ist nicht unbedingt geeignet, so etwas wie Vertrauen zwischen Patient und Einrichtung herzustellen. Bei diesem so sensiblen Thema wird einfach vergessen, dass dahinter ein Mensch steht, mit Sorgen, Nöten, Wünschen und Träumen. Unsicheres, vielleicht sogar etwas unpassendes Verhalten des Patienten sollte da einfach großzügig verziehen werden…

Statistisch gesehen bringt eine Frau in Deutschland 1,3 Kinder zu Welt. Nicht immer handelt es sich dabei um Wunschkinder. Gleichzeitig gibt es eineinhalb bis zwei Millionen Paare, die nichts mehr ersehnen, als endlich eine Familie zu gründen, gern mit mehreren Kindern – doch trotz intensivster Bemühungen, kreativem Coitus ohne Interruptus und Regalbrettern voller Ratgeberliteratur klappt es auf natürlichem Weg einfach nicht.

Meist beginnt dann frustrierende Ursachenforschung: Ist die Frau zu getresst, zu sehr unter Druck? Liegt es an Umweltgiften, an verklebten Eileitern, am Nikotinkonsum? Im Hinterkopf verankert ist immer die heimliche Hoffnung des Mannes, dass es nicht an ihm liegt, sondern doch sicher an ihr. “Ich hatte mir nie Gedanken darüber gemacht, dass meine Spermien nicht in Ordnung sein könnten”, ist dann auch der erste Satz, mit dem Autor und Erzähler Felix Wegener sein sehr persönliches, unterhaltsames Buch beginnt. Hat er nicht. Natürlich nicht.

“Nichtschwimmer” ist ein mutiges Buch zwischen Biographie und Ratgeberliteratur, weil es ein Stück echtes Leben berichtet. Es mag rein stilistisch keine hohe Literatur sein, aber das ist auch nicht nötig. Wegener bricht eine Tabuzone auf, was längst überfällig war. Allein, dass er sich erschlagend mitteilungsfreudig mit seinen persönlichen Erfahrungen in die Öffentlichkeit wagt, verdient Repekt und Anerkennung. Paare in einer ähnlichen Situation wie Sonja und Felix werden dieses sprachlich leicht zugängliche Buch mit Sicherheit zu schätzen wissen – und hoffentlich auch ihr Lachen wieder finden. Es holt ab, wo Mann sich befindet; es bringt die üblichen Gedanken und Ängste anschaulich auf den Punkt. Mitten aus dem Leben. Frauen hilft es, sich in die Situation hineinzuversetzen und vielleicht auch zu verstehen, worüber man nicht unbedingt frei heraus sprechen kann.

Wegener hat Recht, wenn er beklagt, dass es zwar unendlich viele Frauenzeitschriften gibt, aber eben nicht eine einzige, die sich gezielt auf unterhaltsame, bewusst wenig anspruchsvolle Weise an Männer wendet: Es fehlt ein günstiger, bunter “Volker” für die kleinen und großen Probleme, die Männer im Alltag vorfinden. Angenehme Lektüre, nicht zu hochtrabend formulierte, aber eben doch gut gestaltete Texte, Erfahrungsberichte, Tipps und Anekdoten – und das Ganze lesefreundlich und feierabendtauglich aufbereitet.

Wie so etwas sprachlich aussehen kann, veranschaulicht der Autor selbst: Das Thema der männlichen Unfruchtbarkeit lastet in der Regel schwer auf der Seele der Männer. Hier kommt es verpackt in einer witzigen Geschichte um eine moderne Beziehung zwischen Mann und Frau daher und beweist, das mit Humor, Herz und einem gesunden Schuss Selbstironie auch die härtesten Hürden im Leben zu meistern sind.

(c) M. Hoevermann

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Categories: Literatur

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