“Sascha”, DVD mit Sascha Kekez

“Fang’ noch mal an! Lass’ den Anfang leicht klingen…”

Inhalt

51z3OO4rnPLDer 19-jährige Sascha Petrovic (Sascha Kekez) stammt aus einer konservativen, montenegrinischen Familie. Seine Eltern betreiben eine kleine Gastwirtschaft in Köln, die Mutter verdient mit einer Nebentätigkeit noch ein bisschen was dazu, der jüngere Bruder drückt die Schulbank. Eine ganz normale Familie. An sich haben sie sich gut eingelebt. Vater Vlado jedoch träumt von einer Rückkehr in die alte Heimat. Als Familienpatriarch hält er die Zügel fest in der Hand und die Söhne im Zaum. Jedenfalls denkt er das.

Sascha ist ein begabter Pianist. Wenn seine Finger über die Tasten fliegen, dann scheint es leicht, schwungvoll, hoffnungsfroh und ja, unbeschwert. So, genauso wünscht er sich sein erstes Mal mit dem Mann seiner Träume. In seinem Leben scheint das allerdings nicht vorgesehen zu sein: Er ist bis über beide Ohren in seinen attraktiven Klavierlehrer Gebhard Weber verliebt. Kurz vor der alles entscheidenden Prüfung, die über Saschas weiteres Leben bestimmt, eröffnet ihm sein Mentor, dass er die Stadt verlassen und nach Wien gehen wird. Dort hat er eine Professur bekommen. Das ist natürlich reizvoller für einen ambitionierten Pianisten als nur Kinder zu unterrichten. Für Sascha bricht eine Welt zusammen. Gerade hat er sich damit auseinander gesetzt, dass er schwul ist, und jetzt das.

Er kann nicht anders, er folgt Gebhard. Erst ins Schwimmbad, auf Drängen seiner besten Freundin Jiao hin auch auf dessen Abschiedsparty. Sascha erkennt, dass sein Schwarm bereits ein offen schwules Leben in Köln lebt, mit Ex-Freunden, Männerbekanntschaften und One-Night-Stands. Ohne Scham, ohne Scheu. Die Aumerksamkeit des Jungen schmeichelt ihm zwar. Aber soll er nur seinetwegen seine Karriepläne in den Wind schießen? Es ist schließlich nicht so, als ob ihm nicht auch andere schöne Männer hoffnungslos verfallen wären.

In dem verzweifelten Versuch, Gebhard zu halten, setzt Sascha alles auf eine Karte: Als seine Welt vollends ins Wanken gerät, geht er zu ihm. Und er bleibt die ganze Nacht…

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Selbstfindung im Migrantenmilieu

“Sascha” erzählt vom Erwachsenwerden, von Selbstfindung im Migrantenmilieu und der Schwierigkeit, die eigene kulturelle und sexuelle Identität zu finden. Aber der Film spiegelt auch Träume und Sehnsüchte. Mutter Stanka, selbst eine begnadete Klavierspielerin, sieht den Sohn schon auf den großen Konzertbühnen der Welt. Sie will das er übt, übt, übt. Er soll es schaffen, er soll erreichen, was ihr nicht vergönnt war.

Vater Vlado sperrt sich vor zu viel westlichen Einflüssen. Bidets weiß er allerdings durchaus zu schätzen. Ihn interessiert jedoch weniger die musische Begabung seines Sohnes; er will sehen, dass in dem Jungen ein echter Kerl steckt. Mädchen, Sport, Prügeleien, Alkohol – alles hervorragend. Hauptsache, das Verhalten passt ins traditonell männliche Muster. Als Sascha schließlich mit der Wahrheit herausrückt, prallen die Vorstellungen und Sichtweisen unterschiedlicher Generationen mit ungebremster Wucht zusammen. – Und die Folgen seines Coming-Outs haben weitreichende Auswirkungen. Für alle Familienmitglieder.

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Homosexualität in Montenegro

Homosexualität ist in der extrem homophoben Balkan-Republik Montenegro ein Tabu-Thema. Gleichgeschlechtliche Liebe darf weder öffentlich sichtbar sein noch thematisiert werden. Dementsprechend wird ein Film wie “Sascha” dort als gesellschaftspolitisch überaus brisant aufgefasst.

Einen Tag nach der Premiere am 30. Mai 2011 sollte die Gaypride-Parade in der montenegrinischen Hauptstadt Podgorica stattfinden. Doch dazu kam es  nicht mehr: Eine kroatische Band gab in der Stadt ein Konzert. Eines der Lieder beschäftigte sich mit weiblicher Homosexualität, was zu einem Tränengasanschlag führte.

Nicht einmal im Rahmen einer solchen Veranstaltung mit Polizeischutz war man in der Lage, die Besucherinnen und Besucher zu schützen. Die Gay Pride-Parade wurde aus Sicherheitsgründen abgesagt.

2013 wagten sich rund 150 Homosexuelle in Podgorica auf die Straße. Es war der erste Gay Pride in der Geschichte des Landes überhaupt.

Beschützt wurden sie während des knapp einstündigen Marsches von 2000 Polizisten, die mit Tränengas gewaltbereite Extremisten und Steinewerfer zurückdrängten. Als die Situation zu eskalieren drohte, wurden die Teilnehmenden in Sicherheit gebracht. Später kam es zu Straßenschlachten zwischen Einsatzkräften und Hooligans.

“Sascha” kann dazu beitragen, die Sichtbarkeit von Homosexualität in Montenegro zu erhöhen.

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Vielschichtiges Kinodebüt mit (weitgehend) überzeugenden Darstellern

Es ist das Kinodebüt von Regisseur Dennis Todorovi, der 1977 in Ellwangen geboren wurde. Auch er hat unter anderem montenegrinische Wurzeln. Es ist eine Stärke des Film, dass er die Charaktere vielschichtig und glaubwürdig zu Wort kommen lässt. Besonders Predrag Bjelac als Vlado Petrovic beweist sowohl ein ungeheures komödiantisches Talent als auch die Fähigkeit, Emotionen nuanciert und vielschichtig allein über seine Mimik zu transportieren. Es ist eine Freude, ihm zuzusehen!

Auch der junge Sascha Kekez überzeugt voll und ganz in der Titelrolle. Die Aufregung, als er es zum ersten Mal in einem Laden wagt, ein Schwulenmagazin aufzuschlagen und zu kaufen, nimmt man ihm ebenso ab wie seine Nervosität und teils rührende Unsicherheit im Umgang mit Gebhard. An anderer Stelle ist er jedoch derjenige, der eindeutig die Initiative ergreift. Und Klartext redet er auch. Er ist vielschichtig und in sich stimmig angelegt.

Leider bleibt ausgerechnet Tim Bergmann als Gebhard Weber fast blass und uninteressant. Dazu wirkt er in weiten Teilen des Films überaus unsympathisch. Ein Highlight ist definitiv die Szene, in der er versucht, Sascha zu helfen: Vater und Sohn sind in einer hitzigen Diskussion verstrickt. Der Deutsche versteht kein Wort, nimmt an, dass es ums Klavierspielen und Saschas Zukunft geht und  macht durch sein Eingreifen alles noch schlimmer. Seine eindeutig zweideutige Aussage bringt die Situation vollends zum Kippen…

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Spiel mit Klischees

Der Film spielt mit Klischees macht dabei vor niemandem Halt: Erwähnenswert sind etwa das montenegrinische Frühstück, der Versuch, den Zoll hinters Licht zu führen oder auch Saschas beste Freundin, die Chinesin Jiao, deren bildungsfokussierter Vater darauf besteht, dass sie in jeder freien Minute Geige übt oder über Büchern brütet. Auch die Deutschen bekommen ihr Fett weg: Der Chef von Frau Petrovic ist nicht in der Lage, sich ihren Namen einzuprägen; ihre Kollegin verwechselt ihr Heimatland.

Am Ende hat der Film eine klare Botschaft: Kontakt mit einem anderen Land bedeutet immer auch Kontakt mit einer anderen Kultur. Davor kann man sich nicht verschließen. Nicht alle Träume lassen sich verwirklichen. Manche bleiben unerfüllt oder suchen sich eine neue Ebene. All das zu zeigen gelingt Regisseur und Drehbuch-Autor Dennis Todorovi ohne erhobenen Zeigefinger.

Ein schönes, sehr sehenswertes Kinodebüt und ein Film, der im DVD-Regal nicht fehlen darf!

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Auszeichnungen (Auswahl)

Förderpreis Deutscher Film Hofer Filmtage 2010 für Peter Aufderhaar (Sounddesign und Musik) Zinegoak Bilbao: Preis für den Besten Spielfilm Mezipatra GLFF Prag: Zuschauerpreis

 

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Salzgeber (Presseheft)
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Categories: DVDs - Filme und Serien, DVDs -Filme, GLBT

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