“Schnee im April” von Aly Cha

Negatives Karma – Vier Frauen zwischen Selbst- und Fremdbestimmung

cha_schnee_3D“Du musst mich unbedingt im Frühling besuchen”, meinte meine japanische Kommilitonin Hiroko. “Zur Kirschblüte!” Und wer schon einmal im Frühling in Japan war, weiß, warum. Die zarten, seidenweichen Kirschblüten sind untrennbar mit der japanischen Kultur verbunden. Sie stehen für Schönheit, für Aufbruch und Neuanfang, aber auch für Vergänglichkeit und Abschied. Ein beeindruckendes Naturschauspiel, das die Insel für knapp zwei Wochen in ein rosafarbenes Märchenland verwandelt. Die Menschen sind in jeder freien Minute draußen in den Parkanlagen. Alles lacht, singt, tanzt und feiert. Der graue, wirtschaftsorientierte Alltag weicht für kostbare Momente einer unglaublichen Idylle.

Der poetische Titel “Schnee im April” von Aly Cha verweist auf das Ende dieser besonderen Augenblicke. Ähnlich wie Kirschbäume haben auch Menschen nur ein sehr kleines Zeitfenster zum Erblühen. Dann werden auch sie ein Teil der Vergangenheit, festgehalten allein in der Erinnerung. Doch Zufall und Schicksalsschläge können die eigene Lebensplanung erschweren, vielleicht sogar unmöglich machen. Und ehe man sich versieht, folgt man ausgetretenen Pfaden, hilflos eingebunden in Zusammenhänge, aus denen es scheinbar kein Entrinnen gibt…

Im Januar 1969 bekommt Asako unerwartet Besuch in einer klirrend kalten Winternacht. Es schneit, es stürmt. Vor der Tür steht ihre Tochter Miho. Ein Zerwürfnis zwischen den Frauen hat schon vor langer Zeit zu einem vollständigen Kontaktabbruch geführt. Jetzt ist Miho zurück, und sie ist nicht allein: Auf dem Rücken trägt sie ihre schlafende Tochter Yuki. Das sechsjährige Mädchen hat seine Großmutter noch nie gesehen. Trotzdem soll sie bei ihr bleiben. Nur kurz, nur ein paar Monate, nur bis zum Frühling, bis die Kirschbäume blühen, beteuert Miho. Dann will sie zurückkommen und mit Yuki einen neuen Anfang in Amerika machen. Man ahnt es: Sie wird dieses Versprechen nicht einlösen.

Dann bricht die junge Frau weinend zusammen. Langsam entfaltet sich eine bewegende, tragische Familiengeschichte. Anders als in anderen großen Familienromanen stehen hier nicht die Männer, sondern die Frauen im Mittelpunkt des Geschehens. Mütter und Töchter. Vier Generationen. Ein verzweifelter Versuch, dem Schicksal zu entkommen und dem Leben ein wenig Glück abzutrotzen in einem Land, das sich im Wandel befindet.

1880 wird Asakos Mutter Michiko auf einer kleinen Insel geboren. Ihre Familie lebt – wie alle anderen Bewohner auch – vom Meer. Die Männer gehen dem Fischfang nach, die Frauen tauchen nach Muscheln. Das Leben der Inselbewohner ist einfach, ärmlich und hart. Doch Michiko, das älteste der vier Kinder, hat eine ungewöhnlich enge Bindung zu ihrem Vater. Dieser liebt sie über alle Maßen, hält stets seine schützende Hand über sie und bewahrt sie vor schwerer Arbeit. Dabei vernachlässigt er allerdings seine Frau, die in Michiko eine direkte Konkurrentin um die Liebe und Gunst ihres Mannes sieht. Nagende Eifersucht vergiftet die Beziehung zwischen Mutter und Tochter und führt schließlich zu einer folgenschweren Entscheidung: Als Michikos Vater beim Fischen ums Leben kommt, verkauft die Mutter das traumatisierte Mädchen an eine reiche Pensionswirtin in Kioto. Für Michiko beginnt eine harte Zeit voller Mühsal, Entbehrungen, Gewalt und Demütigungen.

Dann begegnet sie einem besonderen Gast und das Blatt scheint sich zu wenden: Kenzaburo ist jung, vermögend, ein Fürst und Spross eines alten und stolzen Kriegerclans. Er hält sich in Kioto auf, um dem Wunsch seines Vaters entsprechend Jura zu studieren. Michiko und Kenzaburo verlieben sich ineinander. Was noch klingt wie ein Hollywood-Märchen – der Adlige erscheint in strahlender Rüstung und rettet das arme, geschundene Fischermädchen – nimmt schnell eine tragische Wendung: Aus Liebe nutzt er sein Erspartes, um Michiko freizukaufen, bricht sein Studium gegen den väterlichen Willen ab und träumt von Auswanderung und Neuanfang in den USA. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten soll ihnen eine gemeinsame Lebensperspektive geben, doch der Weg dorthin ist weit, und das junge Paar auf sich gestellt und mittellos. Um sich und Michiko durchzubringen, verdingt Kenzaburo sich in Osaka als Hafenarbeiter. Dann wird Michiko schwanger und bringt ein gesundes Kind zur Welt: Asako…

Glück und Schmerz liegen in Aly Chas Debütroman eng beieinander. Unbarmherzig wiederholt sich das Schicksal: Immer wieder scheitern die Charaktere an erlittenem Unglück, an Bürden. Sie opfern sich und letztendlich ihre Töchter, unfähig, sie zu beschützen. Sind wir dazu verdammt, auf vorbestimmten Pfaden zu wandeln, ein vorgegebenes Schicksal zu erfüllen, oder haben wir unser Leben selbst in der Hand? Diese Frage drängt sich bei der Lektüre unweigerlich auf.

“Schnee im April” erinnert daran, wie kurz und kostbar das Leben ist. Viel zu schnell ist alles vorbei. Winter. Was bleibt, sind gestorbene Pläne, nicht realisierte Träume. Als sie die Kirschblüten fallen sieht, weiß Asako, dass Miho nicht zurückkehren wird. Yuki wird bleiben. Für immer. Und Asako versucht vielleicht ein Stückweit an dem Kind etwas gutzumachen, was sie selbst als Mutter nicht zu tun vermochte…

Aly Cha spiegelt in ihrem Roman gleich mehrere Generationen japanischer Frauen, die versuchen, einem scheinbar vorbestimmten, unbarmherzigen Schicksal zu entkommen. Sie nimmt mit in die Kultur Japans und gewährt tiefe Einflicke in ein Denken, Leben, Fühlen und Wahrnehmen, das uns Europäern oft sehr fremd erscheint. “Schnee im April” ist nicht “Pretty Woman” und auch nicht “Osaka Love Story”, aber nicht jeder große Roman braucht zwangsläufig ein Happy-End. Ein sehr bewegendes, ergreifendes Buch, das nachdenklich stimmt und melancholisch zurücklässt.

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Aly Cha
SCHNEE IM APRIL
Roman
aus dem Amerikanischen
von Ursula Gräfe
gebunden, 432 Seiten
ISBN: 978-3-0369-5602-2

Verlag
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Categories: Literatur

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