“Seasons of Love” von Michael Breyette

Schwule Lebenswelten – sinnlich, suggestiv, sexy

“Seasons of Love” ist bereits der zweite Bildband Michael Breyettes, der im Bruno Gmünder-Verlag erschienen ist. Das atemberaubende Cover hält, was es verspricht: Den Betrachter erwartet eine Auswahl von insgesamt sechzig beeindruckenden Werken des amerikanischen Ausnahmekünstlers, die in hochwertigem Vierfarbdruck – oft doppelseitig – präsentiert werden. Es handelt sich im wahrsten Sinn des Wortes um einen Bildband: Außer einem kurzen Vorwort, biographischen Informationen und einer Danksagung wurde auf Text gänzlich verzichtet. Dadurch, dass die Bilder für sich sprechen, wird die Kunst individuell zugänglich und erlaubt eine freie, völlig unbeeinflusste Herangehensweise an Motiv und Metier. Dennoch vermisst man andererseits Angaben zu Titeln, Größen, Entstehungsdaten und auch die persönlichen Kommentare Michael Breyettes.

Eröffnet wird die homoerotische Reise durch die Jahreszeiten nach einer Skizze von “My Morning Sun” mit dem doppelseitigen Bild “The Underwear Drawer”. Das Schlafzimmer ist in zarten, hellen Farben gehalten. Stilvoll und freundlich. Dunkel, geheimnisvoll hebt sich die Kommode davon ab. Sie ist mehr als ein rein funktionaler Aufbewahrungsort frischer Unterhosen. Dort sammeln sich alle möglichen persönlichen Dinge: Kondome, Gleitcreme, Toys, Bücher, vielleicht das eine oder andere Andenken. Mehr noch als Brieftasche oder Handy verrät diese private Zone etwas über Persönlichkeit und Leben ihres Besitzers. Für uns zieht Michael Breyette diese Schublade auf…

Seine Kunst ist mehr als reiner Selbstzweck, sie hat Nachwirkung, Langzeitwirkung. Beim Betrachten entsteht eine einzigartige Mischung aus Bewunderung und Ergriffenheit angesichts der gewährten, intimen Einblicke in das schwule Leben der heutigen Zeit. Man verliert jegliche Distanz, taucht ein in die dargestellte Situation, erlebt sie mit, erlebt sie nach und wird ein Teil des Ganzen.

Beachtlich ist Michael Breyettes Gespür für Komposition und Kolorierung: Seine in Pastellkreide gemalten Bilder bestechen durch ein Miteinander von Fantasie und Realität, durch farbliche Intensität und Sinnlichkeit. Die gezeigten Männer sind sexy, muskulös, fast überirdisch schön. Wahre Kunst, wobei sowohl weiche Flächen als auch harte Details zum Einsatz kommen und sich harmonisch zu einem Ganzen verbinden.

Jedes Werk erzählt eine ganz eigene Geschichte. Ausschnitte aus dem Alltagsleben sind es, die hier nach Jahreszeiten angeordnet werden. Allein oder zu zwei erwachen die Männer zum Leben: Singles und Paare, mal sexy, romantisch und wild, mal nachdenklich, abenteuerlustig oder verwegen. Sie sind Spiegel schwuler Sehnsüchte, Träume und Lebenswelten. So vielfältig und bunt wie das Leben selbst. Es ist ein vielfältiges Spiel mit Sexualität und Erotik, das vor allem eins bleibt: ästhetisch.

In der Lyman-Eyer Gallery, Provincetown, Massachusetts, gab es Ende August 2011 mit “Seasons of Love” eine gleichnamige Ausstellung der in diesem Band veröffentlichten Werke, so dass der Bildband durchaus als hochwertiger Ausstellungskatalog betrachtet werden kann.

Michael Breyettes Kunst erinnert an die Arbeit des amerikanischen Künstlers George Quaintance, der in den 1940ern und 50ern Männerträume wahr werden ließ: Auch er widmete sich homoerotischer Aktmalerei, wobei Kleidungsstücke stets die Geschlechtsteile verbergen. Quaintance legt den Fokus auf den eher machohaften Mann, was auch seine Vorliebe für entsprechende Stereotype erklärt.

Breyette verhüllt nicht, er zeigt. Beiden Künstlern gemeinsam ist die grenzenlose Liebe zur männlichen Anatomie, die Vorliebe für harte, muskulöse Körper, aber auch die Bewunderung ihrer Anmut. Um es mit den Worten Michael Breyettes selbst zu sagen: “Indeed, my pastel paintings are me screaming to the world,’I think the male body is beautiful’ and ‘when you’re gay you love, lust, laugh and cry just like everybody else!'”

Seine Biographie liest sich wie eine amerikanische Bilderbuch-Erfolgsgeschichte: Aufgewachsen ist er in der Provinz an der amerikanischen Ostküste. Seine Familie war konservativ, das gesellschaftliche Klima insgesamt ebenfalls alles andere als liberal. Damit begann das übliche Versteckspiel. Wann er angefangen hat zu zeichnen, weiß er heute nicht mehr. Um unliebsamen Fragen zu entgehen, integrierte er Frauen in seine Bilder. Und malte trotzdem vor allem die Männer in all ihrer sinnlich-atemberaubender Schönheit. Denn “I felt as long as my paintings featured a busty female, it was safe to include a muscular Adonis.” Wobei die eingebrachten Damen eher muskulös und insgesamt wenig feminin wirkten, wie Michael Breyette rückblickend einräumt.

Vielleicht war es gerade der Zwang, seine Bewunderung verbergen zu müssen, die ihn dazu brachte, Wünsche und Vorstellungen dann eben mit Bleistift und Farben auszuleben.

Aus finanziellen Gründen begann er schließlich mit Portraitmalerei, doch das Abarbeiten von Auftragsarbeiten befriedigt einen Künstler nicht. Das Glückgefühl erlosch im Zuge der existenzsichernden Pflichterfüllung, die jegliche Kreativität erstickte. Infolgedessen zog sich Michael Breyette zurück, rührte jahrelang Pinsel und Pastellkreide kaum noch an. Dann der Durchbruch: 1998 entdeckte er das Internet. Die ganz große Freiheit. Auf einer eigenen Website präsentierte er seine Werke, verkaufte Originale, später dann Drucke, erntete Lob, Bewunderung und wurde in der schwulen Community bekannt.

Was in seiner Heimat ausgeschlossen schien – sein Talent mit anderen Menschen zu teilen – wurde in den unendlichen Weiten des Webs Realität: Er teilte seine Kunst mit der ganzen Welt.

Michael Breyette lebt in Worcester, Massachusetts. In einigen wenigen Bildern hat er sich selbst portraitiert. Erwähnenswert ist besonders “Naked”, das auch Teil dieses wunderbaren Bildbandes ist.

(c) M. Hoevermann

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