“Shit Year” (OmU) DVD mit Ellen Barkin

Assoziativer Montagefilm mit umwerfender Hauptdarstellerin

Am 21. September 1962 schaltete die amerikanische Schauspielerin Bette Davis (1908-1989) eine legendäre Anzeige:

“Mother of three – 10, 11 & 15, divorcée. American. Thirty years experience in motion pictures. (…) Wants steady employment in Hollywood.” – “Mutter dreier Kinder – 10, 11 & 15, geschieden. Dreißig Jahre Filmerfahrung. […] Sucht feste Anstellung in Hollywood”.

Später behauptete sie, es sei ein Scherz gewesen. Aber selbst, wenn: Es steckt Wahrheit hinter diesen Worten. Während ergraute Herren durchaus gefragt in Heldenrollen sind, man denke etwa an George Clooney, Daniel Craig oder Richard Gere, haben es Frauen ungleich schwerer in Hollywood. Sie sind dem Schönheits- und Jugendwahn ausgeliefert. Jenseits der 40 heißt das: Schönheits-OPs und Non-Stop-Fitness-Training. Oft genug fällt trotzdem nur eine Nebenrolle ab, etwa die der Mutter, mütterlichen Freundin, die böse Schwiegermutter und dergleichen.

Inzwischen gibt es zum Glück auch Ausnahmen: Unerreicht ist Meryl Streep (* 1949), die 2008 in dem Musical “Mamma Mia!” auf ganzer Linie beeindruckte. Im Jahr 2003 spielte die attraktive Diane Keaton (* 1946) an der Seite von Jack Nicholson in der romantischen Komödie “Was das Herz begehrt” mühelos den übrigen weiblichen Cast an die Wand. Tilda Swinton (* 1960) verführte Brad Pitt in “Der seltsame Fall des Benjamin Button” (2008) und Julia Roberts, die Frau mit dem strahlenden Lächeln, durfte 2010 in “Eat, Pray, Love” als immerhin 43-Jährige zu einer Selbstfindung in ferne Länder aufbrechen. Doch Filme wie diese sind leider eine Seltenheit. Andere weibliche Stars wie Goldie Hawn (* 1945) sind nur noch hinter der Kamera tätig oder haben sich wie Jamie Lee Curtis (* 1958) aus dem Filmgeschäft zurückgezogen.

Genau damit befasst sich auch “Shit Year” mit der unvergleichlichen Ellen Barkin (* 1954) in der Hauptrolle. Diva Colleen West war einst eine gefeierte Schauspielerin. Im Rampenlicht zu Hause, von der Presse gefeiert, von Fans und Bewunderern hofiert. Sie stand auf der Bühne ebenso wie vor Fernsehkameras. Ein bewegtes Leben, eine beeindruckende Karriere. Doch nun scheint ihr berufliches Ende gekommen.

Noch einmal wurde sie in “Star Witness” auf den Brettern, die die Welt bedeuten, gefeiert. Allerdings sind neue Angebote nicht in Sicht. Die Affäre mit ihrem sehr viel jüngeren, hübschen Kollegen Harvey ist beendet, das letzte Fernsehinterview im Kasten, die Nachricht ihres Agenten verdeutlicht schmerzhaft: Hollywood hat kein Interesse mehr an der alternden Grand Dame. Also zieht sie sich zurück und begibt sich in die Berge. Allerdings stören lärmende Baumaschinen und die kontaktfreudige Nachbarin die ersehnte Ruhe… Der Alltag bricht in ihre Welt ein.

Dass der Film in schwarz-weiß gedreht wurde, lässt Colleen West wirklich wie eine alternde Diva erscheinen. “Shit Year” ruft die Erinnerung an weibliche Hollywood-Größen aus einer Zeit wach, als die Bilder erst das Laufen lernten.

Die Erzählweise ist dabei nicht chronologisch: Cam Archer inszeniert das Jahr der Hollywood-Größe als Montage: So springt der Film durch verschiedene Lebensabschnitte seiner Protagonistin, zeigt Traumsequenzen, real erlebte Momente, Gegenwart und Vergangenheit, aber auch eine düster und bedrohlich anmutende Zukunft. Mal schleicht jemand düster durch den Wald, dann sieht man Colleen West zu, wie sie ziellos durch einen Supermarkt läuft oder von ihrer arglosen, joggenden Nachbarin in belanglose Gespräche verwickelt wird. Das verlangt dem Zuschauer einiges an Konzentration und Kombinationsgabe ab.

Eine gewisse Ratlosigkeit stellt sich ein, als Colleen West wie in einer Halluzination an einen Ort gelangt, an dem sie von einer weiblichen Computerstimme immer wieder monoton aufgefordert wird, so zu atmen wie Harvey. Dadurch gelingt es schließlich, ihn erscheinen zu lassen. Allerdings wird er nicht real, er bleibt ein Traumbild, eine leere Hülle. So sehr sie Harvey auch zurückzaubern möchte, er bleibt verloren. Wahn und Wirklichkeit vermischen sich, während die alternde Diva immer tiefer in den Strudel ihrer Krise gesogen wird.

Wenn man sich auf diese filmischen Metaphern einlässt, taucht man ein in das Leben eines zutiefst einsamen, ehemaligen Stars, der versucht, mit der veränderten Situation umzugehen. Letztendlich erzählen die sich überlagernden Bilder als Metaphern von Einsamkeit, Verzweiflung und dem Versuch, die Realität zu meistern.

Man kann sich vor der Sogwirkung dieses Films nicht abschirmen, selbst wenn einige Sequenzen sich dem vollständigen Verständnis entziehen. Man klebt vor dem Fernseher und hat zeitweise das Gefühl, im Theater zu sitzen, ganz allein, nur mit Ellen Barkin als Colleen West auf der Bühne, ein letztes Mal im Scheinwerferlicht. Sie wirkt erschreckend echt. Ihre Zerbrechlichkeit tut fast körperlich weh. Vermutlich ist das auch das Geheimnis des Films: Im Grunde spielt Barkin ein Stück weit sich selbst.

Hat Colleen West wirklich nichts mehr zu verlieren? Wie kann oder könnte es weitergehen? Was bleibt übrig, wenn die Scheinwerfer ausgeschaltet sind? Letztendlich stellt sich auch die Frage nach der Identität einer Schauspielerin, deren Leben bislang darin bestanden hat, die Welt von anderen darzustellen.

Dieser künstlerisch anspruchsvolle, expressionistische Film ist eine Herausforderung für das Publikum. Aufgrund der verwendeten Montage-Technik fehlt eine durchgängige Handlung. Es ist kein Unterhaltungsfilm, sondern eher ein ausdrucksstarkes Ein-Personen-Stück.

Sehenswert? Ja! Unbedingt. Allerdings muss man dafür in der richtigen Stimmung sein. Und sich viel Zeit nehmen für das Ansehen und die folgende Introspektion.

(c) M. Hoevermann

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