“Sieben Minuten nach Mitternacht” von Patrick Ness

“Geschichten jagen, beißen und verfolgen dich.”

– Ein einzigartiges Meisterwerk

 

“Was vom Menschen unbewußt
Oder nicht bedacht,
Durch das Labyrinth der Brust
Wandelt in der Nacht.”
Johann Wolfgang von Goethe: “An den Mond” (1777)

Conor O’Malley ist 13 Jahre alt, und er hat es nicht leicht: Das Scheidungskind befindet sich am Beginn der Pubertät, wird in der Schule gemobbt, sein Vater hat die Familie verlassen – und seine Mutter ist schwer krank. Krebs. Mehr als alles andere macht ihm das zu schaffen. Er sieht ihren täglichen Kampf, erlebt ihre Schmerzen, ihre verzweifelten Versuche, stark zu sein, den Kampf ums Überleben – ihren festen Willen zu überleben. Und ahnt doch, dass sie ihn verlassen wird. Schon sehr bald. Am Ende der Schmerzen, des Leidens und der Bettlägerigkeit steht als Schreckensbild der Tod. Sämtliche Alltagssorgen scheinen banal angesichts dieses furchtbaren Gedankens. Wie soll man das verkraften? Den Verlust der über alles geliebten Mutter?

Tag für Tag versucht Conor, stark zu sein. Erwachsen. Sein Frühstück bereitet er selbst zu, erledigt Wäsche und Haushalt, kümmert sich um Schulisches. Er erfüllt Erwartungen, für seine Mutter, die Großmutter, sich selbst.

Es gibt vieles, das Conor weiß und ahnt. Dinge, die zu viel sind für einen heranwachsenden Jungen seines Alters. Und es gibt ebenso vieles, das er nicht weiß, das von ihm ferngehalten wird in dem sinnlosen Versuch, ihn ein Stückweit vor Wahrheit und Realität zu schützen. Letztendlich bedeutet das jedoch nur eins: Er selbst bleibt sprachlos, ungehört. Er ist er mit seinen Gedanken und Nöten vollkommen allein.

Nachts plagen ihn Alpträume, Visionen; namenlose Ängste, nicht benennbare Gefühle und eingesperrte Gedanken bahnen sich ihren Weg aus seinem Unterbewusstsein an die Oberfläche, ob er will oder nicht. Doch dann geschieht etwas Unerwartetes: Ein schreckliches Monster schaut durch sein Schlafzimmerfenster. Es ist nur wegen Conor gekommen, und es trägt die Weisheit der Welt in sich. Drei Geschichten werde es erzählen, verkündet es. Denn “Geschichten sind das Gefährlichste von der Welt. […] Geschichten jagen, beißen und verfolgen dich.” Als Gegenleistung müsse Conor allerdings am Ende die Wahrheit sagen. Nicht irgendeine Wahrheit, seine eigene. Die vierte Geschichte, die wird der Junge am Ende selbst erzählen…

Trauer und Verlust sind zugleich etwas sehr Universelles und zutiefst Individuelles. Für den unermesslichen Schmerz, den man empfindet, wenn ein wichtiger Mensch stirbt, gibt es keine Worte, kann es keine Worte geben. Man kann es nicht aussprechen, nicht teilen. Trotzdem muss man sich dieser Erfahrung stellen, man muss loslassen. Aber… darf man das überhaupt? Muss man das vielleicht sogar? Verliert man den geliebten Menschen dann nicht? Oder verliert man womöglich sich selbst, wenn man genau das nicht tut?

Das weltweise Monster erweist sich nicht als das, was es zu sein scheint. Es ist kein weiteres Ungeheuer, nicht das personifizierte Böse oder das Grauen in Baumgestalt. Es ist das Leben selbst, das gekommen ist, um Conor aus seinem nicht endenden Alptraum zu befreien. Es konfrontiert es ihn mit einer Einsicht, die genauso wahr ist wie schmerzhaft, die hoffnungslos macht und entlastet. Schließlich bricht Conors eiserne Kontrolle zusammen und alles aus ihm heraus: Wut, Verzweiflung und Erkenntnis – eine unaufhaltsame Explosion der Emotionen.

Endlich kann man auf ein Jugendbuch zurückgreifen, das keine einfache Schwarz-Weiß-Dichotomie betreibt, sondern wahrhaft komplex und vielschichtig ist. Beim Umgang mit den schwierigen Themen Tod, Trauer und Verlust schlägt Autor Patrick Ness einen vollkommen neuen Weg ein. Endlich ein Buch, das mehr ist als eine Variation des Bekannten, mehr als ein Echo anderer Werke.

Sprachlich elegant besticht “Sieben Minuten nach Mitternacht” durch literarische Schönheit, Tiefe und seine universelle Aussage. Das macht dieses Buch zu einem Ereignis, sowohl für jugendliche als auch für erwachsene Leser. Vorausgesetzt, man ist bereit, sich darauf einzulassen und den Weg mit Conor bis zum unausweichlichen Ende mitzugehen. Für Heranwachsende in einer ähnlichen Lebenssituation kann es ein Freund und eine Stütze in der härtesten Zeit ihres Lebens sein.

Das hochwertig gestaltete, fest gebundene Buch ist durchgängig mit eindringlichen Zeichnungen von Jim Kay illustriert. Mal erscheint der Text schwarz auf weiß, mal weiß auf schwarz und mal sind die Bilder selbst der eigentlich wesentliche Text. Der stilvoll designte Umschlag, das gewählte Titelbild und das Lesebändchen sowie auch das ungewöhnliche große Format machen es zudem zu einer Freude für Liebhaberinnen und Liebhaber schön gestalteter Bücher. Es ist ein Band, den man gern berührt und von dem man zutiefst berührt wird. Ein einzigartiges, einmaliges Werk, das lange nachhallt.

Das Lob für die Grundidee zu “Sieben Minuten nach Mitternacht” gebührt der irischen Jugendbuchautorin Siobhan Dowd, die 2007 nach langem, schweren Leiden an Brustkrebs verstarb. Ihr neues Projekt konnte sie nicht mehr vollenden; alles, was sie hinterließ, waren ein skizzenhaftes Handlungsgerüst und eine von dem Konzept begeisterte Lektorin, die unbedingt wollte – zu Recht – dass dieses Buch niedergeschrieben wird.

Der mehrfach für seine Romane ausgezeichnete Autor und Literaturkritiker Patrick Ness nahm die Herausforderung an: Unter seinen kundigen, einfühlsamen Händen verwandelte sich das vorhandene, spärliche Material in ein beeindruckend kluges Buch mit ganz eigener Note. Märchenhaft, phantasievoll und zugleich schmerzhaft real und jenseits jeglicher Fluchtmöglichkeiten in Phantasiewelten. Sehr empfehlenswert!

© M. Hoevermann

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Categories: Literatur

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