“Soll das ein Witz sein?: Über Humor, Satire, tiefere Bedeutung” von Hellmuth Karasek

(Kein) Schenkelklopfer – Annäherungen an den Witz

Wer kennt das nicht? Man hat es eilig, will nur schnell wieder raus aus dem Laden. Ausgerechnet dann steht jemand mit schier unerschöpflichem Zeitkontingent zuerst an der Kasse. So auch letztens im Lebensmittelmarkt. Ein älterer Herr reihte Witz an Witz, wobei er die ältesten Kalauer als eigene Erfindungen verkaufte. “Oft sagt meine Frau, ‘Schatz, ich kann dich nicht arbeiten sehen, mach mal die Tür zu’…” Die Kassiererin verzog gequält die Mundwinkel. Ich lache dann übermorgen. Witze sind allgegenwärtig. Ob sie auch funktionieren, steht auf einem anderen Blatt.

Beweist es tatsächlich Humor, wenn man trotzdem lacht? Humor, was ist das überhaupt? Journalist und Autor Hellmut Karasek, bekannt aus “ZEIT” und “SPIEGEL”, ist ein leidenschaftlicher Witzesammler. In seinem neuesten Buch “Soll das ein Witz sein?” widmet er sich den kurzen, humoristischen Erzählungen, beleuchtet Herkunft und Funktion und gibt vergnügliche Einblicke in seinen reichhaltigen Fundus aus nahezu allen Bereichen des Lebens.

Ein Witz ist eine Art intellektuelles Kitzeln: Was sich in einem Roman oft auf hunderten von Seiten entfaltet, entsteht hier innerhalb weniger Zeilen. Eine Situation wird skizziert, Spannung in einer kleinen Rahmenhandlung aufgebaut. Diese entlädt sich dann in schallendem Gelächter, Glucksen oder Grinsen. Außer der Witz ist schwach oder schießt über das anvisierte Ziel hinaus. Dann verursacht er eine Bandbreite unterschiedlichster Gefühle: von Abwehr bis Fremdschämen. Manche Witze gehen unter die Gürtellinie, unter die Haut, schlichtweg zu weit. Sie sind erbarmungslos und verletzend oder provokant und bewusst rassistisch. Denn Witze kennen keine Tabuzonen. Sie versprachlichen, was sonst nicht gesagt werden darf, und bringen es an die Stammtische, in Friseursalons, in Wohnstuben und Klassenzimmer.

Dementsprechend kommt die Psychologie hinter der Pointe bei Hellmut Karasek nicht zu kurz: Wodurch wird ein Witz witzig? Wie und warum wird man zum Witzeerzähler? Worin liegt der Unterschied zwischen guten und schlechten (professionellen) Scherzkeksen und wie gelingt er wirklich, der Witz?

Karasek zeigt: Witze erzählt man als Ersatzhandlung, etwa, um eigene Schwächen zu vertuschen. Aber auch überbordender Einfallsreichtum lässt Menschen in die Humorkiste greifen. Männer geben gern Schlüpfriges, so genannte Zoten, zum Besten. Besonders natürlich, wenn eine Frau gerade noch in Hörweite ist. Frauen dagegen erklären sich auf diesem Gebiet für untauglich. Angeblich verfügen sie über kein Witzegedächtnis. Gibt es also Unterschiede zwischen weiblichem und männlichem Humor? Auch dieser Frage spürt der Autor nach. Nicht nur der Erzähler, auch der Zuhörer ist von zentraler Bedeutung für einen gelungenen Witz. Die Kommunikation muss stimmen. Die Erzählung darf nicht zu lang, nicht zu kurz sein. Oft lebt sie von Aussparungen, von der Fantasie des Empfängers, der die Lücken selbst füllt.

Kulturwissenschaftlich besonders interessant ist der Fokus auf bestimmte Witzarten: So nimmt der jüdische Witz eine Sonderstellung ein. Auch erotische Witze, Tierwitze, Witze über das Älterwerden und politische Witze nimmt Hellmut Karasek unter die Lupe. Klischeefiguren wie dumme Blondinen, prollige Mantafahrer oder geizige Schotten sind ebenso wie Vertreter der medizinischen Zunft beliebte Witzfiguren. Sie sollen amüsieren, unterhalten, zum Dampfablassen anregen. Manchmal gewinnen die Ergebnisse sexistische, manchmal rassistische Züge. Und so mancher Erzähler gibt unfreiwillig mehr preis, als er urprünglich wollte. Etwa in Form des Freud’schen Versprechers. Auch darauf geht Karasek natürlich ein.

Er zeigt die vielfältigen Wirkungsweisen und Bedeutungsebenen des Lachens. Wie kommt es, dass das Lachen in der deutschen Sprache eher negativ konnotiert ist? Man lacht sich krank, krumm und tot, kringelig, scheckig oder platzt vor Lachen. Lachen baut soziale Bindungen auf und zwischenmenschliche Spannungen ab. Man sucht Kontakt und teilt letztendlich etwas miteinander. Darum funktionieren Komödien im Kino bzw. Witze- und Comedyshows auch vor allem vor Publikum: Erst in der Gruppe kommt es zum offenen Gefühlsausbruch. Erst dann macht es richtig Laune.

Will man herzlich lachen, sollte man auf die CD Ist das ein Witz?: Kommt ein Literaturkritiker zum Arzt …von Eckart von Hirschhausen und Hellmuth Karasek zurückgreifen. Der Mediziner und der Literaturkritiker scherzen, witzeln, sorgen für Stimmung – und zeigen ganz nebenbei in der Praxis, was hier in der Theorie beleuchtet wird: das Wesen des Witzes und die dahinter stehende Erzählkunst sowie Rezeption.

Wer sich mit der Kulturgeschichte und Psychologie des Witzes befassen möchte, ist mit diesem Buch bestens bedient. Es ist eine intelligente und unterhaltsame, populärwissenschaftliche Zusammenstellung der Erkenntnisse der Humorforschung. Die dazwischen immer wieder eingestreuten Witze dienen der Veranschaulichung: Sie lockern auf und amüsieren oder dienen zur Erklärung und als Basis einer tieferen Auseinandersetzung. Angeregt wurde dieses unterhaltsame Buch von den gemeinsamen Auftritten des erfolgreichen Duos. – Empfehlenswert und kurzweilig!

(c) M. Hoevermann

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Categories: Humor, Sachbücher

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