“Spiegelkind” von Alina Bronsky

Spannender, gesellschaftskritischer Genre-Mix

Moderne Jugendliteratur kann Spannung und Anspruch durchaus vereinen! Das zeigt der neue Roman “Spiegelkind” von Alina Bronsky, der durch Fantasy-Elemente, Realismus und Gesellschaftskritik besticht.

Das Setting ist eine fiktive, dystophe Gegenwelt, in der die Gesellschaft streng in unterschiedliche soziale Klassen eingeteilt ist. Die Überwachung der Bevölkerung hat neue Höhen erreicht. So etwas wie Datenschutz existiert praktisch nicht mehr, denn die Normalbevölkerung – Angehörige der Mittelschicht – ist mit Armbändern ausgestattet, in denen ihre gesamten Informationen gespeichert sind. Normal sein ist ohnehin eklatant wichtig. Bloß nicht durch Anderssein auffallen, bloß nicht anecken. Der Kontakt mit anderen Menschen ist vorsichtig, oberflächlich. Freaks sind zu meiden, Pheen sind Aussätzige.

Juliane, genannt Juli, ist 15 Jahre alt und Scheidungskind. Die Eltern teilen die Sorge für die drei Kinder wochenweise untereinander auf. So kommen sie mit der Situation insgesamt recht gut zurecht. Erst als Juli in einer Mutterwoche stattdessen ihren Vater in der verwüsteten Wohnung entdeckt, ist plötzlich nichts mehr so, wie es war. Ihre Mutter ist verschwunden. Aber warum? Hat sie ihre Familie einfach im Stich gelassen? Die Ermittlungen gehen nicht so recht voran. Die Polizei wirkt nicht so, als nehme sie die Arbeit sonderlich ernst. Das weckt Julis Argwohn. Sie vermutet eine Entführung.

Eigentlich ist Juliane wie alle anderen. Ganz normal. Sie besucht das elitäre Lyzeum, hat Top-Noten, ist gehorsam, folgt den geltenden Normen und Regeln. Kurz gesagt: Sie verschwindet unauffällig in der Allgemeinheit. Doch nun erfährt sie etwas zutiefst Erschütterndes: Sie ist nicht die, die sie zu sein glaubt. Ihre Mutter hütet ein dunkles Geheimnis. Sie wollte ihre Kinder vor diesem Wissen schützen, denn sie ist eine Phee. Das personifizierte Schimpfwort. Eine von jenen unsterblichen Wesen, die aufgrund ihrer außergewöhnlichen Fähigkeiten von den Normalen gefürchtet, gehasst und verfolgt werden.

Eigentlich hat Juliane immer ein sehr inniges Verhältnis zu ihrem Vater gehabt. Doch nun beginnt die Nähe zwischen ihnen zu bröckeln. Sie löst sich aus den vertrauten Familienstrukturen, schließt Freundschaft mit Ksü, einem Mädchen, von dem man sie fernhalten will, und sie tut, was sie tun muss: Sie begibt sich auf die Suche nach ihrer Mutter. Und ihr Weg führt sie hinein in eine ihr bis dahin unbekannte Welt, in die Welt der Pheen, zu der der auch sie selbst gehört. Bilder sind es, die ihr die Türen in eine Parallelwelt aufstoßen. Sie muss erwachsen werden, Entscheidungen treffen, sich selbst finden. Juli steht am Beginn einer Reise, die alles verändern wird…

Die Charaktere sind vielschichtig angelegt, auch wenn es anfangs nicht so wirken mag. Sie bekommen im Verlauf der Handlung Kontur und Tiefe. Nicht alle genretypischen Erwartungen werden erfüllt bzw. befriedigt, und das macht den großen Reiz dieses Romans aus: Er vermag zu überraschen!

Ein tatsächliches Ende, einen runden Abschluss gibt es nicht. “Spiegelkind” ist Auftakt einer als Trilogie geplanten Reihe. Man darf auf die nächsten Teile mehr als gespannt sein. Das Buch eignet sich dank seiner Vielschichtigkeit und dystopen Untertöne durchaus auch für erwachsene Lesende. Es fällt in die Rubrik der Werke, die sich durch eine gewisse Zeitlosigkeit auszeichnen und Menschen aller Altersgruppen ansprechen.

Die Geschichte liest sich zügig und spannend. Auch junge Lesende mit wenig Leseerfahrung werden das Buch kaum aus der Hand legen wollen. Die eher kurz gehaltenen Kapitel sind einladend und junge Lesende werden geschickt durch den vielschichtigen Inhalt geführt.

Nicht zuletzt ist es ein wunderschön gestaltetes Buch mit fantastischem Cover, Schutzumschlag, Lesebänden und dem gewissen Etwas. Es macht Freude, diesen hochwertigen, aufwendig produzierten Band zu berühren. Die Covergestaltung regt die Fantasie an, macht neugierig und wer sich auf das Leseabenteuer einlässt und bis zum Ende durchgehalten hat, wird bei dem Cliffhanger darauf brennen zu erfahren, wie es weitergeht. Um Jugendliche an Bücher heranzuführen, ist “Spiegelkind” eine gute Wahl!

Die deutsche Schriftstellerin Alina Bronsky, Jahrgang 1978, landete mit ihrem Debütroman “Scherbenpark” einen Überraschungserfolg. Sie hatte das Manuskript unaufgefordert an drei Verlage geschickt. Und es wurde angenommen. Sie wurde für diverse Preise nominiert, darunter auch für den Deutschen Jugendliteraturpreis (2009). Ihr zweiter Roman “Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche” schaffte es im Jahr darauf sogar auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis.

(c) M. Hoevermann

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Categories: Kinder- und Jugendliteratur, Literatur, Science Fiction & Fantasy

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