“Stadt Land Fluss”, DVD mit Lukas Steltner

Mitten aus dem wahren Landleben: “Bauer sucht…”

Ein bisschen muss man unweigerlich an das Real-Life-Format “Bauer sucht Frau” denken, in dem 2011 erstmals ein Mann einen Partner suchte und fand. Doch was RTL2 natürlich scripted und medienwirksam aufbereitet, so dass es gut zwischen die Werbe-Einblendungen passt, wirkt hier verblüffend echt.

Man erlebt, was Landwirtschaft bedeutet. Die Einblicke in Arbeitssituationen, sei es bei der Möhrenaufbereitung oder beim Kennzeichnen eines Kalbes in der Rinderherde mit Plastikohrmarken, sind realistisch. Auch die auf dem Bauernhof tätigen Personen spielen keine Rolle, sie sind in der Tat echt und zeigen, wie ihr Alltag aussieht. Man merkt an Dialekt, Wortwahl und Intonation, dass hier kein Drehbuchtext auswendig gelernt wurde. Sie reden, wie sie reden würden, wenn kein Kamerateam dabei wäre. Gerade so, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Azubis in diesem Arbeitsfeld haben es nicht leicht. Körperlich, aber auch geistig wird ihnen einiges abverlangt. Der monatliche Lohn ist – ebenso wie das allgemeine Ansehen in der Bevölkerung – nicht unbedingt erschlagend hoch.

Darum ist die Verblüffung groß, als der neue Praktikant auf den Hof kommt und von seiner abgebrochenen Ausbildung berichtet. Bankkaufmann hätte er werden, im ersten Lehrjahr schon über 800 Euro verdienen können. Und doch hat er diesen sicheren, sauberen Schlipsträger-Bürojob hingeworfen. Er will eben etwas anderes machen. Offenbar hat er Banker in erster Linie als arrogant und lebensfern erlebt und konnte sich in Einstellung und Milieu nicht wiederfinden. Ein mutiger Entschluss!

Marco (Lukas Steltner) steht kurz davor, seine Ausbildung zu beenden. Er ist sehr still, in sich gekehrt, ein wortkarger Einzelgänger. Jakob (Kai-Michael Müller) soll Seite an Seite mit ihm arbeiten und ihm bei bestimmten Tätigkeiten über die Schulter schauen. Beide Jungdarsteller wirken sehr realistisch, ungekünstelt und natürlich. Sie fügen sich hervorragend in den restlichen Cast ein. Dadurch entsteht das glaubhafte Porträt einer beginnenden, homosexuellen Liebe auf dem Land.

Die Tonqualität ist teilweise sehr schlecht. Selbst wenn man die Lautstärke hochdreht, bleiben einige Worte unverständlich oder gehen in den Umgebungsgeräuschen unter. Auch das unterstreicht jedoch, ebenso wie die z.T. fehlende Musik, den dokumentarischen Charakter dieses Films. Es wird nicht extra laut und deutlich für die Kamera gesprochen, der Originalton nicht in einem Studio nachsynchronisiert, den Gefühlen der Zuschauer nicht musikalisch nachgeholfen. Zudem kommt der Film in weiten Teilen ohnehin ganz ohne Text, ohne Dialoge aus. Man sieht die Bilder, das Geschehen erschließt sich über das Visuelle von selbst. Dementsprechend ist es ein ruhiger Film, für den man sich Zeit nehmen muss. Gerade wegen der behutsamen Entwicklung wirkt die Beziehung zwischen den beiden jungen Männern so bestechend authentisch. Es scheint, als würde man Marco und Jakob heimlich dabei beobachten, wie sie sich ineinander verlieben und diesen ersten, zärtlichen Gefühlen schließlich nachgeben. Allein diese Szene sind das Anschauen mehr als wert!

Jugendliche und junge Erwachsene können viel aus diesem Film mitnehmen. Er vermittelt Einblicke in die Realität einer Ausbildung, verdeutlicht, wie wichtig echtes Interesse an dem gewählten Beruf ist und auch, dass Geld nicht so wichtig ist wie die Zufriedenheit mit der Tätigkeit. Natürlich sollte man von der Arbeit leben können (das ist heutzutage nicht unbedingt gewährleistet), aber glücklich machen kann nur die Tätigkeit selbst. “Stadt, Land, Fluss” ist ein Plädoyer dafür, dass man zu sich selbst stehen sollte. Sowohl, was die berufliche Laufbahn betrifft als auch, was die Gefühle angeht. Wie wird die Gesellschaft damit umgehen? Wie viel Offenheit ist lebbar?

Ein schöner, ruhiger Coming-Out-Film mit Happy-End, der sich durch seinen dokumentarischen Charakter überaus wohltuend von durchgestylten Hochglanzproduktionen abhebt. Allerdings ist es nicht unbedingt eine Geschichte, die man immer wieder aus dem DVD-Regal zieht, sondern eher etwas für den einmaligen Genuss.

(c) M. Hoevermann

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Categories: Dokumentationen, DVDs - Filme und Serien, DVDs -Filme

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